Wort zum Tage, 09.10.2015

von Joachim Opahle aus Berlin

Glauben heißt, geheimnisvoll zu leben

„Mein Glaube gibt mir Sicherheit“, sagt der Nachbar in der Kirchenbank. „Sind Sie ein ängstlicher Mensch“?, frage ich zurück. „Nein“ sagt er, „aber irgendwer muss ja schließlich sagen, was gilt: Welche Werte die richtigen sind, worin die Würde des Menschen besteht, was gut und böse ist, und so weiter. „Sonst“, so fügt er hinzu, „wird der Mensch zum Tier“.

Dass der Mensch zum Tier werden kann, dafür gibt es genügend Beispiele. Und dass die Religion für Millionen von Menschen einen festen Grund darstellt, worauf sie ihr Leben bauen, steht auch außer Zweifel. Und doch berichten Gläubige oft davon, dass ihnen auf ihrem spirituellen Wanderweg erst vielerlei Sicherheiten genommen wurden, bevor sie neue Einsichten fanden. Der biblische Glaube beginnt zum Beispiel mit einer solchen Zumutung: Abraham, dem Stammvater der jüdischen, christlichen und moslemischen Religion, wird zugemutet, erst mal alles zu verlassen, was ihm bisher vertraut war: seine Heimat, aber auch sein bisheriges Denken.

Und auch der Glaube an den auferstandenen Christus entstand nicht, weil die Jünger Jesu nach Sicherheit suchten. Er wurde erst nach und nach plausibel, nachdem die Anhänger Jesu gehörig verunsichert und verstreut waren. Und bis heute bleibt es ein Geheimnis, wie dieser Glaube überhaupt die Herzen und den Verstand der ersten Christen erreichen konnte.

Der Weg zu Gott ist mitunter lang und schwierig, mit Umwegen und Sackgassen. Es ist eine Suchbewegung, genährt von vielen Erfahrungen, Begegnungen und vielleicht auch Enttäuschungen. Ich glaube nicht, dass man die Wege der Gottessuche abkürzen kann. Vielmehr denke ich, dass der tschechische Theologe Tomas Halik recht hat, wenn er sagt: „Der Glaube ist nicht dazu da, um unseren Durst nach Gewissheit und Sicherheit zu stillen, sondern um uns zu lehren, mit dem Geheimnis zu leben.“

Zitat Halik nach: Geduld mit Gott, Leidenschaft und Geduld in Zeiten des Glaubens und des Unglaubens, Vorwort, 2 Zeilen, Verlag Herder Freiburg 2010


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Dieser Beitrag wurde am 09.10.2015 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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