Gottes letztes Wort

In einer Reihe des Bücherregals steht meine ganze exegetische Literatur, also alle Bücher über die Bibel und die Bibelauslegung. In der Reihe gleich darunter habe ich die Glaubensbücher untergebracht. Das sind die Bücher, die den Glauben der Kirche behandeln. Also die Dogmen und deren Auslegung, die Lehr- und Unterweisungsbücher, die Katechismen und die Bücher für den Religionsunterricht. Alle Bücher sind von ziemlichem Gewicht, fest gebunden, stabil und umfangreich. Ihr Inhalt ist nichts für Taschenbücher. Das dickste Buch ist der „Denziger“. Benannt nach Heinrich Denziger, der dieses „Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ erstmals 1854 herausgegeben hat. Es hat 1700 Seiten und wiegt gut 2 kg. In 4858 einzelnen Artikeln wird festgehalten, was ich glauben muss und was ich nicht glauben darf.

Da taucht die berechtigte Frage auf: Kann ich das denn? Kann ich denn an all das glauben, was durch die Jahrhunderte hindurch als Glaube der Kirche festgelegt wurde? Und das teilweise als Ergebnis von theologischen Auseinandersetzungen, die heute kein Mensch mehr nachvollziehen kann und auch keinen mehr wirklich interessieren. Die Antwort ist: Theoretisch ja. Doch praktisch ist das gar nicht möglich. Kein Mensch hat den ganzen Glauben der Kirche präsent und immer vor Augen. Mein Glaube hat seine Schwerpunkte. Ich habe eine Spiritualität, eine Frömmigkeit entwickelt, die für mein Leben maßgeschneidert ist. Andere gehen einen anderen Weg. Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Glaubenserfahrungen und Glaubenswege, die vom Heiligen Geist inspiriert sind, ereignet sich Gemeinschaft der Kirche. Die Grundlage meines Glaubens kann nicht zuerst ein Katechismus sein oder der Denziger. Die Grundlage meines Glaubens ist die Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift. Auf alle Bücher kann man getrost verzichten. Nicht aber auf die Bibel. Hier lese ich das „letzte Wort“ Gottes. Damit meine ich nicht dieses rechthaberische oder aufsässige letzte Wort. Auch nicht das, was autoritär eine Diskussion beendet.

Gottes letztes Wort an die Menschen ist sein Sohn Jesus Christus, der in die Welt gekommen ist. Er hat den Menschen die letztgültige und endgültige Botschaft von Gott gebracht. So lese ich es im 1. Johannesbrief: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (1Joh 1,18) Mehr als Jesus von Gott verkündet hat, ist nicht zu verkünden. Er hat alles offenbart, was von Gott zu wissen ist und für mein Heil wichtig ist.

In seiner Abschiedsrede im Kreis der Jünger nach dem Abendmahl und vor der Stunde der Entscheidung im Ölgarten führt Jesus einen Dialog mit dem Vater. In diesem Gebet gibt er Rechenschaft über sein Wirken. Johannes überliefert es im 17. Kapitel seines Evangeliums:  „ 4 Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. […] 6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. […] 7 Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, gab ich ihnen und sie haben sie angenommen. Sie haben wirklich erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.“ (Joh 17, 4.6.7-8)

Wenn ich gefragt werde, was ich unbedingt glauben muss, dann werde ich mich auf das Johannesevangelium berufen. Denn das ist das ewige Leben: Den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den er gesandt hast. (vgl. Joh 17,3) Meine Bibel wiegt zwar weniger als der Denzinger, hat aber ein größeres Gewicht.


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Dieser Beitrag wurde am 07.07.2014 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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