Am Sonntagmorgen, 12.07.2015

von Stefan Orth aus Freiburg

„Gott liebt jene, die mit ihm ringen“. Tomáš Halík und der schweigende Gott

Hinweis:
Sprecher-Texte in Klammern konnten aus Zeitgründen nicht gesendet werden.

Autor
In den intellektuellen Debatten der vergangenen Jahre ist einiges in Bewegung gekommen. Es war damit zu rechnen, dass aufgrund der viel beschworenen Renaissance der Religion in Kultur und Medien auch die Religionskritiker lauter werden würden. Zwischenzeitlich sind mit den sogenannten frommen Atheisten auch bemerkenswerte Zwischentöne zu vernehmen. Aber auch auf der anderen Seite gibt es eine neue Sensibilität dafür, dass der Gottesglaube nicht ohne eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Zweifel zu haben ist.

Eine der interessantesten christlichen Stimmen, die sich ausgehend vom eigenen Glauben ohne jede Scheu in die Auseinandersetzung mit Nichtglaubenden wagt, ist der tschechische Priester, Philosoph und Soziologe Tomáš Halík. Es gibt gegenwärtig wenige vergleichbar prominente Theologen, die gleichermaßen wie er kirchlich beheimatet sind und dennoch die Unbehaustheit des Menschen nicht nur aushalten, sondern geradezu suchen.

Seit Jahrzehnten engagiert sich Halík, der während der Zeit des Kommunismus im Untergrund geweiht wurde, für einen ernsthaften Dialog mit atheistischen Denkern über die Gottesfrage. Sein Credo, dass seinem Buch „Geduld mit Gott. Leidenschaft und Geduld in Zeiten des Glaubens und des Unglaubens“ vorangestellt ist, lautet: „Mit den Atheisten stimme ich in vielem überein, in fast allem – außer ihrem Glauben, dass es Gott nicht gibt.“[i]

Genau hier erweist sich Halík als doppelt radikal: nämlich sowohl in der Verwurzelung im Glauben als auch im Fragen. Denn selbstverständlich könne er die Wahrnehmung einer Abwesenheit Gottes in der Welt mit vielen Atheisten teilen. Tomáš Halík:

Sprecher
Die markanteste geistliche Erfahrung (…) ist die der Verborgenheit oder gar Abwesenheit Gottes. Die Neuzeit hat zu viel über Gott gewusst. Wir müssen heute mehr Raum für das Schweigen Gottes und unser Schweigen vor dem Geheimnis Gottes finden. Bei aller Aufregung auf dem religiösen Markt schweigt der wahre Gott. Wir wissen heute, dass unmittelbar hinter den Kulissen der Natur oder der Geschichte nicht einfach ein Gott wirkt. Wenn es Gott gibt, ist er in der Tiefe zu finden. Glaube ist heute mehr als früher ein freier Akt, eine wirkliche Entscheidung. Es braucht Mut, in das Geheimnis einzutreten. Keine Gottesbeweise können uns dabei helfen.

Autor
Halík, der im Laufe seines Lebens eine Reihe wichtiger kirchlicher Aufgaben, etwa als Sekretär der Tschechischen Bischofskonferenz, übernommen hatte, ist nicht zuletzt als Präsident der Christlichen Akademie in Prag selbst zu einem der wichtigsten Intellektuellen des Landes geworden. Im vergangenen Jahr hat er den renommierten Preis der Londoner Templeton-Stiftung für seine Verdienste im Dialog zwischen den Religionen und den Nichtgläubigen erhalten.

Dabei verberge sich, so ist auch Halík überzeugt, hinter dem Etikett Atheismus ein großes Spektrum:

Sprecher
Da gibt es jene, die ganz apathisch sind angesichts der religiösen Fragen; es gibt den religiösen Analphabetismus und den weitverbreiteten Etwasismus: Ich glaube nicht an Gott, aber irgendetwas über uns wird es geben. Viele sogenannte Atheisten basteln sich auch ihre eigenen Vorstellungen über Gott. Das sind meistens sehr primitive Vorstellungen, die sie in Teilen auch ererbt haben – sie haben deshalb Recht, wenn sie diese verneinen und nicht mehr an diesen Gott glauben. Daneben gibt es den postulatorischen Atheismus eines Friedrich Nietzsche: Gott darf nicht sein, weil ich es nicht ertrage, dass ich nicht Gott bin.

Autor
Atheisten wie Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Sigmund Freud und eben Nietzsche haben geholfen, so ist Halík überzeugt, Christen von zu naiven Vorstellungen Gottes zu befreien.

Allerdings waren ihre Therapievorschläge unzureichend.

Sprecher
Wo kritisiert wird, dass Gottesvorstellungen allein menschliche Projektionen sind, kann es auch zur Vergöttlichung des Egos des Menschen kommen. Das ist dann der Anfang des modernen Narzissmus und Egoismus. Der wirkliche Gegensatz zum Glauben aber ist die Idolatrie: wenn man einzelne, letztlich relative Werte verabsolutiert.

Autor
Genauer noch: Halík hält die atheistische Deutung der Abwesenheit Gottes für übereilt – und für einen Ausdruck von Ungeduld. Wird diese Ungeduld schließlich kämpferisch, so nähere sie sich jenem religiösen Fundamentalismus an, der sich ebenfalls nicht mehr vom Geheimnis Gottes bewegt wisse. Immerhin könne der „Stachel des Atheismus“ den Glauben aus der „einschläfernden Geruhsamkeit falscher Gewissheiten“ wecken.[ii]

Abschied nehmen muss man dann allerdings von jenen Gottesvorstellungen der Moderne, die Gott zu einem „Obdachlosen“ unserer Zeit gemacht haben. Halik:  

Sprecher
Die Aufklärung hat (…) das Natürliche als das Wirkliche definiert. Dann wird das Übernatürliche zum Reich der Poltergeister und anderer Märchenfiguren, an die man natürlich nicht ernsthaft glauben kann. Wenn man Gott in dieser Gesellschaft vermutet, ist es nur zwangsläufig zu sagen: Es gibt keinen Gott. Gott sei Dank existiert ein solcher Gott wirklich nicht.

Autor
Zwangsläufig ist der christliche Glaube in der Moderne da in die Defensive geraten. Manche älteren Gottesvorstellungen sind unglaubwürdig geworden. Der christliche Glaube muss deshalb heute neu interpretiert werden. Das allerdings, so Halik, sei immer schon so gewesen.

Sprecher
Die Tradition ist immer eine Reinterpretation von Vorherigem – während Traditionalisten an diesem Punkt dem Sinn der Tradition untreu werden. Die Bewahrung der Tradition ist ein schöpferischer Akt. Die Treue zum Inhalt des Glaubens braucht die kreative Neuinterpretation: nicht einfach eine oberflächliche Anpassung an die letzte Mode, sondern einen mutigen Dialog mit den intellektuellen Herausforderungen der zeitgenössischen Kultur. Die Menschen, die an jenen Gottesvorstellungen festhalten, leben in einer Art kulturellen Schizophrenie, weil sie ja – wie die Kirche als Ganze – letztlich Teil unserer modernen Welt sind. Nicht umsonst ist der Fundamentalismus schon im Kern eine moderne Erscheinung.

Autor
Während christliche Fundamentalisten wie reformorientierte Christen zu sehr auf die institutionellen Strukturen starren, weise die Krise des Glaubens darauf hin, dass die Gestalt von Kirche nicht als das allein Entscheidende verstanden werden dürfe.

Gerade angesichts der Strukturanalogien zwischen dem Fundamentalismus auf christlicher Seite und dem kämpferischen Säkularismus, die sich als gegenseitiges Feindbild jeweils brauchen, führe nur ein dritter Weg weiter: Entscheidend ist dabei, sich an jenem „Fels des Atheismus“ abzuarbeiten, von dem schon der Schriftsteller Georg Büchner im 19. Jahrhundert sprach. Schließlich erwächst der Atheismus in vielen Fällen aus dem Protest gegen Elend, Gewalt, Krieg und das Böse in der Welt.

Halík ist davon überzeugt:

Sprecher
Das Böse und die Wunden der Welt sind eine Herausforderung, Gott zu suchen. Wenn die Welt perfekt wäre, wäre sie selbst Gott und es wäre überflüssig, nach Gott zu fragen. Angesichts von Auschwitz darf die Frage nicht lauten, wo Gott gewesen ist. Sie muss nach der Rolle des Menschen fragen. Gott selbst war anwesend: nämlich in seinem Gebot „Du sollst nicht töten“. Mir liegt daran zu zeigen, dass wir unsere geschichtliche Verantwortung selbst tragen müssen. Wenn wir diese Verantwortlichkeit auf Gott projizieren, wird auch Gott selbst zu einer Projektion. In diesem Punkt ist der Dialog mit Atheisten ohne weiteres sehr gut möglich.

Autor
Dass eine solche Auseinandersetzung alles andere als einfach ist, man eine ganze Reihe von Verunsicherungen aushalten muss, darf einen dabei nicht schrecken. Immerhin, so der Trost Halíks:

Sprecher
Viele, die mit Gott kämpfen, sind ihm näher als die Gleichgültigen. Schon im Alten Testament wird bezeugt, dass Gott jene liebt, die mit ihm ringen.

Autor
Der Glaube beginnt also mit dem Fragen. Was aber macht dann den christlichen Gottesglauben konkret aus? Halík weicht dieser Frage nicht aus, beantwortet sie allerdings mit allergrößter Vorsicht:

Sprecher
In meinen Augen ist Gott der Kontext, also gewissermaßen der Horizont von allem, während unsere Welt immer nur aus Fragmenten besteht. Um sie besser zu verstehen, müssen wir diesen Kontext berücksichtigen. Gott selbst kann deshalb aber auch nicht einfach begriffen werden. Mit Recht hat Paulus gesagt, dass wir Gott nur im Spiegel sehen – und er für uns deshalb auch ein Rätsel bleibt. Wir brauchen deshalb eine eschatologische Geduld. Das gilt vor allem angesichts jener, die mit Enthusiasmus und Ekstase auf das Schweigen Gottes antworten. (Das ist genauso abzulehnen wie die Traditionalisten, die das Schweigen Gottes ignorieren und einfach ihre alten Formeln wiederholen. Der reife Glaube muss auch die Verborgenheit ertragen – und mit Glauben, Hoffnung und Liebe in dieses Geheimnis eintreten.)

Autor
Der Glaube also darf keine Angst vor dem Zweifel haben, muss durch den Zweifel versuchen hindurchzugehen, ohne es triumphalistisch auskosten, wenn dieser Weg zu gelingen scheint. Denn jeder Glaube ist und bleibt für Halík immer gefährdet - vor allem dann, wenn er selbstgenügsam wird:

Sprecher
Zweifel und Glaube sind wie Geschwister. Sie brauchen einander. Sie sollen sich gegenseitig korrigieren. Der Glaube ohne Zweifel kann zum Fanatismus führen, aber auch der Zweifel, der die eigenen Zweifel daran ausblendet, kann in Zynismus und Bitterkeit münden. Die letzten beiden Päpste, sowohl Johannes Paul II. als auch Benedikt XVI., haben in diesem Sinne betont, dass Glauben und Denken zusammengehören. Die Vernunft ist ein sehr wichtiger Partner für den Glauben. Aber schon Blaise Pascal und dann auch Immanuel Kant haben gesagt, dass es die wichtigste Aufgabe der Vernunft sei, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen.
(Letztlich ist der Glaube wie ein Feuer und die Vernunft wie der Kamin. Ein Glaube ohne Vernunft kann gefährlich werden. Aber der Theologe sollte nicht nur in einem bequemen Sessel am Feuer sitzen, sondern muss auch auf die Funken achten, die aus dem Kamin springen.)

Autor
Schon Meister Eckhart hat darauf hingewiesen, dass Gott nicht in dieser Welt zu finden sei. Er gehöre nicht der Welt der Dinge und Gegenstände an, auf die der Gläubige ohnehin nicht fixiert sein solle. Nur wer sich innerlich von solchen Bezügen frei mache, sei auch offen für das Geheimnis Gottes und könne ihm begegnen.

Das Entscheidende ist für Halík nicht, ob wir an Gott glauben, sondern ob wir ihn lieben. Nur in der Tiefe der Erfahrung der Liebe könne man den Sinn des Wortes „Gott“ neu entdecken. Das Problem sei jedoch, dass viele Gläubige – aber eben auch viele Atheisten – meinten, viel von Gott zu wissen, und dass es einfach sei, von Gott zu reden. Halik:

Sprecher
Natürlich brauchen wir auch eine affirmative Sprache. Das Christentum ist eine Religion der Inkarnation. Es inkarniert sich sowohl in die Gemeinde der Gläubigen als auch in die Gesellschaft. Für die Kommunikation braucht es deshalb auch verständliche Worte, Gesten und Riten. Aber wir müssen uns ständig bewusst sein, dass alle diese Dinge ganz im Sinne von Metaphern auf Gott verweisen und nicht Gott selbst sind. Wir dürfen diese Hilfsmittel nicht zu ernst nehmen.

Autor
Was aber kann man dann verlässlich über Gott sagen? Wie lässt sich von ihm reden?

Sprecher
Wir Christen begegnen Gott in der Menschlichkeit Jesu. Zu den Paradoxien des christlichen Glaubens gehört, das sich Jesus einerseits als den einzigen Weg zu Gott bezeichnet hat, man andererseits ihm zufolge Gott auch in der Menschlichkeit eines jeden Menschen begegnen kann. Die Wunden Jesu sind die Wunden unserer Welt. Wenn wir jedoch die Wunden dieser Welt ignorieren, haben wir kein Recht, wie der Apostel Thomas „mein Herr und mein Gott“ zu sagen. Daraus folgt auch, dass ein Gott ohne Wunden, ein Glaube ohne Wunden und eine Kirche ohne Wunden nicht wahrhaftig sind. Das ist das entscheidend Christliche – und deshalb ist es auch notwendig, gegen allen Triumphalismus die Theologie des Kreuzes (…) und eine ihr entsprechende Ekklesiologie wieder neu zu entdecken.

Autor
Daraus erwachsen natürlich auch ernsthafte Konsequenzen für die Frage danach, wie der christliche Glaube heute gelebt werden kann.

Sprecher
Glaube ist nicht in erster Linie das Handeln einer Institution oder eine Doktrin. Es geht um Lebensgeschichten, in denen sich der Glaube verkörpert und die ganz unterschiedlich ausfallen können.
(
Auf diese Weise kann man im Übrigen auch die Verehrung der Heiligen innerhalb der katholischen Kirche Protestanten nahe bringen. Bei deren Verehrung geht es natürlich nicht nur um die kanonisierten Heiligen, sondern um alle authentischen Zeugen des christlichen Glaubens. Wahrscheinlich hat Gott nicht wenige dieser Heiligen so in sein Herz geschlossen, dass er ihre Namen der vatikanischen Kongregation für die Heiligsprechung nicht verrät. Es gibt viele solcher anonymen Heiligen. Jede ihrer Lebensgeschichte ist eine kreative, bisher noch nicht da gewesene Interpretation des Glaubens angesichts der Zeichen der Zeit.)

Autor
Halíks Fazit mit Blick auf eine christliche Praxis heute:

Sprecher
Eine religiöse Gemeinschaft, die nur mit den Hundertprozentigen rechnet, ist eine Sekte. Die Kirche muss verstärkt offen sein für die Suchenden und ihre Fragen ernst nehmen. Wir müssen mit den Suchenden auf der Suche sein, sonst wird der Glaube zur Ideologie. Notwendig aber ist ein Weg, der in die Tiefe geht.

Autor
„Gottes Handschrift erkennen wir an seiner unendlichen Großzügigkeit, an seinem unbegreiflichen Vertrauen in unsere Freiheit“, lautet einer der Schlüsselsätze der Autobiographie Halíks.[iii] Sein gesamtes Denken ist ein bewegendes Zeugnis dafür, wie es gelingen kann, den christlichen Glauben mit großer innerer Freiheit zu leben, ohne den intellektuellen Herausforderungen des christlichen Glaubens heute aus dem Weg zu gehen.


Hinweis: Sprecher-Texte in Klammern konnten aus Zeitgründen nicht gesendet werden.
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Gespräch mit Tomáš Halík über Glauben heute
"Mit den Suchenden auf die Suche gehen"
Herder Korrespondenz 67 Jahrgang (2013), Heft 2, S. 69-73

[i] Tomáš Halík, Geduld mit Gott. Leidenschaft und Geduld in Zeiten des Glaubens und des Unglaubens, Verlag Herder, Freiburg 2010, 9.

[ii] Halík, Geduld mit Gott, 16.

[iii] Tomáš Halík, Alle meine Wege sind Dir vertraut. Von der Untergrundkirche ins Labyrinth der Freiheit, Verlag Herder, Freiburg 2014, 22.


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Dieser Beitrag wurde am 12.07.2015 gesendet.


Über den Autor Stefan Orth

Dr. theol. Stefan Orth ist 1968 geboren. Er ist stellvertretender Chefredakteur der Herder Korrespondenz, einer Monatszeitschrift zu Themen aus Gesellschaft und Religion in Freiburg. Kontakt
Orth@herder.de

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