Wort zum Tage, 05.10.2015

von Joachim Opahle aus Berlin

Erntedank

Als ich jung war, sangen wir oft mit Hingabe das Lied „Danke für diesen guten Morgen“. Es war ein rechter Gassenhauer. Bisweilen haben wir es auf zehn und mehr Strophen gebracht. Ein besonderer Effekt wurde dadurch erreicht, dass man jede Strophe einen halben Ton höher sang. So schwangen wir uns auf in gesanglich-luftige Höhen - bis die Stimme nicht mehr weiter wollte. 

Wofür da nicht alles gedankt wurde: für die Arbeitsstelle, für das kleine Glück, für gute Freunde, dafür, dass man Feinden verzeihen kann, auch für Traurigkeiten, für die Musik, und nicht zuletzt dafür, dass man überhaupt danken kann.

Denn Dankbarkeit ist nicht mehr selbstverständlich. Für das meiste, was uns im Leben begegnet, empfinden wir hierzulande nicht ausdrücklich Dankbarkeit. Das hat sich durch die Flüchtlinge geändert. Wenn man ihnen zuhört und erfährt, wofür sie nach den Strapazen einer wochenlangen Odyssee dankbar sind, kann man durchaus ins Grübeln kommen: dankbar sein für ein friedliches Land, für ausreichend Nahrung und Sicherheit, für ein Schul- und Sozialsystem, was zu den besten der Welt gehört.

Gestern wurde in vielen Gemeinden das Erntedankfest begangen. In den Gottesdiensten dreht sich dann vieles um Obst und Gemüse; Dinge, die wir ernten können nach einem fruchtbaren und arbeitsreichen Sommer. Liebevoll gestaltete Altäre und Blumengebinde rühmen den Reichtum der Natur und die menschliche Fähigkeit, dieser wilden Natur Nahrungsmittel abzugewinnen.

Aber nicht nur ausreichend Nahrung stimmt mich dankbar. Auch dass ich gesund bin, ein Dach über dem Kopf habe; dass mir keiner nach dem Leben trachtet. Und alles, was mein Herz wärmt, stimmt mich dankbar: ein spektakulärer Sonnenaufgang, ein Nachthimmel voller Sterne, die Gipfel der Berge oder der weite Horizont über dem Meer. Ja, es stimmt: Das meiste, was mich freut, habe ich nicht selbst gemacht. Andere haben es mir geschenkt.

Von Don Bosco, dessen 200.Geburtstag noch nicht lange zurückliegt, stammt der schöne Gedanke: „Vergiss die geleisteten, aber vergiss nie die empfangenen Wohltaten“.

Lied "Danke für diesen guten Morgen": Katholisches Gebet- und Gesangbuch Gotteslob, Katholische Bibelanstalt GmbH Stuttgart, 2013, Lied-Nr. 796


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Dieser Beitrag wurde am 05.10.2015 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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