Gedanken zur Woche, 08.08.2015

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

"Von der Westkirche zur Weltkirche"

Papst Paul VI. änderte die Selbstwahrnehmung der katholischen Kirche von einer europazentrierten Westkirche zu einer vielgestaltigen Weltkirche. Pater Heribert Arens OFM über die erneuernde Kraft dieser „kopernikanischen Wende“.

Er war klein von Gestalt und eher verhalten in seinem Wesen. Sein Pontifikat war umgeben von zwei Päpsten mit großer und charmanter Ausstrahlung: Johannes XXIII. und Johannes Paul I.  Zwischen ihnen wirkte er eher unauffällig. Doch für mich ist er einer der größten Päpste des vergangenen Jahrhunderts! Am Fest der Verklärung Jesu, am 6. August 1978, nahm dieser ihn in seine himmlische Verklärung auf. Ich spreche von Papst Paul VI. Dieser Papst hat entscheidend dazu beigetragen, dass die verklärte Gestalt Christi in der Vielgestaltigkeit der Kirche erahnt werden kann.

1975 verfasste er mit „Evangelii Nuntiandi“2 ein Apostolisches Schreiben, das sich auf das Selbstverständnis der Kirche wie eine kopernikanische Wende auswirkte! Bis dahin hielt sich die Kirche in Europa für die Weltkirche. Hier war das Zentrum, von hier entsandte man Missionare in die Missionen. Dieses Wort „Missionen“ in der Mehrzahl benutzt Paul VI. nicht mehr. Dafür nennt er ein anderes Wort in der Mehrzahl: „Kirche“. Er spricht von „Ortskirchen“. Das Wort Mission benutzt er dagegen in der Einzahl. Die Kirche lebt in vielen Ortskirchen auf dem ganzen Globus. Überall hat sie eine Mission, eine Sendung: die Welt aus dem Evangelium zu gestalten, das ist die zentrale Aufgabe der Kirche in den verschiedenen Ortskirchen.

Kirchen statt Kirche

Diesen Wandel des Denkens charakterisierte treffend der Schweizer Kapuziner Walbert Bühlmann mit seinem Buch: „Von der Westkirche zur Weltkirche“1. Die „Westkirche“ war und ist einheitlich geprägt. Die Weltkirche dagegen lebt von der Vielfalt und Vielgestaltigkeit ihrer Ortskirchen. Darin leuchtet der verklärte Christus auf. Die Göttlichkeit erscheint in der Vielgestaltigkeit der Ortskirchen, die in den Ausdrucksformen ihrer jeweiligen Kultur leben und glauben.

Ob wir in der europäischen Kirche das begriffen haben? Zu groß ist die Versuchung, westliche Ausdrucksformen mit dem katholischen Glauben gleichzusetzen und sie anderen aufzudrängen. Damit stehen wir dem Aufscheinen Gottes in anderen Kulturen im Weg. Wir bahnen Christus weltweit den Weg, wenn wir mit der Vielgestaltigkeit der einen Kirche in den verschiedenen Ortskirchen ernst machen. So wird den Menschen anderer Länder und Kulturen Christus nicht als Fremder erscheinen, sondern als einer der Ihren, der mitten in ihrem Leben zu Hause ist.

Das will ich an einem Beispiel verdeutlichen: Scheint für unser europäisches Gespür die Gestalt des Erlösers in der Verklärung am reinsten auf, ist das in Lateinamerika ganz anders. Dort bekommen die Menschen „verklärte Augen“, wenn sie den blutig gegeißelten Jesus an der Geißelsäule angebunden sehen. Das ist Gott! – nicht ein Gott jenseits des Leids von Menschen. Die Göttlichkeit Jesu scheint in seinem Mitleiden mit dem Volk auf. Sein blutig geschlagener Leib verbirgt die Göttlichkeit nicht, er enthüllt sie: Das ist unser Gott! Das Leiden des Volkes ist ihm auf den Leib geschrieben. Ob das für uns wohlstandsverwöhnte Europäer nachvollziehbar ist? Am ehesten noch für die, die selbst von schwerem Leid getroffen sind.

Vielgestaltigkeit und Offenheit

Wie reich für den Glauben ist doch diese Vielgestaltigkeit. Ganz unterschiedlich leuchtet Gott in dieser Welt auf. Dieser umwerfend neue und gleichzeitig urchristliche Ansatz von Paul VI. kann die Kirche erneuern. Nimmt sie die Ortskirchen ernst, öffnet sie sich für einen Gott, der vielgestaltig aufscheint, dessen Liebe in den verschiedenen Kulturen zum Leuchten kommt und sich ganz vielfältig spiegelt.
Dieses Schreiben von Paul VI. öffnet auch dem ökumenischen Dialog der christlichen Kirchen den Weg. Die Offenheit für die Einheit macht Mut, aufeinander zuzugehen, die Wahrheit auch beim anderen zu suchen, das Aufscheinen Christi in den anderen Kirchen zu entdecken – und nicht nach dem vermeintlichen Irrtum schnüffeln.

Wahrhaftig, Paul VI. hat ein folgen- und chancenreiches Schreiben verfasst. Wenn wir es ernst nehmen, lässt es das Bild Christi weltweit klarer und leuchtender aufscheinen.

1) Walbert Bühlmann, Weltkirche: neue Dimensionen. Modell für das Jahr 2001, Graz 1984.
2) Papst Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii Nuntiandi, Rom 1975.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 08.08.2015 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche