Morgenandacht, 25.06.2015

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Unerschlossene Schätze

Ein Tresor in der Kirche? Was wird da wohl drin sein? Nein, es ist nicht der Tabernakel in einer katholischen Kirche als Aufbewahrungsort für das Allerheiligste. Es ist ein Kunstwerk, das vor einigen Wochen in meiner kleinen Barockkirche St. Coloman in Harting am Stadtrand von Regensburg zu bestaunen war. In manche fragende Gesichter habe ich geschaut, als das Objekt von Madleine Dietz aus Landau in der Pfalz präsentiert wurde. Ein stählerner würfelförmiger Tresor auf 4 stählernen Füßen: auf einer Seite lässt er eine Front aus Lehmziegeln sichtbar werden. Auf der gegenüberliegenden Seite leuchtet Licht aus einem gelben Fenster. Merkwürdig. Geheimnisvoll!

Ein Tresor birgt ja schon beim herkömmliche Gebrauch ein Geheimnis in sich: Geld, Schmuck, Wertpapiere oder andere Kostbarkeiten. Umso mehr macht ein Tresor neugierig, der gar keine Möglichkeit hat, geöffnet zu werden, der lediglich auf einer Seite leuchtet.

Es gibt verschiedene Geheimnisse, von denen jemand nicht möchte, dass sie gelüftet werden. Das Bankgeheimnis zum Beispiel. Wo immer da etwas ans Licht kommt, entwickelt es in der Regel enorme Kraft, meistens viel Ärger. Ferner gibt es Familiengeheimnisse, über die niemand spricht, die oft über Jahrzehnte gehütet werden, aber nach innen so eine destruktive Kraft entwickeln, dass sie nachfolgende Generationen belasten können. Dann gibt es noch eine andere Art von Geheimnissen: Keine Heimlichkeiten, über die man nicht sprechen sollte, sondern allgemein bekannte Tatsachen, die aber niemand auf der Welt ergründen und enträtseln kann. Der Wiener Arzt und Psychologe Viktor E. Frankl (1905-1997) versteht darunter Ereignisse im Leben, bei denen auch die verzweifeltste Warum-Frage zu keinem Ergebnis führt. Die zentralen tragischen Themen des Leben - Leid, Schuld und Tod -  gehören nach Frankl zu diesen Geheimnissen, er nennt sie die „tragische Trias“.

Im Wort Geheimnis verbirgt sich das Wort Heim. Das Vertraute, das Persönliche ist darin enthalten. Für mich bedeutet das: Ein Geheimnis, kann ich es auch nicht ergründen, führt mich zu meinem Innersten, zu meinem Personkern, zu dem, wie ich eben auch bin, wie mein Leben auch ist. Es führt mich damit aber ebenso zu den verborgenen Kraftquellen in mir. Dies drückt das Kunstwerk von Madeleine Dietz in meinen Augen aus. Mir ist, als wollte die Künstlerin mit den Lehmziegeln und dem gegenüberliegenden Licht deutlich machen: Es gibt ganz alltägliche, banale Gegebenheiten im Leben, Irdisches also, in dem geheimnisvolle Kräfte verborgen sind. In rätselhaften Situationen kann sich etwas Neues entwickeln, kann ich eine neue Kraft entdecken, wo ich sie vielleicht nie vermutet hätte. Manchmal frage ich mich nach einer großen Belastung: Woher habe ich eigentlich die Kraft dazu genommen? Freilich fühle ich mich im Anschluss an eine solche Anstrengung erschöpft, aber ganz offensichtlich konnte ich aus einer großen Kraftquelle schöpfen, die ich vielleicht ohne die Anstrengung nicht kennengelernt hätte. Das Irdische hat auf der anderen Seite, im Nachhinein betrachtet, geheimnisvoll zu leuchten begonnen.

Für mich ist das ein wichtiger Gedanke. Auch wenn Lebensvollzüge heute immer transparenter zu werden scheinen: In mir ruht immer noch ein großer Schatz wie in einem Tresor, ein unerschlossener Reichtum an Lebenskraft und Lebensfreude. Diese Lebenskraft und Lebensfreude können im entscheidenden Moment zur Geltung kommen – ich muss sie nur wahrnehmen. Das geht für mein Verständnis bis hin zu dem rätselhaften Wort aus einem Kirchenlied: „Geheimnis des Glaubens: im Tod ist das Leben!“ (GL 210) Nicht nur dort, wo das Leben üppig wuchert, liegen große Schätze. Auch dort, wo kein Mensch es mehr vermutet, leuchtet geheimnisvoll das Leben hervor.


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Dieser Beitrag wurde am 25.06.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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