Wort zum Tage, 06.10.2015

von Joachim Opahle aus Berlin

Streit um die rechte Lehre

In Rom hat dieser Tage die Bischofssynode zu Fragen von Ehe und Familie begonnen. Die Erwartungen in aller Welt sind hoch. Es gibt Euphorie, aber auch Skepsis in  der Frage, ob die Kirche zu Reformen bereit und fähig ist. Und ob Reformen in Dingen des Glaubens überhaupt ein probates Mittel sind. Schließlich gilt der Kern des Glaubens als göttliche Offenbarung, als ewige Wahrheit, als unwandelbar.

Das alltägliche Leben allerdings ist nicht immer leicht mit den so genannten Wahrheiten der Bibel und deren Interpretation durch das Lehramt in Übereinstimmung zu bringen. Wer aufmerksam im Neuen Testament liest, wird des Öfteren darauf stoßen, dass auch Jesus selbst so seine Konflikte mit den Glaubenshütern seiner Zeit hatte. „Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?“ (Mk 7,5), so fragen ihn einmal die Schriftgelehrten. Hintergrund ist eine strittige Frage in Zusammenhang mit den jüdischen Reinheitsvorschriften.

Bei der Synode in Rom geht es im Wesentlichen um die Frage: Wie wahr ist die Offenbarung, also wie ewig gültig? Und wie barmherzig und flexibel muss die Kirche gegenüber solchen Menschen sein, die dieser Wahrheit nicht entsprechen können. Und ich glaube, dass wir einen gerechten Ausgleich finden müssen zwischen dem, was wir als wahr erkannt haben, und dem, was wir als barmherzig empfinden. Etwa in der Frage, ob jemand nach einer gescheiterten Ehe und mit einer neuen Beziehung noch willkommen ist im Kreis der christlichen Gemeinde.

Die Offenbarungswahrheit ist ja kein in Stein gemeißeltes starres System, sondern ein durch den Geist des lebendigen Gottes in die Herzen geschriebener Liebesbrief Gottes. Das Evangelium ist zwar immer dasselbe, und trotzdem muss es immer neu aufgeschlossen werden.

Barmherzigkeit kann die christliche Wahrheit nicht aufheben. Die Wahrheit darf aber auch die Barmherzigkeit nicht opfern auf dem Altar der Rechtgläubigkeit. Die biblische Mahnung, "in der Wahrheit Christi zu bleiben", schließt die andere, "in der Liebe Christi zu bleiben", ein.


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Dieser Beitrag wurde am 06.10.2015 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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