Am Sonntagmorgen, 09.08.2015

von Elena Griepentrog aus Berlin

„Bloß nicht glücklich werden“ - vom heimlichen Drang, sich selbst zu sabotieren

Autorin
Manche sind gar nicht schlimm, vielleicht sogar hilfreich. „Ehrlich währt am längsten“, „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder „ Sei zufrieden, mit dem, was du hast“. Alltagsweisheiten, nach den viele Menschen leben, ohne sie je hinterfragt zu haben. Andere so genannte „Glaubenssätze“ sind schon bedenklicher. „Das schaffst du doch sowieso nicht“. „Alles ist schlecht. Keiner liebt dich“. „Nimm dich nicht so wichtig“. „Wenn du das nicht schaffst, bist du ein echter Versager“. Manche Glaubenssätze sind auch regelrecht erschreckend: „Du muss jetzt endlich abnehmen, du fette Kuh, sonst liebt dich nie jemand“.

Ganz schön heftig, wie Menschen manchmal mit sich selbst umgehen. Fast jeder kennt solche inneren Stimmen, ich auch. Manche Botschaften richten sich gegen uns selbst, sind weinerlich oder depressiv, andere gegen die anderen, latent oder offen aggressiv. Einige solcher innerer Stimmen sind uns bewusst. Viele andere aber haben wir verinnerlicht, ohne sie uns je bewusst gemacht zu machen. Sie können besonders zerstörerisch wirken. „Es darf gar nicht sein, dass ich erfolgreich bin“. Oder: „Meine Eltern hatten es so schwer. Wenn ich glücklich bin, verrate ich sie.“ Viele Menschen leben nach solchen Botschaften, ohne es zu merken. Das Schlimme ist: Mit diesen unbewussten Überzeugungen sabotieren wir uns selbst. Unser Lebensglück, unsere Lebensfreude, unsere innere Gelassenheit und Freiheit, unsere Großzügigkeit und auch unseren Erfolg im Leben.

Auch die Berlinerin Sabine Müller, geboren Ende der 1940er Jahre, kennt dieses Phänomen. Als Kind war sie kleiner und zarter als die Anderen, sie stand immer am Rand, in der Schule wurde sie viel verspottet, hatte keine beste Freundin. Dafür verschlang sie ganze Bibliotheken. Und die Eltern wollten ihr eine gute Ausbildung geben, als Aussteuer. Doch die Lehrerin sah das anders.

Sabine Müller
Mein Klassenlehrerin, die hat mich nach dem Unterricht zur Seite genommen und hat gefragt, ob ich denn verrückt geworden wäre, wie ich meine Eltern beeinflussen könnte, dass sie mich aufs Gymnasium schicken könnten. Ich wusste bis dahin gar nichts davon, ich war also völlig verdattert. Dann ist meine Mutter mit mir zum Kinderarzt gegangen und hat gesagt, schafft meine Tochter das Gymnasium? Aber trotzdem habe ich meine ganze Schulzeit hindurch immer diese Angst gehabt, ich schaffe es nicht.

Autorin
Das Abitur schaffte sie dann zwar spielend. Trotzdem lernte sie von den Eltern: Die äußere Fassade ist das Wichtigste - bloß brav sein, bloß nicht auffallen, bloß nichts falsch machen, vor allem als Mädchen. So lernte Sabine Müller früh: Sie selbst sein, genügt nicht. Geliebtwerden muss erarbeitet werden.

Schon als Kind sang sie gern, liebte es, Theater zu spielen. Doch die Eltern bestimmten, sie solle etwas Vernünftiges lernen, Bibliothekarin. Sie heiratete einen ruhigen, nüchternen Mann, bekam eine Tochter. Erst mit Mitte 50 traute sie sich langsam an ihren großen Traum heran – die Bühne! Obwohl Sabine Müller nun seit über zehn Jahren als Schauspielerin und Sängerin regelmäßig auftritt, zweifelt sie noch immer an ihren Fähigkeiten.

Müller
Ich kann doch nicht singen! Ich kann doch nicht schauspielern. Das geht doch gar nicht! Ich habe auch Angst vor meiner eigenen Kraft. Habe ich panische Angst vor. Vielleicht bin ich deshalb manchmal so wütend. Es könnte was Positives passieren, ich könnte Erfolg haben, ich könnte toll sein, ich könnte berühmt sein, ich könnte was weiß ich....sonst was sein. Aber das darf ich ja alles nicht sein. Warum darf ich nicht Erfolg haben, warum darf ich nicht mein Leben genießen?

Autorin
Der subtile Kampf, manchmal sogar Krieg gegen sich selbst - viele kennen ihn im Privatleben, andere dagegen eher im Beruf. Manche verleugnen sich und ihre Fähigkeiten. Andere schränken sich selbst ein durch einen Wust von Regeln. Wieder andere treiben sich ständig selbst an und setzen sich unter Druck. Und manche spüren einen ständigen inneren Zwang, sich mit anderen zu vergleichen. Oder andere Menschen zu beurteilen und abzuwerten.

In jedem Fall engen wir in solchen Momenten unser Leben künstlich ein. Wir leben nach Grenzen, die eigentlich nur in unserem Kopf existieren. Doch wie kommen die Grenzen eigentlich da hinein? Oft sind es Prägungen aus frühester Kindheit. Manche dieser Botschaften haben uns ursprünglich Orientierung geboten. Oder Schutz vor Blamage und Verletzung. Doch eigentlich haben sie schon lange keine Gültigkeit mehr. „Wir sind Flüchtlinge, uns steht das gar nicht zu“, „Nur körperliche Arbeit ist richtige Arbeit.“ „Glaub bloß nicht, du wärst was Besseres.“ „Die braucht das nicht, die ist doch bloß ein Mädchen.“ Und dann gibt es auch noch die Etiketten, die uns jemand aufgedrückt hat, „Du bist eben keine Schönheit“, „So was gibt’s in unserer Familie nicht“, „Das kannst du doch gar nicht“.
Jesus Christus hat kranken Menschen, die um Heilung baten, oft gesagt: „Dir geschehe nach deinem Glauben“ oder „Dein Glaube hat dir geholfen“.  Sicherlich ging es damals in erster Linie darum, was jemand Gott und seiner Kraft zutraut. Traust du Gott zu, dass er dich von deiner Krankheit heilt, fragt Jesus also eigentlich – einen Blinden oder einen Leprakranken. Die typische Denkweise der damaligen Zeit. Aber auch heutige Mediziner wissen, wie entscheidend eine positive Einstellung zum Leben bei der Heilung oder Linderung von schlimmen Krankheiten ist.

„Dir geschehe nach deinem Glauben“: Dieser Satz gilt auch für andere Situationen des Lebens. Das, wovon wir überzeugt sind, bestimmt den kleinen Ausschnitt der Welt, den wir wahrnehmen können. Und wir haben die Wahl, ob dieser subjektive Ausschnitt uns unterstützt und gut tut oder ob er uns ausbremst in unserem Lebensglück.

Der Erzieher Olaf Selnow*, Jahrgang 1962, kennt diese Erfahrung. Immer war er in Aktion. Einfach mal nichts tun, träumen, in sich hineinhorchen, das war nicht erlaubt, so ist er groß geworden. Doch es gab noch einen zweiten Grund für seinen inneren Zwang, aktiv sein zu müssen, nie loszulassen. Die Angst vor Gefühlen. Einsamkeit, Angst, Verzweiflung, vor allem aber ohnmächtige Wut. Bei ihm zu Hause waren Gefühle jeder Art Fremdwörter. Sein Vater, ein Maurer, war selten anwesend und vor allem fürs Verprügeln zuständig. Auch seine Mutter gab ihm nicht die notwendige Geborgenheit.

Olaf Selnow
Weil meine Mutter so eine kalte Mutter ist, die auch so emotionslos ist, und wenn ich es gebraucht habe, mich nicht trösten konnte und in den Arm nehmen konnte, mir keine Geschichte vorlesen konnte, mich nicht loben konnte…, dann ist das wirklich etwas, was ich dann so selber verinnerlicht habe, dass ich das dann über die Jahre dann einfach weitergeführt habe, ohne dass meine Mutter da war. So eine Art Selbstverletzung, eine dauernde.

Autorin
Mit 18 machte Selnow Abitur und floh dann regelrecht von zu Hause. Er wollte endlich ein gutes Leben führen. Doch aus dem Lehramtsstudium wurde nichts, Beziehungen scheiterten, der Traum von einer eigenen Familie platzte. Selnow hatte das Gefühl, in seinem Leben ständig zu versagen. Als er fast fünfzig war, begann er eine Therapie. Seitdem entdeckte er, wie stark seine Versagensangst und das ständige Scheitern seiner Beziehungen mit dem Familiengeflecht zusammenhingen. Und wie viel die Lieblosigkeit seiner Mutter mit seiner wenig glücklichen Vergangenheit zu tun hatte.

Selnow
Dass meine Eltern durch den Krieg so traumatisiert sind, dass die einfach mir so ein Vertrauen, so ein Wohlwollen, so ein Selbstbewusstsein nicht zugestehen konnten. Beziehungsweise auch daran gearbeitet haben, das noch weiter kaputt zu machen.

Autorin
Olaf Selnow fing an, die Familiengeschichte zu recherchieren – von den gewalttätigen Russen, die ins Dorf kamen. Von seiner Mutter, die als sechsjähriges Mädchen miterleben musste, wie die eigene Mutter vergewaltigt wurde. Von Bombennächten, Hungertyphus, dem Verlust der Wohnung und einem Neu-Anfang in einer ehemaligen KZ-Baracke. Als Selnow sich intensiv mit der Lebensgeschichte seines Großvaters, im Krieg Frontsoldat, befasste, spürte er: Er trug sogar dessen erworbene Angst in seinem eigenen Leben mit sich herum.

Selnow
Dass ich morgens am Tisch saß, habe mir meinen Kaffee gemacht, meinen Pott Kaffee, meine zwei, drei Zigaretten geraucht, und saß da, ganz verkrümmt, mein Herz war am Rasen, die Hände waren verschwitzt und ich hatte immer so Gedanken wie: Das schaffst du nicht, das ist ja furchtbar, das ist ja schrecklich, oh Gott oh Gott, wie krieg ich das nur hin, was mach ich nur, wie soll ich den Tag schaffen. Also, das war dann so mein Morgenritual.

Autorin
Wir hatten, wie jeden Montag, zusammen Theater gespielt. Nun saßen wir zum Ausklang beim Italiener, teilten Pizza, tranken Wein, die Atmosphäre war heiter. Um mich herum saßen Studienräte, eine Abteilungsleiterin aus dem Wirtschaftsministerium, ein hochrangiger Mediziner, der lange in den USA geforscht hatte. Die meisten waren jetzt schon in Rente. Wie aus dem Nichts fing einer nach dem anderen an: Er habe immer Angst gehabt, dass irgendwann jemand merkt, dass er eigentlich gar nichts kann. Sie habe sich immer unsicher gefühlt. Sie habe sich immer für ihre Herkunft geschämt. Denn alle kamen aus kleinen Verhältnissen, waren die ersten in der Familie, die studiert hatten. Ich war geradezu erschüttert. Diese erfolgreichen Menschen hatten ihr Leben lang gegen innere Saboteure gekämpft. Die Angst war ein ständiger Begleiter, mal mehr, mal weniger. Sie gaben Gas und zogen gleichzeitig die Handbremse. Fordert der Aufstieg einen solchen Preis?

Nein, das glaube ich ganz sicher nicht. Selbstsabotage muss kein ständiger Begleiter unseres Lebens bleiben. Das Wichtigste ist wohl, sie uns bewusst zu machen. Sie zu identifizieren. Ihre vermeintlichen Weisheiten einmal aufzuschreiben und mit der Realität abzugleichen. So würde sich schon vieles auflösen.

Petra Bock, bekannte Autorin des Buches mit dem unfeinen, aber treffenden Titel „Mindfuck“, hat eine ganze Methode zur Selbstbefreiung entwickelt. Mindfuck nennt sie die vielfältigen Formen der Selbstsabotage, sie macht allein sieben Hauptformen von „Mindfuck“ aus.

Petra Bock
Der erste Schritt ist, dass man ein Gefühl dafür bekommt, wann man in sich selbst blockierenden Denkmustern verharrt. Sie können davon ausgehen, dass Sie immer dann, wenn sie sich schlecht fühlen, vorher irgendeinen Mindfuck hatten. Und das ist ganz interessant zu merken, Mensch, jetzt fühl ich mich gerade irgendwie komisch und nicht so in meiner Kraft, was habe ich denn eigentlich gerade gedacht? Und in der Regel finden Sie dann einen der sieben Verdächtigen, manchmal auch in irren Kombinationen, weil die sich gegenseitig auch hochschaukeln können und verzahnen können, und dass die bei wichtigen Themen auch zusammen arbeiten.

Autorin
Nachdem man Transparenz in die Sache gebracht hat, folgt dann der nächste Schritt: eine bewusst erwachsene Lebenshaltung.

Bock
Mir ist aufgefallen, dass wir dann, wenn wir nicht in unserer Kraft sind, in Muster abrutschen, die man vergleichen könnte mit einem kindlichen Zustand oder mit einem strafenden Eltern-Ich-Zustand, so nenne ich das. Und es ist sehr, sehr gut, für sich zu merken, wann bin ich eigentlich in meiner Kraft als erwachsener, gestandener Mensch und wann nicht. Und was würde ich über die Sache, die mich gerade beschäftigt, denken, wenn ich in diesem Erwachsenen-Zustand bin. Wenn ich in meiner vollen Kraft bin, ist es ganz erstaunlich, dass jeder Mensch, der in diesen Zustand geht, sofort ganz neue eigene Lösungen entwickelt.

Autorin
Schließlich rät Petra Bock, eine bewusste Entscheidung zu treffen, für eine neue Lebenshaltung: neugierig auf unbekannte Erfahrungen sein – Vertrauen in sich selbst und in Andere wagen – Ungewohntes bewusst mit Freude angehen. Fehler und Scheitern sind dabei ausdrücklich erlaubt.

Manchmal jedoch sind wir gar nicht mehr in der Lage, unsere Gefühle, Gedanken und unser Verhalten wirklich zu steuern. Olaf Selnow hat sich von einer Therapeutin helfen lassen, in seinem Fall eine auf die Spätfolgen des Kriegs spezialisierten Therapeutin. Mit ihr zusammen hat er sich der Vergangenheit der Familie gestellt und Transparenz hinein gebracht. Er lernte, Gefühle zuzulassen, mit seiner Wut umzugehen, machte schließlich auch die beglückende Erfahrung, dass Schritt für Schritt auch ein tief verletztes Selbstwertgefühl, schlimme seelische Wunden geheilt werden können. Immer häufiger erlebt er inzwischen Tage, an denen er sich frei von Selbstsabotage fühlt.

Sabine Müller – die Schauspielerin und Sängerin - entdeckte, wie man mit sich selbst liebevoll umgehen kann. Wie sie sich selbst etwas zutraut und auch im fortgeschrittenen Alter noch etwas ausprobiert. Ausbremsende Glaubenssätze aus längst vergangenen Zeiten prägen ihr Leben inzwischen nicht mehr.

Müller
Ich habe schon einige aufgebrochen. Es ist eine wahnsinnige Arbeit, und teilweise geht man durch die Hölle (Lachen), aber es lohnt sich. Wow... (Lachen).

Autorin:
Er lockt auch dich aus dem Rachen der Angst / in einen weiten Raum ohne Enge, / zur Ruhe am reich gedeckten Tisch.“ (Hiob 36,16).
Mit diesen Worten tröstet im Alten Testament der Prophet Elihu Hiob. Den sprichwörtlichen Hiob, den das Leben wirklich sehr, sehr schwer gebeutelt hatte. Ich glaube, die Worte des Propheten Elihu gelten für jeden Menschen, für uns alle - als Töchter und Söhne Gottes. Ob wir nun kleine Wunden mit uns herum tragen oder auch größere: „Er lockt auch dich aus dem Rachen der Angst / in einen weiten Raum ohne Enge, / zur Ruhe am reich gedeckten Tisch.“

* Name geändert


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Dieser Beitrag wurde am 09.08.2015 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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