Morgenandacht, 24.06.2015

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Mach die Mitte gut

Sie kennen die Szene: Zwei stehen an einer schmalen Tür, jeder möchte dem anderen den Vortritt lassen, eine Höflichkeit will die andere übertreffen – und zuletzt gehen beide gleichzeitig und stoßen zusammen. Gar nicht so einfach mit der Bescheidenheit.

Ein mir bekannter Musiker, der vor kurzem die Stelle gewechselt hat, berichtet ähnliches aus seinem Chor. Zunächst hatte er den Eindruck, einen Club von freundlichen Idealisten vor sich zu haben. Aber die ersten Chorstücke waren für sein Gehör ganz schrecklich, weil jeder den anderen mit seinem Idealismus übertreffen wollte. Ein Sopran schmetterte aus Leibeskräften, der einzige Tenor wollte beweisen, dass er es ganz gut alleine schafft, der Alt dagegen ist vor Bescheidenheit im Untergrund verschwunden. So beschloss der Chorleiter, ein gemeinsames Wochenende zu veranstalten mit vielen Gleichgewichtsübungen, die darauf abzielten, sich selbst und auch sich gegenseitig besser kennenzulernen und aufeinander zu hören. Denn nur mit der Balance jedes einzelnen kann ein gutes Gleichgewicht zwischen den einzelnen Stimmen entstehen.

Heute steht Johannes der Täufer im Kalender. Mit seiner Geburt, so erzählt die Bibel, ist ein neuer Anfang geschehen in der menschlichen Geschichte. Deswegen wird er als ein ganz Großer verehrt. Dennoch heißt es im Matthäusevangelium: „Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.“ (Mt 11,11) Beeindruckend ist für mich die Darstellung Johannes des Täufers am Isenheimer Altar in Colmar. Mit einem überlangen Finger zeigt er auf den Gekreuzigten und über ihm deutet eine Schrift diese Szene: „Jener muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ Auch hierin entdecke ich ein Stück Lebensweisheit, die mit Balance zu tun hat. Ich meine nicht, dass „kleiner werden“ bedeutet, mich selbst zu verleugnen in dem Sinn, dass ich kein Selbstbewusstsein haben dürfte. Vielmehr scheint es mir darum zu gehen, dass meine Aufmerksamkeit nicht bei mir selbst hängen bleiben darf. Sie sollte sich bestenfalls abwechselnd auf mich, auf andere und auf das Ganze richten, dann hat sie wohl auch den im Blick, von dem Johannes sagte: Er muss wachsen! Für mein Verständnis kommt hier die biblische Rede vom Gleichgewicht der Gottesliebe, der Nächstenliebe und der Selbstliebe zum Ausdruck.

Diese Balance von Göttlichem und Menschlichem bildet sich nicht zuletzt in der Natur ab. Der Geburtstag Johannes des Täufers trifft in unseren Breiten etwa mit der Sommersonnenwende zusammen. Während die Tage ab jetzt unmerklich wieder kürzer werden, gehen wir mit Johannes gleichsam dem entgegen, den er verkündet hat, Jesus Christus, dessen Geburtsfest wir um die Wintersonnenwende feiern. Und wenn die Tage am kürzesten geworden sind, kommt sinnbildlich das göttliche Licht in die Welt. An Weihnachten wird daher die Rede davon sein, dass Jesus Mensch geworden ist, damit wir wieder mehr zu Menschen werden können. Wie die Natur im Fluss ist, um ein Gleichgewicht zwischen den Jahreszeiten herzustellen, so scheint es mir auch meine Aufgabe zu sein, mich im Leben um Balance zu bemühen.

Im Gotteslob, dem katholischen Gesangbuch, ist seit der Neubearbeitung ein wunderschönes Lied zu finden. Es ist wie für den heutigen Tag gemacht, wenn es da in der ersten Strophe heißt:

Das Jahr steht auf der Höhe,
die große Waage ruht.
Nun schenk uns deine Nähe
und mach die Mitte gut.
Herr, zwischen Blühn und Reifen
und Ende und Beginn.
Lass uns dein Wort ergreifen
und wachsen auf dich hin.

(GL 465, Text: Detlef Block, 1978 / 2012)

Mach die Mitte gut! Das ist meine Bitte für diesen Tag!


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Dieser Beitrag wurde am 24.06.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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