Gedanken zur Woche, 22.08.2015

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

Leben – Ungewissheit und Wagnis

Ein vollkommen abgesichertes Leben gibt es nicht. Wer nichts riskiert, lebt nicht. Das weiß auch Pater Heribert Arens OFM. Im Beitrag der katholischen Kirche macht er Mut zum Risiko – im Vertrauen auf Gott.

„Da kann ich nicht ‚ja‘ sagen!“ Bei dieser Antwort hielt ich den Atem an. Ich saß mit einem jungen Paar zusammen, um ihre kirchliche Trauung zu besprechen. Alles ging gut, bis wir zu der Frage kamen: „Willst Du deine Frau lieben, achten und ihr die Treue halten alle Tage deines Lebens?“ Da schaut er mich etwas ratlos an und sagt: „Da kann ich nicht ‚Ja‘ sagen!“ Mein Blick wandert mit fragenden Augen zu ihr. Nach etwas Zögern sagt sie: „Da kann ich auch nicht ‚Ja‘ sagen.“ Ich verstehe die Welt nicht mehr. Die zwei wollen heiraten, doch bei der entscheidenden Frage können sie nicht ‚ja‘ sagen. „Aber ihr habt euch doch gern?“, sage ich. „Aber sicher“, lautet die Antwort. Ich bohre weiter: „Ihr wollt doch heiraten?“ „Ja sicher wollen wir das!“ „Und warum könnt ihr dann nicht ‚Ja‘ sagen?“ Dann kommt die erlösende Antwort: „Wir wissen nicht, ob wir das schaffen!“ Mir fällt ein Stein vom Herzen: „Danach werde ich euch auch nicht fragen! Ich werde euch fragen, ob ihr das wollt, nicht ob ihr das schafft. „Ja sicher wollen wir das“, sagen beide wie aus einem Mund.

Das Zögern des jungen Paares vor dem Ja-Wort hat mir bewusst gemacht, dass das Leben nie auf letzten Sicherheiten aufgebaut ist. Leben ist immer „Ungewissheit und Wagnis“. In Worten der Unternehmensphilosophie klingt das so: „Wer kein Risiko eingeht, geht das größte Risiko ein!“ Dieser Satz ist dem Leben abgelauscht.

Leben ist immer Ungewissheit und Wagnis

Leben ist immer ein Risiko. Wenn die zwei den Weg in die Ehe wagen, ist das natürlich ein Risiko. Keiner von beiden weiß, ob ihre Ehe gelingt. Leben ist immer ein Risiko. Du wagst es, weil es dich lockt, weil es mit Verheißung angefüllt ist. Du wagst es, weil du spürst: die Alternative, nichts zu wagen, ist wenigstens genauso gefährlich. Dann verrottest du im ewig Gleichen, das Leben wird öde, verliert an Faszination.

Das Leben ist immer ein Risiko. Es ist ein Risiko, Kindern das Leben zu schenken, eine Ehe zu schließen, sich einer Ordensgemeinschaft anzuschließen. Es ist ein Risiko, ein Unternehmen zu gründen, einen Arbeitsplatz anzunehmen, ein Haus zu bauen.

Auch der Glaube an Gott ist ein Risiko. Ich baue auf einen Gott, der sich „nicht sehen lässt“, der viele Fragen und Rätsel zumutet, den kein Mensch beweisen kann – und dabei gehe ich das zusätzliche Risiko ein, dass meine Umgebung mitleidig über mich lächelt, weil so ein Exot wie ich in unserer aufgeklärten Zeit an Gott glaubt.

Dieser Glaube ist erst recht ein Risiko in einer Kirche, die an vielem Mangel hat, aber nicht an menschlichen Begrenztheiten, an Fehlern, an Missständen, die manchmal zum Himmel stinken! Soll ich also alles lassen, weil ich damit ein Risiko eingehe? Soll ich das Leben vor lauter Abwarten verpassen? Nein, denn: Wer kein Risiko eingeht, geht das größte Risiko ein!

Glauben riskieren, Leben wagen

Bei diesem Thema kommt mir ein Heiliger in den Sinn, der das Risiko des Lebens wie auch des Glaubens eingegangen ist. Ich meine den heiligen Franz von Assisi. Sein Vater war ein reicher Tuchhändler. Der Sohn hätte in der Welt des Reichtums seines Vaters gesichert leben und selbstzufrieden alt werden können. Doch er wagt das Risiko eines Lebens, das sein Vertrauen ganz auf Gott setzt:
Er verließ die reiche Welt und wurde ein Bruder der Armen.
Er verließ die Welt der Gesunden und wohnte bei den Aussätzigen.
Er verließ die heile Welt und ging als Friedensvermittler zwischen die Fronten.
Er verließ die Welt des Katholischen nicht und suchte gleichzeitig den Dialog mit dem Islam.
Er verließ die Welt der Sicherheiten und ließ sich auf Gott ein.

Er hat das Risiko gewagt – und wurde zum Segen für viele.

Ich habe mich gefreut, dass das junge Paar das Risiko der Ehe gewagt hat. Ich habe sie aus den Augen verloren. Ich hoffe, sie sind noch beieinander und bedauern es nicht, dass sie den gemeinsamen Weg gewagt haben. Denn: „Wer kein Risiko eingeht, geht das größte Risiko ein!“


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Dieser Beitrag wurde am 22.08.2015 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de

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