Morgenandacht, 23.06.2015

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Gott geht alle Wege mit

In meiner ostbayerischen Heimat gibt es viele Wege, die mit einer Jakobsmuschel gekennzeichnet sind. Hier kann man in diesen Wochen wieder unzählige Pilger treffen. Auch zu den vielen Wallfahrtsbergen der Oberpfalz und nach Altötting sind Scharen von Pilgern unterwegs. Nicht alle werden sich freilich als überzeugte Katholiken oder Christen bezeichnen. Da kann man sehr unterschiedlichen Glaubenseinstellungen begegnen. Aber irgendetwas suchen sie alle, auch die, die von sich sagen, sie seien keine Kirchgänger. Menschen gehen sich auf diesen traditionsreichen Strecken schwere Erfahrungen von der Seele – und sie „er-gehen“ sich ihre ungewisse Zukunft.

Schaut man in die Heilige Schrift, so sind „Geher“ in sehr guter Gesellschaft – angefangen von den Vätern Israels über die Propheten bis hin zu Jesus selbst. Lebenswege werden zu Glaubenswegen – und umgekehrt.

Abraham ist der erste Mensch der Bibel, von dem es heißt, dass er „glaubte“ (Gen 15,6). Seine Geschichte beginnt mit dem Satz: „Zieh weg aus deinem Land … in das Land, das ich dir zeigen werde.“ (Gen 12,1) Die Urerfahrung der Menschen damals ist das Umherziehen auf der Suche nach fruchtbarem Land, also nach Leben. Und die Urerfahrung des Glaubens ist, dass Gott jeden dieser Wege begleitet. Das lernen auch Mose und das Volk Israel. Eine halbe Ewigkeit sind sie unterwegs in der Wüste auf der Suche nach dem gelobten Land. Als die Israeliten sesshaft geworden sind, wollen sie – trotz aller Einwände – einen Tempel bauen mit festen Mauern. Aber König Salomo spürt, dass Gott eigentlich überall ist und spricht im Tempelweihegebet: „Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe.“ (1 Kön 8,27)

Der Mitgeher-Gott des Alten Bundes wird in der Person Jesu von Nazaret zum sichtbaren Wegbegleiter. Es fängt schon damit an, dass Jesus unterwegs geboren wird. Von unzähligen Wegen berichten die Evangelien, ca. 40 Verben der Bewegung kann man im Lukasevangelium zählen. Jesus geht zwar auch in die Synagoge, aber die „bewegendsten“ Geschichten ereignen sich immer unterwegs. Er will bei den Menschen sein – und die Jünger, die er ruft, müssen sich ebenso auf den Weg machen: „Folge mir nach!“ (Mk 2,14 u.a.). Sogar das letzte, was er in dieser Welt erlebt, ist ein Weg, sein Kreuzweg. Das Vorletzte, genau genommen – denn unterwegs begegnen die Jünger ihm schließlich wieder, als dem Auferstandenen! Immer ist er dort, wo Menschen leben, hoffen, leiden oder am Zerbrechen sind – um sie zu ermutigen, nicht stehen zu bleiben, sondern weiterzugehen. Dieses Vertrauen hat ungezählten Leidenden Mut gemacht, ihren eigenen Weg zu Ende zu gehen, so auch P. Alfred Delp SJ, der im Angesicht seines gewaltsamen Todes in Plötzensee 1945 noch sagen konnte: „Gott geht alle Wege mit!“

Wenn wir Gott unterwegs begegnen können, ist Glaube auch Ergebnis von Wegerfahrungen. Traditionen geben dem Glauben Gestalt und überliefern ihn von Generation zu Generation. Dafür gibt es z.B. Katechismen. Aber durch das Lesen eines Katechismus ist noch kein Mensch gläubig geworden, vielmehr durch das Unterwegssein mit anderen Glaubenden, durch ihr Suchen und Fragen, durch ihr Zweifeln und Hoffen. Wir brauchen die Erfahrungen der Vorfahren – aber ebenso müssen wir Gott selbst suchen und ihm begegnen im Lauf unseres Lebens.

Am lebendigsten ist Glauben in der Gestalt, die der biblisch-christliche Glaube von Anfang an hatte: in Geschichten, die vom Leben erzählen und davon, dass Gott mitgeht. Insofern bin ich überzeugt, dass die Menschen heute gar nicht weniger gläubig sind als zu anderen Zeiten. Sie sind freilich anders unterwegs, anders auf der Suche – aber sie stellen dieselben Fragen, die Menschen immer gestellt haben. Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was für einen Sinn hat mein Dasein? Wenn Gott alle Wege mitgeht, dann finde ich die besten Antworten auf meine Fragen wohl im Gehen.


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Dieser Beitrag wurde am 23.06.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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