Am Sonntagmorgen, 26.07.2015

von Johannes Schießl aus München

Das Gebet des Herrn. Romano Guardinis Buch über das „Vater unser“ – für heute gelesen

Sprecher
„Wer den Versuch unternimmt, das Gebet des Herrn auszulegen, tritt in eine weit zurückreichende erlauchte Reihe. Von den ersten Jahrhunderten an haben christliche Denker und Beter es unternommen, diesen reinsten Ausdruck der Innerlichkeit Christi auszuschöpfen. Sie haben gewusst, dass in jedem seiner Worte göttliche Reichtümer liegen; dass im Gefüge seiner Gedanken und im Gang seiner inneren Bewegungen die lautere Wesenshaltung christlichen Betens lebt.“

Autor
Mit diesen Sätzen beginnt das Büchlein „Das Gebet des Herrn“, das der große deutsche Religionsphilosoph Romano Guardini 1932 erstmals vorgelegt hat. Allein die Sprache zeigt schon, dass Guardini inzwischen selber in die „erlauchte Reihe“ christlicher Denker und Beter gehört, die sich mit dem „Vater unser“ beschäftigt haben. Und doch lohnt es – nun an der Hand von Guardini – sich neu mit dem weitest verbreiteten Gebet der Christenheit auseinanderzusetzen, dem Gebet, das Jesus selbst seine Jünger gelehrt hat und das bis heute jeder Christ mehr oder weniger gut kennt und betet.

Das „Vater unser“ ist in zwei Fassungen überliefert: einer kürzeren bei Lukas und einer längeren bei Matthäus, die – bis heute in der Liturgie gebetet – als Mitte des christlichen Gebetsschatzes gilt. Romano Guardini beginnt seine Betrachtungen nicht am Anfang des Textes, sondern mit der Bitte „Dein Wille geschehe!“ – eine Bitte, mit der  sich der moderne Mensch nicht leicht tut, der doch ganz auf seine Autonomie pocht. Genau an der Stelle setzt Guardini ein, wenn er den Willen Gottes mit dem Erbe der Aufklärung kontrastiert:

Sprecher
„So könnten wir versucht sein zu denken, er sei ,das Sittengesetz‘ oder ,die Pflicht‘. Wir brauchen aber diese Worte nur in ein Gebet einzusetzen, um zu sehen, dass es so nicht geht. Wer wird beten: ,Das Sittengesetz werde erfüllt‘? ,Die Pflicht werde getan‘? ,Wille Gottes‘ enthält auch das Sittengesetz, denn er bindet die Menschenfreiheit in die höchste, jedes Gewissen verpflichtende Ordnung. Allein er ist mehr als das...“

Autor
Schon hier spüren wir Guardinis Ringen mit Worten, sein Bemühen, immer tiefer in die Fragen einzusteigen. Den im Gebet angesprochenen Willen Gottes unterscheidet der Religionsphilosoph von den Naturgesetzen: „Dass die Sonne aufgeht und sinkt, dass die Gestirne kreisen, dass Stoffe und Kräfte sich so oder auch anders verhalten – alles das ist auch Wille Gottes.“ Man ist versucht nachzufragen: Wie steht es dann mit Naturkatastrophen? Aber der im Gebet gemeinte Wille Gottes kann für Guardini nur aus dem Innern des Menschen klar werden, „aus seinem Herzen, seinem Geist, aus seiner Liebe und Freiheit“, wie er schreibt. Gerade die beiden letztgenannten Begriffe, Liebe und Freiheit, werden uns weiter begleiten.

Das Reden vom „Willen Gottes“ sieht der Religionsphilosoph in der Moderne höchst gefährdet, denn – das ist eine überraschende Wendung: „Gott zwingt den Menschen nicht.“ Er darf sich ihm überlassen, wohl gemerkt, ohne seine Freiheit einzubüßen, die letztlich auch ein Geschenk Gottes ist, wohl das Geschenk Gottes an den Menschen.

Weiter hinten in Guardinis Büchlein, wo es nochmals um das Thema geht, denkt er über den Zusatz „wie im Himmel, so auf Erden“ nach. Mit naturwissenschaftlichen Gegebenheiten hat das nicht viel zu tun, vielmehr geht es da um das Verhältnis des Schöpfers zu seinen Geschöpfen, das Guardini in einer feinsinnigen Beobachtung der Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind beschreibt:

Sprecher
„Was ist denn die Sehnsucht und Seligkeit einer Mutter? Sie hat ihrem Kind das Leben geschenkt, hat es hinausgegeben in eignes Sein und Atmen; nun wächst es heran; das kleine Menschendasein erschließt sich aus sich selber; beginnt Mittelpunkt zu werden, aus dem die große Wirklichkeit überall erst anfängt, eigentlich ,Welt‘ zu sein – was ist dann ihre Seligkeit? Dass dieses Kind zu ihr zurückkehre, im ersten Lächeln, im ersten Wort, im ersten Schritt. Dass in der Liebe die neue Einheit zwischen ihm und der Mutter erstehe, so viel inniger und größer als jene erste, aus der es hervorgegangen ist!“

Autor
Nicht viel anders ist es mit Gott: Er sehnt sich danach, dass die Schöpfung, die er in die Freiheit gestellt hat, im Menschen zu ihm zurückkehrt. Interessant ist, dass Guardini hier das Bild der menschlichen Mutter wählt und so den patriarchalen Vorwürfen ans „Vater unser“ den Wind aus den Segeln nimmt. Gott ist eben nicht nur Vater, sondern genauso Mutter. Womit wir zum Anfang des Gebets zurückkehren können. Es beginnt ja mit der nur scheinbar schlichten Anrufung: „Vater unser im Himmel“.

Doch wie viel Sprengstoff steckt in den vier Wörtern! Da ist zuerst die Tatsache, dass wir zu Gott „Du“ sagen, ihn sozusagen duzen dürfen. Das ist keineswegs banal, wenn wir glauben, dass er der Allmächtige und der Allerbarmer ist. Und dann dürfen wir ihn auch noch vertrauensvoll Vater nennen. Dabei ist nicht ein gestrenger Herr mit Stirnfalten und mahnenden Worten gemeint. Besser trifft es das ursprüngliche Wort „Abba“, am besten mit „Papa“ zu übersetzen, allerdings ohne jede Verniedlichung. Schließlich zieht die Anrufung unseren Blick nach oben, das ist mit „im Himmel“ gemeint. Doch der Reihe nach!

Was heißt das eigentlich, wenn wir „Du“ sagen? Dazu Romano Guardini, ganz Religionsphilosoph:

Sprecher
„Vor ein Möbel kann ich mich stellen und hindeuten: Dieser Tisch da! Das geht ohne weiteres. Ich kann auch auf einen Menschen zugehen und auf ihn zeigen: Dieser Mann da! Aber das alles ist noch kein Du, sondern nur ein Hinweis. Ich kann sogar rufen: Du, komm! – und es braucht noch kein wirkliches Du zu sein, sondern im Grund etwas Ähnliches, wie wenn ich ein Tier rufe. Damit eigentlich Du werde, muss der Andere es bei sich einlassen, mir das Du zugestehen. Er muss mir sein Ich öffnen, dadurch, dass er mich bemerkt; dass er mich ernst nimmt; dass er mich zu würdigen wenigstens anfängt. Sonst wird kein Du…“

Autor
Was Guardini sagen will: Wenn wir Gott anrufen, geht dem Gottes Anruf an uns immer schon voraus, ist seine Zusage an uns schon gesetzt. Das hat ungeheure Konsequenzen für unser Gebet: Wir beten an keine Wand hin, die sich doch nicht erweichen lässt. Wir brauchen Gott nicht alles erzählen, er kennt uns bereits. Wir müssen keine Auflistung unserer Wünsche präsentieren, keinen Wunschzettel, sondern dürfen vertrauen, dass er all das schon weiß.

Doch wer ist es, den wir da anrufen? Der Vater, ist man versucht zu antworten, wer sonst? Aber ganz so einfach ist es nicht. Gemeint ist nicht ein Göttervater, wie ihn sich die alten Griechen, Römer oder Germanen machtvoll ausgemalt haben, also kein Zeus, Jupiter oder Wotan. Gemeint ist auch kein vages Göttliches, das in aller Welt wabert – Pantheismus würde man das nennen. Gemeint ist auch nicht Gott als ganz Ferner, der mit seiner Welt nichts zu tun haben will. Gemeint ist das Verhältnis Jesu zu seinem Vater, wie es uns das „Vater unser“ geradezu intim vor Augen stellt.

Sprecher
„So musst Du das Vater-Sprechen lernen. Aus der Haltung Christi heraus musst du es lernen. Daraus, wie er selbst  ,Vater‘ spricht; wie er den Menschen durch seine Gleichnisse und Reden in das Vatersagen einführt … Dahinein musst du die Haltung deines Herzens fügen, die Bewegung deines Inneren davon leiten lassen.“

Autor
Geradezu fordernd wird der sonst eher vorsichtig formulierende Guardini an dieser Stelle. Das mehrfache „Du musst“ mag in unseren Ohren unerfreulich klingen, doch dem Denker ist es ernst, wenn es darum geht, Jesu Verhältnis zu seinem Vater nachzuahmen.

Gleich im Anschluss kommt Guardini auf eine weitere Zumutung für den modernen Menschen zu sprechen, die sich im Wörtchen „unser“ versteckt. Der Christ betet nicht allein. Das kann und soll er natürlich tun. Aber er weiß sich immer in der Gemeinschaft der Christen, er muss die anderen quasi mitnehmen. Das fällt uns Individualisten von heute nicht immer leicht: Und doch ist es notwendig, trotz aller Einmaligkeit des Einzelnen.

Aber wir müssen weitergehen: „Geheiligt werde dein Name“, lautet die erste Bitte des „Vater unser“. Wenn wir wirklich bedenken, was wir da sagen, geht uns auch dieser Satz nicht leicht über die Lippen. Ein Wort, nichts anderes ist ein Name zunächst einmal, ein Wort soll geheiligt werden?

Sprecher
„Worte sind Mächte. Worte haben schon wie Sturmgewalt Menschen aus ihrer Gewohnheit gerissen und zur Höhe geführt … Worte sind wie Feuerflammen in die Seelen gefallen, haben sie zu großen Taten gerufen ... Worte haben gelöst, Kraft gegeben, Zuversicht geweckt, froh gemacht … Worte haben verwundet; sind sitzen geblieben, wie mit Widerhaken eingebissen, haben vergiftet, zerstört.“

Autor
Worte sind also ambivalent, jedenfalls mehr als Schall und Rauch. Sie sind zwar flüchtig, aber Denken ist ohne Worte unvorstellbar. Worte sind wichtiger, als wir Tatmenschen manchmal meinen. Gott nun ist das Wort für das Höchste. Das gilt nicht nur vom Menschen und seiner Logik aus, sondern auch von Gott her. Als er etwa zu Abraham sprach oder zu Moses, ging es nicht um Wortgeklingel, sondern um die verändernde Kraft des Wortes.

Ein Name wiederum ist ein Wort im emphatischen Sinn, „er enthält das Wesen des Genannten“, formuliert Guardini. Daher rührt die Ehrfurcht vor dem heiligen Namen im Judentum, niedergelegt in den Zehn Geboten: „Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.“ Auch wenn man nicht so weit gehen muss, den Namen Gottes gar nicht mehr auszusprechen, der Auftrag, ihn heilig zu halten, gilt nach Guardini auch für Christenmenschen: „Knien sollen wir in unserem Herzen vor diesem Namen.“ – Doch weiter im Text des „Vater unser“, nämlich zur Bitte „Dein Reich komme!“

Sprecher
„Das Reich Gottes ist nicht, da‘, fest und fertig. Es steht im Kommen. Immerfort steht es im Kommen, und wir sollen bitten, dass es anlange … Es drängt her, aber nichts zwingt, dass es auch anlange. Es kann auch nicht anlangen. Denn anlangen kann es nur in Freiheit. Der Mensch muss sich ihm öffnen … Er muss sich in Sehnsucht ausstrecken. Er muss es wagen mit dem Reich Gottes…“

Autor
Wieder ist es Guardini wichtig, die Freiheit des Einzelnen zu betonen. Er kann sich dem Reich Gottes auch verschließen, oder eben ganz öffnen. Als Beispiel nennt Guardini den heiligen Franz von Assisi. Auch wenn das Wort vom Reich heutzutage schwierig geworden ist, gerade in einem Land, das an der Last eines „Dritten Reichs“ immer noch zu tragen hat, so meint „Reich Gottes“ doch das „Innerste dessen, was Jesus am Herzen lag“, wie Guardini schreibt. Denn das erste Wort, das von Jesus im Markus-Evangelium überliefert ist, heißt: „Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Und wenn man sich den O-Ton Jesu in den Gleichnissen anschaut, geht es immer ums Reich Gottes: beim Schatz im Acker, beim Senfkorn, beim Unkraut, beim Sauerteig. Was mit Reich Gottes gemeint ist, lässt sich schwer in Worte fassen, vielleicht so: Es geht um die Fülle, es geht darum, dass alles gut wird.

Nachdem wir über die Bitte „Dein Wille geschehe“ schon eingangs nachgedacht haben, können wir uns jetzt den konkreten Bitten im zweiten Teil des „Vater unser“ zuwenden. Auch sie sind nicht ganz so einfach, wie es scheint. Da ist zuerst die Bitte ums „tägliche Brot“. Nicht gemeint ist damit ein Welternährungsprogramm, so wichtig das auch wäre. Auch bei dieser Bitte geht es am Ende um das „Reich Gottes“. Guardini:

Sprecher
„Dem Menschen, der sie spricht, ist es nicht um eine allgemeine Weltordnung zu tun. Er erinnert Gott nicht daran, die vernünftige Einrichtung des Daseins möge auch heute und morgen, mit Bezug auf die eigene Nahrung und Kleidung richtig funktionieren. Dieser Mensch sucht vielmehr Stand zu fassen im Trachten nach dem Reich Gottes.“

Autor
Ähnlich verhält es sich auch bei der nächsten Bitte: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Auch sie dreht sich – ähnlich wie beim Willen Gottes – nicht um bloße Ethik. Für den Glaubenden kommt das Gute von Gott her. Vergebung mit Blick auf Gott ist gar nicht so leicht zu denken: Da geht es nicht um einen Kuhhandel oder ein abgekartetes Spiel. Vielmehr sind Situationen gemeint, in denen der Mensch sich verfehlt, seiner Gottesebenbildlichkeit nicht gerecht wird, um die Störung eines Ich-Du-Verhältnisses.

Die Vergebungsbitte ist eine Mahnung, sich in die Liebe Gottes zu stellen. Dass diese Vater-unser-Bitte als einzige eine Art Bedingung formuliert – „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ – ist auch Indiz dafür, dass es hier um Beziehung geht. Und dafür, dass Gottes- und Nächstenliebe letztlich nur die zwei Seiten einer Medaille sind. – So kommen wir auch schon zu den letzten beiden Anrufungen des „Vater unser“, die zu einem Satz verbunden sind:

Sprecher
„Führe uns nicht in Versuchung‘, sagt die Bitte. Was bedeutet das wohl? Man könnte sie dahin verstehen, Gott solle uns nicht in die Möglichkeit bringen zu sündigen. So kann sie aber nicht gemeint sein; denn in dieser Möglichkeit stehen wir bereits. Aus ihr herausgenommen zu werden, wäre ein Wunder.“

Autor
Da ist Guardini ganz Realist. „Führe uns nicht in Versuchung“ kann nur heißen, dass diese unaufhebbare Möglichkeit nicht zur Tat wird, also: Bewahre uns Schwache ín der Prüfung! Die Bitte, so Guardini, „ruft das in Gott an, was über seine Gerechtigkeit geht: seine Barmherzigkeit“. Unwillkürlich gehen die Gedanken zu Papst Franziskus, der genau diesen Primat der Barmherzigkeit vor der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt seiner Verkündigung gestellt hat. (Und der einst über Romano Guardini promovieren wollte.) Letztlich ist Reden von der Versuchung also nur möglich, wenn dahinter die Gewissheit steht: Gott ist die Liebe! – So sind wir nun am Ende des „Vater unser“ angekommen, bei der Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“.

Gemeint ist das Böse in uns, das nicht zum Übel werden soll in der Welt. Durch die Erlösung jedoch kann sie gut werden. Es gibt also Hoffnung, Hoffnung auf „einen neuen Himmel und eine neue Erde“, wie es in der Offenbarung des Johannes heißt. Trotz aller Verdichtung des Bösen in der Geschichte geht die Welt am Ende der Zeit auf Gott zu, der sie am Anfang geschaffen hat.


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Dieser Beitrag wurde am 26.07.2015 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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