Himmelsbote Schmetterling. Ein Lob auf den Sommer

Schmetterlinge: Gaukler der Lüfte, Tänzer im Sommerwind, verheißungsvolle Himmelsboten. Ihr gaukelnder Flug verkörpert das Unbeschwerte und Beschwingte, das Menschen sich in sommerlicher Urlaubszeit wünschen.
80 % der in Deutschland lebenden Schmetterlingsarten sind bedroht. Doch es gibt gute Projekte zu ihrem Schutz. Das Zisterzienserkloster Himmerod in der Eifel leistet mit Aktionen rund um den Schmetterling einen Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung.
Musikalisch wird die Sendung mit dem “Blumenwalzer” aus Tschaikowskys “Nussknacker” untermalt. In Musikstücken und Gedichten, z.B. von Rose Ausländer, werden die Tänzer des Sommers besungen. Denn ihre betörende Schönheit und ihr graziöser Flug lenken den erdenschweren Blick leichtfüßig himmelwärts.



Musik: Blumenwalzer. Aus: Tschaikoswky: Nussknacker

Autorin
Leise gaukeln sie über Wegränder, Sommerwiesen, Blumenbeete. Unbeschwert tanzen sie im Sommerwind. Die Flügel lichtdurchflutet, flattern sie heiter himmelan. Schmetterlinge: Gaukler der Lüfte, Tänzer im Sonnenlicht; verheißungsvolle Himmelsboten.
In diesem Jahr habe ich meinem ersten Schmetterling Mitte März gesehen. Ein Zitronenfalter, der irgendwo an einem heimlichen Ort überwintert hat. Danach war es nochmals lange kalt. Aber er hatte sich schon gezeigt, der tanzende Bote kommender Sommertage! Wie sehnte ich mich nach diesem Sommer. Nach warmen Sonnenstrahlen, nach blauem Himmel, nach lauen Mondnächten. An Fronleichnam dann, einem Fest, das wir in unserer Gemeinde ökumenisch feiern, ist es dann endlich soweit: der Sommer stellt sich ein.
Und prompt sind sie da und schaukeln durch die Lüfte. Bläuling, Perlmuttfalter und Kleiner Fuchs begegnen mir in diesen Tagen. Ihre prächtigen Farben und ihr graziöser Flug sind einfach betörend.
Der Meinung war wohl auch Johann Gottfried Herder, der in seinem „Lied vom Schmetterlinge“ proklamiert:

Sprecher
„Liebes, leichtes, luftges Ding,
Schmetterling,
Das da über Blumen schwebet,
Nur von Tau und Blüten lebet,
Blüte selbst, ein fliegend Blatt,
Das mit welchem Rosenfinger!
Wer bepurpurt hat?“

Autorin
„Blüte selbst, ein fliegend Blatt“ – die Poesie besingt die Schmetterlinge als Blüten, die die Kunst des Fliegens beherrschen. Ihre filigranen Flügel erstrahlen in allen Farben des Lebens: sattes Sonnengelb, tiefes Purpurrot, froschiges Grasgrün, seidig schimmerndes Himmelsblau. Ein Blick auf den Roten Apollo macht Herders Frage verständlich, wer mit seinem Rosenfinger ihn bepurpurt hat. Leichtfüßig-schwebend bringt das Gedicht Gott ins Spiel. Es verwendet das sogenannte „passivum divinum“, das göttliche Passiv. Diese Sprachform ist eine Erfindung der Bibel: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden“, so verheißt es Jesus in der Bergpredigt. Wenn Gott nicht direkt als Subjekt benannt werden soll, erhält er als möglicher Akteur im Passiv eines Verbs Raum. Das „passivum divinum“ ist eine unaufdringliche, behutsame Art, auf Gott zu verweisen: Jemand hat den Falter „bepurpurt“. Und es muss ein wahrer Künstler sein, der diese Schönheit schuf, ein wahrer „Poet der Welt“, wie der Religionsphilosoph Alfred North Whitehead ihn nennt. In der Vielfalt der Schmetterlinge ist Poesie am Werk, Phantasie und eine Schaffenskraft, die manche Überraschung bereit hält. So findet man in der Zeichnung einiger Flügel Buchstaben und Zahlen, die miteinander ein vollständiges „Schmetterlingsalphabet“ ergeben. Mit Purpur überzogen, mit Samtfarben betupft, mit der Schönheit der Schöpfung reich gesegnet, so präsentiert sich die Welt der farbenfrohen Falter.

Musik: Bläser

Autorin
Die Schmetterlingswissenschaft, die Lepidopterologie, kennt etwa 150.000 Schmetterlingsarten. Sie bewohnen alle Gebiete der Erde, auf denen Pflanzen wachsen. Nur in der Antarktis sind sie daher nicht zu finden. Aber ansonsten überall. Sie sind in der arktischen Tundra genauso zuhause wie im Hochgebirge, im Rheingau genauso wie in den tropischen Regenwäldern.
Aber, liebe Hörerinnen und Hörer, wann haben Sie das letzte Mal einen prachtvollen Schmetterling gesehen? Das kann eine zeitlang her sein, denn der Bestand der Falter ist in den letzten Jahren drastisch zurück gegangen. 80 Prozent der in Deutschland beheimateten Schmetterlingsarten sind bedroht: Schwalbenschwanz, Segelfalter, Kaisermantel, Distelfalter. So viele, 80%? Und wenn es nur 60 wären, es klingt einfach bedrohlich. Denn was wäre ein Sommer ohne Schmetterling? Ich kann ich mir das gar nicht vorstellen. „Sommervogel“ nennt ihn die dänische Sprache. Ohne den verspielten Flügelschlag der Schmetterlinge kann es gar nicht richtig Sommer werden. Aus diesem Grund bin ich froh über jedes Projekt, das sich ihrem Schutz widmet.

In der Eifel hat sich ein Kloster, nämlich die Abtei Himmerod, in besonderer Weise der Schmetterlinge angenommen. Die Mönche dort kooperieren mit dem Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland. Gemeinsam wollen sie heimische Falter schützen und bedrohten Arten neue Lebensräume schaffen. Im Sommer 2009 begann das Naturschutzprojekt. Ein fröhliches Schmetterlingsfest begeisterte Jung und Alt für die Schönheit der bunten Falter. 

Musik: Streicher und Flöte

Sprecher
Himmerod möchte die Öffentlichkeit auf die Bedrohung der Schmetterlinge aufmerksam machen, bei Kindern die Neugier wecken und das Gespür für den Schutz der Natur entwickeln. Die Aktivitäten hier sollen Vorbildcharakter haben und Familien sowie Firmen und öffentliche Einrichtungen animieren, sich selbst aktiv am Naturschutz der Region zu beteiligen und mit wenigen Mitteln neue Lebensräume für heimische Falter zu schaffen.

Autorin
Dass der Naturschutz ausgerechnet der Abtei Himmerod am Herzen liegt, ist kein Zufall. 

Sprecher
Bewahrung und Schutz der Schöpfung sind ein wesentlicher Bestandteil der Glaubenspraxis der Zisterziensermönche in Himmerod. Dies hat auch mit der Geschichte des Ordens zu tun. Der Orden der Zisterzienser wurde Ende des 11. Jahrhunderts ins Leben gerufen, und bereits im Jahr 1135 sandte Bernhard von Clairveaux einige Mitbrüder aus, um in der wunderschönen und damals noch sehr wilden Landschaft der Eifel ein neues Kloster zu gründen. Das Motto der Mönche war: ‚Ora et labora.’ Bete und arbeite. Und zu der Arbeit gehörte für die Zisterzienser und Zisterzienserinnen Eines ganz wesentlich: die Landschaftspflege. Wo auch immer sie hinkamen, wirkten neben der Baukunst auch ihre Land- und Wasserwirtschaft kulturschaffend. Wie kaum ein anderer Orden, haben sie in dieser Zeit Felder angelegt und entwässert, Land kultiviert und Fischzucht betrieben.

Autorin
In Himmerod ist diese Kultur der Landschaftspflege heute wieder lebendig. Das zeigt ein Besuch im Kloster schon auf den ersten Blick. Hier gibt es eine Alte Mühle, eine Brotbäckerei und Fischzucht. Dies sind traditionelle Elemente zisterziensischer Lebensweise. Seit einigen Jahren aber ist ein ganz neues Element hinzugekommen.

Sprecher
Im Klosterladen von Himmerod gibt es eine Besonderheit zu kaufen: den berühmten Himmeroder Schmetterlingskasten. Aus einfachem Holz gezimmert, ähnelt er einem Vogelkasten. Aber Vögel haben hier keinen Zutritt! Die Öffnung bilden vielmehr drei schmale senkrechte Schlitze, die an die Chorfenster einer Zisterzienserkirche erinnern. Hier finden Schmetterlinge und andere Insekten Unterschlupf.

Autorin
Warum aber ausgerechnet Schmetterlingskästen? 

Sprecher
Es geht darum, den Schmetterlingen Lebensraum zur Verfügung zu stellen. Die Zersiedlung der Landschaft, das Zubetonieren des Bodens und die Chemie in den Pflanzen machen den Schmetterlingen sehr zu schaffen. Ihr Lebensraum wird immer knapper. Nur wenige Menschen in Deutschland wissen das: Schmetterlinge wie der Zitronenfalter und der Admiral sterben nicht im Herbst, sondern brauchen einen Unterschlupf für den Winterschlaf.  Dazu dient der Schmetterlingskasten. Er wird mit Rinde und Zweigen befüllt und bietet Schutz gegen Regen, Wind und Kälte. Außerdem wurden in den Gärten von Himmerod spezielle ‚Schmetterlingsbeete’ angelegt, wo Raupen und Schmetterlinge Nahrung finden und ihre Eier ablegen können. Sie brauchen blühende Kräuter, Blumen und Büsche wie den Sommerflieder; sie brauchen ruhigen Zugang zu Wasser und einen Ort, wo sie sich bei Regen und Sturm verstecken können.

Musik: schneller Walzertanz

Autorin
Für den christlichen Glauben stellt der Schmetterling heute ein besonderes Symbol dar, weil er ein Meister der Verwandlung ist. Lange Zeit wusste man im Abendland kaum etwas davon, bis Maria Sybilla Merian im 17. Jahrhundert „Der Raupen wunderbare Verwandlung“ beschrieb. Ihr Weg der Metamorphose ist erstaunlich. Es braucht die ruhige Zeit und den geschützten Ort der Verpuppung, in der die Tiere wie tot wirken, damit aus den mühsam kriechenden Raupen Schmetterlinge werden, die auf ihren Flügen zum Teil bis zu viertausend Kilometer zurücklegen.

Die Bibel erwähnt die Schmetterlinge nur ganz am Rande. Aber Metamorphose, Verwandlung spielt im Neuen Testament eine zentrale Rolle. So appelliert Paulus im Römerbrief 12,2: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken“. Lasst euch verwandeln, geht das Wagnis der Metamorphose ein. Paulus ist davon überzeugt, dass der Glaube an die Auferstehung eine solch tiefgreifende Wandlung ermöglicht. Auferstehung ist eine Lebenskunst. Niemand muss so bleiben, wie er oder sie ist. Mit der Auferstehung vor Augen, können Menschen gewohnte Verhaltensmuster aufbrechen, eingetretene Pfade verlassen und einen Neuanfang wagen. Denn, so sagt es der 2. Brief an Timotheus: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim 1,7)

Weil der Schmetterling wie kein anderes Tier für die Möglichkeit steht, im Leben Verwandlung zu erfahren, hat er in der christlichen Tradition Einzug gehalten. Auf manchem Grabstein verkörpert er – neben dem Kreuz als zentralem Symbol – die  Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Und zugleich erinnert er daran, dass die Auferstehung zum Leben mitten im Leben einlädt. Im Sommer, wenn die bunten Falter von Blüte zu Blüte unterwegs sind, hat diese Einladung einen besonderen Klang. In diesen Tagen blühen Blumen und Heilkräuter, Früchte reifen und werden süß, die Fülle des Lebens ist greifbar nah. Viele Menschen machen jetzt Urlaub oder freuen sich auf den Sonntag. Sie unterbrechen den kräftezehrenden Alltag, treten heraus aus dem Trott der Gewohnheit und hoffen darauf, dass ihr Leben sich erneuert. Sie wollen ihre Sorgen loslassen und unbeschwert in den Tag hinein leben. Urlaub als Praxis des Loslassens – die Mystik hätte ihre helle Freude hieran.

Schmetterlinge sind auch deswegen so beliebt, weil sie diese Unbeschwertheit des Sommers verkörpern. Sie erinnern daran, dass das Leben nicht nur mühsam ist, sondern auch beschwingt, verspielt und tänzerisch. Ein gaukelnder Schmetterling verlockt dazu, den Blick zu heben und hinauf zu schauen in das weite Blau des Sommerhimmels. Nur wer loslässt, wer Gelassenheit praktiziert, kann die Gnade der Verwandlung erfahren. Gegenwärtig sein, den Sommer einatmen mit seinen bunten Farben, seinem vollen Geschmack, seinem warmen Duft. Ingeborg Bachmann hat es in ihrem Gedicht „An die Sonne“ auf den Punkt gebracht: 

Sprecher
„Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein ...“

Autorin
„Gegenwärtigkeit“ nennt die Mystikerin Mechthild von Magdeburg diese Lebenshaltung. Nicht der Vergangenheit nachtrauen, nicht Zukünftiges befürchten, sondern ganz in der Gegenwart leben, im Hier und Jetzt, unbeschwert als Tänzerinnen und Tänzer im Sommerwind. Ganz so, wie es Rose Ausländer in ihrem Gedicht „Rose und Schmetterling“ beschreibt:

Sprecher
Wenn das weiße Morgenlächeln
über meinem Kelche hängt,
und der Frühluft leises Fächeln
sich in meinem Haar verfängt,
daß mein grüner Körperstengel
sehnsuchtschwer sich überneigt,
kommt ein schöner Falterengel,
der mit mir zum Himmel steigt.
Meine duftige Gewandung
wandelt er zum Flügelkleid,
über Tag und Mittagsbrandung
schweben wir durch lose Zeit.
Und wir schaukeln, und wir strahlen
unsre Seelen in die Luft,
füllen alle Blütenschalen:
er mit Farbe, ich mit Duft.

Autorin
„Kommt ein schöner Falterengel, der mit mir zum Himmel steigt“ – einen solchen Engel kann ich auch manchmal brauchen, und zwar nicht erst am Lebensende, sondern schon mitten drin. Unbeschwert und beschwingt, so möchte ich diese Sommertage leben. Die Lebenskunst der Gelassenheit praktizieren. Darum lasse ich mich gerne verzaubern vom Flügelschlag dieser heiteren Himmelsboten. Sie lenken meinen erdenschweren Blick leichtfüßig himmelwärts.

Musik


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Dieser Beitrag wurde am 11.07.2010 gesendet.


Über die Autorin Hildegund Keul

Prof. Dr. theol. Hildegund Keul aus Koblenz studierte katholische Theologie, Germanistik und Philosophie in Trier, Jerusalem und Würzburg. Sie ist außerplanmäßige Professorin für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät Würzburg. Zudem leitet sie die Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn.
  

Veröffentlichungen u.a.:
Hildegund Keul: Weihnachten - das Wagnis der Verwundbarkeit. Ostfildern: Patmos 2013
Hildegund Keul, Andrea Kett (Hg.): Du gibst meinem Leben weiten Raum. Spirituelle Texte von Frauen. Ostfildern: Patmos 2. Auflage 2013
Hildegund Keul: Mechthild von Magdeburg – Poetin, Begine, Mystikerin. Freiburg: Herder 2007
Hildegund Keul: Wo die Sprache zerbricht. Die schöpferische Macht der Gottesrede. Mainz: Grünewald 2004
Hildegund Keul (Hg.): Lebensorte – Lebenszeichen. Auf den Spuren von Mechthild von Magdeburg und Elisabeth von Thüringen. Ostfildern: Grünewald 2007


Kontakt

H.Keul@frauenseelsorge.de
www.frauenseelsorge.de

  


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