Wort zum Tage, 10.10.2015

von Joachim Opahle aus Berlin

Unheilbar religiös?

„Ich bin nicht Christ und auch nicht Atheist, ich bin normal!“ antwortet die Frau auf die Frage, ob sie eine religiöse Überzeugung habe. Doch was ist schon normal. Dass Menschen das Leben religiös deuten und andere nicht, hängt angeblich auch mit der genetischen Ausstattung des Einzelnen zusammen. Darauf haben Evolutionsforscher aufmerksam gemacht. Demnach wäre die Fähigkeit, fromm zu sein, so ähnlich zu verstehen, wie musikalisch zu sein. Das muss einem auch irgendwie in die Wiege gelegt werden.

Gibt es tatsächlich jemanden, der religiös total „unmusikalisch“ ist? Oder sind Menschen umgekehrt „unheilbar religiös“ und wissen es nur nicht, wie manche Anthropologen sagen? Ich kann darauf keine Antwort geben. Es ist vielleicht auch gar nicht wichtig, solche Fragen endgültig, gar wissenschaftlich beantworten zu wollen. Wichtiger ist meine Haltung gegenüber denen, für die Religion, Glaube und Gott wichtig sind.

Manchmal begegne ich Zeitgenossen, die eine undefinierte Angst vor allem Religiösen haben. Jemand der betet, ist ihnen suspekt. Den Anblick eines Moslems, der seinen Gebetsteppich ausrollt, darauf niederkniet und sich zu Boden neigt, finden sie peinlich.

Ebenfalls weit verbreitet ist die Ansicht, dass Religionen allgemein zum Unfrieden beitragen. Gäbe es keine Frömmigkeit, so glauben sie, hätte die Welt weniger Probleme. Solche Zeitgenossen nehmen Religion vor allem negativ wahr, als Störfaktor. Als Aberglauben, der zu allerhand wirklichkeitsfremden Reaktionen verführt.

Was einem Religion, Glaube und Gott bedeuten, hängt davon ab, wie wir unsere Erfahrungen im Alltag überhaupt deuten. Alles Zufall? Gibt es einen letzten Sinn? Hängen Zufriedenheit und Wohlbefinden allein von mir selbst ab? Gibt es am Ende des Lebens eine ausgleichende Gerechtigkeit? All das sind Fragen, die ich – wenn ich sie überhaupt beantworten will – nur aufgrund meiner bisherigen Lebenserfahrung versuchen kann.

Wer auf der Suche nach religiösen Erfahrungen ist, dem rate ich, einmal kurz nachzudenken: Warum bin ich überhaupt da? Wem verdanke ich mich? Über diese Fragen hat schon mancher die Tür zum Jenseits einen kleinen Spalt breit öffnen können.


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Dieser Beitrag wurde am 10.10.2015 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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