Morgenandacht, 26.06.2015

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Farbe ins Leben

„Tut uns leid, unsere Tochter hat nicht so viel Zeit! Jeden Nachmittag haben wir Termine!“ So erzählt mir die Mutter von Sophie, einem Erstkommunionkind. Sophie ist zehn Jahre alt – und sie hat jeden Nachmittag Termine! Wir sind uns letzten Endes dann doch einig geworden. Aber ich erschrecke zunehmend darüber, dass zehn jährige Kinder vor lauter Terminen keine Zeit haben und von Stress sprechen. So ein Fest wie die Erstkommunion bringt offensichtlich erst mal den Familienablauf ordentlich durcheinander!

Die Mütter der Kommunionkinder gaben mir für die Gestaltung des großen Festes eine gute Vorlage. Das Motto der Erstkommunion sollte lauten: „Jesus bringt Farbe in unser Leben.“ Aufgrund meiner Erfahrungen mit der knappen Zeit und auf der Suche danach, was denn Farbe ins Leben bringen könnte, habe ich mich an Momo aus dem  schon 40 Jahre alten Roman von Michael Ende erinnert. In dieser Geschichte sind die sogenannten „Grauen Herren“ am Werk. Sie haben eine fahle graue Haut, tragen graue Hüte und graue Sakkos und fahren elegante graue Autos. Sie rauchen Zigarren aus getrockneter Zeit, ohne die sie nicht existieren können. Sie versuchen, die Menschen dazu zu bringen, Zeit zu sparen, wo immer es geht. In Wahrheit werden die Menschen um ihre Zeit betrogen, denn vor lauter Sparen vergessen die Menschen, im Jetzt zu leben. Zeit kann man nicht sparen wie Geld. Und je mehr man versucht, Zeit zu sparen, desto kürzer werden die Tage und Wochen.

Meister Hora, der geheimnisvolle Verwalter der Zeit, schickt seine Schildkröte Kassiopeia und das kleine, hilfsbereite Mädchen Momo, um den übermächtig erscheinenden Grauen Herren den friedlichen Kampf anzusagen. Wie tat sie das? Unter anderem durch Zuhören. „Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte – nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. … Sie konnte so zuhören, dass ratlose, unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. … So konnte Momo zuhören.“

Den Grauen Herren den Kampf ansagen – das bedeutet: Farbe ins Leben bringen! Farbe durch Zeit schenken, durch Zuhören, durch einfach da sein und Zeit teilen! Äußerlich scheint diese Zeit nicht produktiv genützt zu sein, aber unterm Strich steht sicherlich mehr Leben als durch das ständige Wiederholen des Satzes „Ich habe keine Zeit!“

Das Wirken Jesu seinerzeit bestand ja auch vielfach darin, mit Menschen Zeit und Leben zu teilen, die in ihrem Leben falsche Schwerpunkte setzten oder am Leben der anderen nicht mehr teilnehmen durften, weil diese keine Zeit mehr mit ihnen verbringen wollten. Offensichtlich ist es ein zeitlos aktuelles Thema, dass Menschen dadurch mehr zum Leben kommen, dass sie ihre Zeit miteinander teilen. Die Bedingungen, unter denen wir leben und arbeiten, sind vielfach schwierig geworden. Dennoch kann sich Zeit so und so anfühlen. Insgesamt gibt es nur 24 Stunden am Tag. Aber je mehr ich von mir selbst in Zeit hineinlege durch die Art, wie ich zuhöre, jemanden anschaue oder einfach nur da bin, desto mehr gefühlte Zeit scheint da zu sein.

Meine Erstkommunionkinder werden durch das Erlebnis des gemeinsamen Festes ihren Lebensrhythmus vermutlich nicht wesentlich geändert haben. Aber ich hoffe, dass ihnen die gemeinsame Zeit nicht fehlt, sondern als wertvoll in Erinnerung bleibt. Und ich nehme mir für den heutigen Tag vor, dass ich jemandem gut zuhören werde. Mit Sicherheit wird der Tag dadurch etwas bunter!


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Dieser Beitrag wurde am 26.06.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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