Am Sonntagmorgen, 06.09.2015

von Pater Norbert Cuypers SVD aus Sankt Augustin

„Über den Kirchturm hinaus“ – Weltkirche und Mission am Beispiel Arnold Janssen, Gründer der Steyler Missionare

Autor
Es liegt schon ein paar Jahre zurück, aber ich erinnere mich noch gern an den Besuch in einer Wiener Grundschule. Von der Klassenlehrerin war ich eingeladen, den Kindern über meine persönlichen Missionserfahrungen in Papua Neuguinea zu berichten. Dazu hatte ich ihnen Gegenstände aus der Südsee mitgebracht: eine wertvolle Kinamuschel zum Beispiel, mit der die Menschen bis zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts noch Tauschhandel betrieben. Dazu eine Kette aus Schweinezähnen und selbstverständlich auch einen Globus, damit die Schüler überhaupt einmal suchen konnten, wo diese zweitgrößte Insel der Welt zu finden ist. Dann sprachen wir darüber, wie ich dort gelebt und gearbeitet habe. Die Kinder kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, als sie von meinen großen und kleinen Abenteuern im Busch des Westlichen Hochlands dieser Insel hörten. Umso überraschter war ich, als mich dann der kleine Florian fragte: „Sag mal, Pater Norbert, bist du eigentlich nur Missionar, oder hast du auch etwas Gescheites gelernt?“ – Ja, wie ist das so: ‚nur Missionar‘ zu sein? Und überhaupt: warum eigentlich Mission? Braucht die Welt von heute so etwas noch?

Seit über 30 Jahren gehöre ich einer missionarischen Ordensgemeinschaft an, den ‚Steyler Missionaren‘ und mindestens genauso lange werden mir diese und ähnliche Fragen gestellt. Von Jugendlichen, die sich auf die Firmung vorbereiten, von Pfarrgemeinderäten und ja, auch von meiner eigenen Verwandtschaft. Beim Thema ‚Mission‘ bekommen sie fast alle Bauchschmerzen, weil sie dieses Thema für schlichtweg antiquiert halten. Schade eigentlich, denn als ‚Vollblut-Missionar‘ möchte ich nur sagen: ich kann unmöglich schweigen von dem, was ich in meinem Leben von Gott gehört und erlebt habe.

Ich lade sie ein, sich mit mir in Gedanken in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück zu versetzen. Ja, sie wissen schon: es ist die Zeit, in der Deutschland von einem protestantischen Kaiser regiert wird, in der das Land einige Kolonien in Übersee besitzt und die Industrialisierung mit großen Schritten vorankommt. Damit einhergehen gesellschaftliche Umwälzungen. Die Arbeiterfrage steht im Raum und die brennende Frage nach sozialer Gerechtigkeit. Politisch geht es Reichskanzler Otto von Bismarck in erster Linie darum, den Einfluss und die Macht der katholischen Kirche zu brechen. Dafür werden Gesetze erlassen, die ihr Wirken massiv einschränken. So wird die staatliche Zivilehe eingeführt, die geistliche Schulaufsicht durch eine staatliche ersetzt und schließlich kontrolliert der Staat sogar die Ausbildung der zukünftigen Priester.

In dieser Zeit lebt und wirkt Arnold Janssen, der Gründer meiner Ordensgemeinschaft.1837 wird er in Goch am Niederrhein geboren. Von seinen Eltern übernimmt ‚Nölleken‘, wie er in seinen Kindheitstagen von den Geschwistern liebevoll gerufen wird, eine einfache, fast schon naive, Religiosität, durchwoben aber mit einer großen Liebe zum Johannesevangelium. Dessen erstes Kapitel wird jeden Abend nach dem Abendessen von seinem Vater vorgelesen. Nach dem Abitur studiert der junge Arnold in Bonn Mathematik und Naturwissenschaften für das Lehramt. Philosophie und Theologie kommen erst später dazu, bevor er sich 1861 in Münster zum Priester weihen lässt. Seine erste Lehrerstelle tritt er in Bocholt an. Der junge Priester Janssen ist zwar ein Mann des Gebetes, aber als Lehrer im zwischenmenschlichen Umgang wenig zugänglich. Der Direktor seiner Schule erinnert sich noch Jahre später:

Sprecher
„Er bereitete sich ja fleißig auf seinen Unterricht vor, hielt die physikalischen Instrumente im Stande, … korrigierte sorgfältig die schriftlichen Arbeiten; - aber die Herzen seiner Schüler wusste er nicht zu gewinnen.“

Autor
Was viele seiner Freunde nicht wissen: Janssen hegt einen großen Traum. Die katholische Kirche in Deutschland soll endlich den Mut haben, sich für die Weltkirche zu engagieren. Janssen zieht einige Menschen ins Vertrauen, nicht zuletzt den Apostolischen Vikar von Hongkong. Nach langem Ringen glaubt er erkennen zu können, dass Gott ihn selbst dazu beruft, ein Missionshaus zu gründen. Die Begeisterung für diese Idee des inzwischen 37jährigen hält sich bei seinen Freunden und Bekannten in Grenzen. Ein befreundeter Kaplan weiß ihm nichts Besseres zu sagen, als:

Sprecher
„Ja, tu das, du bist berufen: Erstens hast du den nötigen Eigensinn; zweitens die nötige Frömmigkeit; drittens bist du hinlänglich unpraktisch.“

Autor
Da die geplante Gründung wegen der Politik in seinem Heimatland nicht möglich ist, denkt Janssen daran, seine neue Gemeinschaft in einem leerstehenden Wirtshaus im niederländischen Steyl anzusiedeln. Weil er selbst das nötige Geld zum Kauf nicht aufbringen kann, bittet er Bischof Joannes Paredis von Roermond um finanzielle Hilfe. Dieser kommentiert später den Besuch des Priesters seinem persönlichen Mitarbeiter gegenüber:

Sprecher
„Da ist der Herr Janssen, der Rektor von den Ursulinen in Kempen, bei mir gewesen. Denken Sie sich, der will ein Missionshaus bauen – und hat nichts. Entweder ist er ein Narr oder ein Heiliger.“

Autor
Arnold Janssen lässt sich nicht irritieren. Er geht seinen Weg konsequent weiter. In seiner Predigt anlässlich der Eröffnung des Missionshauses am 8. September 1875 wird sein Gottvertrauen, das ihn sein ganzes Leben lang nicht verlassen sollte, für die Anwesenden noch einmal deutlich:

Sprecher
„Wird aus unserem Haus etwas, so wollen wir das der Gnade Gottes danken, und wird nichts daraus, so wollen wir demütig gegen die Brust schlagen und bekennen, wir waren der Gnade nicht wert.“

Autor
Aus dem kleinen Anfang in Steyl wird tatsächlich etwas Großartiges: heute, nach 140 Jahren leben und arbeiten 6.000 Männer und 3.000 Frauen als Steyler Missionarinnen und Missionare in über 70 Ländern der Welt. Für Papst Johannes Paul II. Grund genug, den ‚Narren‘ Arnold Janssen 2003 heilig zu sprechen.

Interkulturelles Leben und Arbeiten in Gemeinschaft ist bis heute ein wesentliches Charakteristikum der Steyler Missionare. Dies drückt sich natürlich auch in der universellen Sprache schlechthin aus, der Sprache der Musik. Die Steyler Musikapostel, eine Band aus 18 jungen Steyler Missionaren aus neun verschiedenen Ländern, bekennen mit ihren Rhythmen „Jesus ist da“.

Musikeinspielung

Autor
Dieses interkulturelle Leben und Arbeiten geschieht auf allen Kontinenten in sehr unterschiedlicher Art und Weise. In Europa drucken sie Bibeln, Zeitschriften und Kalender, um in den Menschen das Anliegen der Weltkirche wach zu halten. In Asien und Afrika unterhält der Orden Schulen und Universitäten, damit vor allem die jungen Menschen eine gediegene Bildung bekommen können. In Ozeanien produzieren Steyler Missionare Radio- und Fernsehsendungen für die große Masse der Bevölkerung, die nicht lesen und schreiben können und in Lateinamerika schließlich fördern sie ganz bewusst die christlichen, oft von Laien geführten Basisgemeinden, um Kirche vor Ort auch dort leben zu lassen, wo es keine Pfarrer gibt.

Für mich persönlich bedeutet Missionar zu sein an erster Stelle, immer wieder das Wort Gottes, die Bibel zu lesen, ihre Texte in Stille zu bedenken und von dem weiterzugeben, was ich für mich als wertvoll entdeckt habe. Die Freude daran habe ich eigentlich erst so richtig durch die vielen Menschen in Papua Neuguinea bekommen, die nie Theologie studiert haben, mir aber ganz unbefangen und frei von ihrer Beziehung zu Gott erzählen konnten. Darüber habe ich nicht schlecht gestaunt, weil ich das von Deutschland bisher kaum kannte. Aber heute weiß ich, wie wichtig es ist, einander von unserer Gottsuche zu erzählen und unsere Hoffnung miteinander zu teilen, die wir durch Bibeltexte geschenkt bekommen. Ich bin überzeugt: wo das gelingt, da wird Gott auch heute wirklich spürbar. Mission hat für mich daher nichts mit theologischer Besserwisserei oder arroganter Belehrung zu tun. Mission geschieht dort, wo ein Geben und Empfangen stattfindet. Mein Mitbruder Antonio Pernia, der unsere Gemeinschaft zwölf Jahre lang geleitet hat, bringt es auf den Punkt:

Sprecher
„Mission ist nicht länger die Frohbotschaft verkünden, sondern kundtun, wie diese Botschaft für mich eine frohe Botschaft ist; nicht länger andere lehren, was ich über Gott gelernt habe, sondern andere an meiner persönlichen Gotteserfahrung teilhaben lassen; nicht länger den Leuten die Geschichte von Gott zu erzählen, sondern erzählen wie diese Geschichte unwiderruflich mit meiner Geschichte verwoben ist. Mission will nicht länger in Jesus den Heiland verkünden, sondern Zeugnis ablegen, wie dieser Jesus Christus mich geheilt hat.“

Autor
Für mein Leben als Steyler Missionar bedeutet Mission auch, ein sich immer wieder ‚Auf-den-Weg-Machen‘ zu den Menschen, die einer anderen Kultur oder einer anderen Religion angehören und ein ‚Hinübergehen‘ zu jenen, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören, oder die auf der Suche nach dem Glauben sind. Pater Pernia meint dazu:

Sprecher
„In der Vergangenheit verkündigten manche Missionare das Evangelium als ob es ihr Besitz und Eigentum wäre; von oben herab verordneten sie, wie es in einem bestimmten Volk, an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Kultur verstanden, gelebt und gefeiert werden müsse. ... Der heutige Missionar wird das vermeiden. Er wird in einem ehrfürchtigen Dialog das Wort Gottes teilen als ein Geschenk, das er von anderen erhalten hat, wohl wissend, dass er nur sein Verwalter, nicht aber sein Eigentümer ist.“

Autor
Ich weiß, dass dies ein Ideal ist und keine Selbstverständlichkeit in meinem Leben. Das war es übrigens auch nicht für Arnold Janssen. Seine Biografie zeigt mir: er ist kein entrückter, abgeklärter Heiliger, wie ihn manche gerne sehen würden. Ganz im Gegenteil. Er war mit all seinen Begrenzungen ganz Kind seiner Zeit, und hat stets lange mit Entscheidungen in seinem Leben gerungen. Pater Nikolaus Blum, einer der ersten und vertrautesten Mitarbeiter des Ordensgründers Janssen und sein unmittelbarer Nachfolger nach dessen Tod im Jahre 1909, notiert noch 1902 in sein Tagebuch:

Sprecher
„Es ist sonderbar. Bei anderen Genossenschaften findet man heilige Männer im Anfang. Bei uns keine Spur. Vielleicht sind die Anfänge der anderen Genossenschaften in den Publikationen auch zu sehr gefärbt. Nun, dem sei wie ihm wolle, bei uns hat sich bis heute – und nun sind´s bald 27 Jahre – noch kein Zeichen der Heiligkeit gezeigt.“

Autor
Auch sein Umgang mit Frauen macht deutlich, dass der Priester Janssen kein bequemer Zeitgenosse war, wohl aber ein kluger Stratege, Organisator und vor allem ein großartiger Visionär. Zusammen mit Helena Stollenwerk und Hendrina Stenmanns gründet er 1889 einen weiblichen Missionsorden, die „Dienerinnen des Heiligen Geistes“, oder im Volksmund auch einfach „Steyler Missionsschwestern“ genannt. Allerdings mussten die beiden Frauen bis es soweit war jahrelang geduldig die Socken der Patres stopfen und Kartoffel schälen für das tägliche Mittagessen der Ordensmänner. Darin sah Arnold Janssen ihre eigentliche Berufung. Frauen als Missionarinnen nach Übersee aussenden? Undenkbar! Zu revolutionär für jene Zeit! Dennoch: Arnold Janssen kommt im Laufe seines Lebens immer mehr zu der Überzeugung, dass Frauen in der Kirche sehr wohl einen wichtigen Beitrag zu leisten haben, ohne den das Evangelium nur bedingt glaubwürdig verkündet werden kann. Den Kritikern dieser Idee entgegnet Janssen:

Sprecher
„Man muss in Dingen, die notwendig sind, nicht furchtsam sein. Wenn sie nötig sind, will Gott sie; und wenn er sie will, hilft er, dass sie werden.“

Autor
Der Blick über den Kirchturm hinaus: das war zeitlebens der große Traum des Arnold Janssen. Ein Traum übrigens, den Papst Franziskus heute in ähnlicher Weise für die gesamte Kirche hegt, wenn er beispielsweise schreibt:

Sprecher
„Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient.“ (EG 27)

Autor
Dem damaligen Erzbischof von Köln, Paulus Kardinal Melchers, der Janssens Pläne für ein Missionshaus in Deutschland skeptisch gegenüber stand und ihn auf die schwierigen politischen und sozialen Umbrüche jener Tage hinwies, antwortete Arnold Janssen: „Wir leben in einer Zeit, in der vieles zugrunde geht und anderes dafür neu erstehen muss.“ Sich in schwierigen Zeiten als Christ nicht ängstlich in die sicheren Sakristei-Wände der Kirche zurückzuziehen: darin inspiriert mich Arnold Janssen bis heute. Und es ist genau sein mutiger Blick über den eigenen Kirchturm hinaus, den auch ich als Christ und Missionar wagen will.

Musikeinspielung


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Dieser Beitrag wurde am 06.09.2015 gesendet.


Über den Autor Pater Norbert Cuypers SVD

Pater Norbert Cuypers wurde 1964 als sechstes Kind in Köln geboren. Nach einer Berufsausbildung als Schriftsetzer hat er sich dazu entschlossen, in die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD) einzutreten - im deutschsprachigen Raum auch als „Steyler Missionare“ bekannt. Während seines ersten Missionseinsatzes im Westlichen Hochland von Papua Neuguinea entdeckte er seine große Liebe zur Seelsorge. Er kam nach Europa zurück und ließ sich in Österreich zum Priester ausbilden und weihen.
Als Missionar ist Pater Norbert grundsätzlich bereit, dort zu leben und zu arbeiten, wo ihn sein Herz hinzieht, beziehungsweise wo ihn seine Gemeinschaft braucht. Aktuell lebt er in Berlin Charlottenburg und ist Leiter des deutschsprachigen Noviziates seiner Gemeinschaft. Kontakt:
cuypi@gmx.de

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