Wort zum Tage, 08.10.2015

von Joachim Opahle aus Berlin

Mein Gottesbild

Der Götterhimmel der alten Griechen war reich besetzt. Für jede menschliche Empfindung gab es einen zuständigen Gott. Schon damals aber gab es Kritiker, die den Götterhimmel eher mit Augenzwinkern quittierten und der himmlischen Welt nicht so recht trauten. Alles nur Einbildung, sagte zum Beispiel der Philosoph Xenophanes. Im fünften Jahrhundert vor Christus schrieb er: „Wenn die Pferde Götter hätten, dann sähen sie wie Pferde aus. Und wenn Löwen Götterstatuen in Stein meißeln könnten, dann würden diese bestimmt wie Löwen aussehen!“ Der Mensch, so lautete sein Vorwurf, schafft sich Gott nach seinem Bilde. Also kam er zu dem Schluss: Götter existieren nicht an sich, sondern sind nur Projektionen eigener Hoffnungen und Wünsche.

Was soll man dazu sagen? Selbstverständlich stellen wir Menschen uns den Himmel, das Jenseits und Gott mit Hilfe menschlicher Phantasien vor. Andere Möglichkeiten als menschliche haben wir ja nicht. Das muss aber nicht heißen, dass alles nur eine Wunschvorstellung ist.

Käme ein Reisender zu mir, und erzählte mir von einem fernen Land und schilderte mir die Blumen und Tiere, so würde ich sie mir auch ausmalen mit der Phantasie, die mir zu eigen ist. Und trotzdem kann das Land, von dem mir der Reisende erzählt,  für sich genommen existieren.

Die biblische Religion hat von Anfang an dafür gesorgt, dass Gott nicht einfach vermenschlicht wird. Streng befindet sie: Du sollst dir kein Bildnis machen. Denn der Gott, den der Urvater Abraham erfahren hat und den Jesus vertraulich „Abba“, Vater, nennt, dieser Gott entzieht sich der menschlichen Vorstellungskraft. „Niemand hat Gott je gesehen“, so oder ähnlich steht es oft in der Bibel. Gott entsteht nicht nach des Menschen Bild, sondern umgekehrt: Der Mensch wird erschaffen nach Gottes Bild.

Wer also Gott sucht, muss sich zu den Menschen aufmachen. Ihnen zugewandt, wird er finden, was es mit Gott auf sich hat. Wenn er barmherzig ist, wenn er vergeben kann, wenn er liebt, bedingungslos und uneigennützig, wenn er vor dem Elend nicht die Augen verschließt, dann ist er Gott nahe. Manchmal kann man ihn dann auch sehen. Aber er sieht meist anders aus, als man ihn sich zuvor vorgestellt hat.


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Dieser Beitrag wurde am 08.10.2015 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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