Paulina vom Herzen Jesu im Todeskampf

Der Papst wird aus Brasilien kommen. Das war eine sehr ernst zu nehmende Erwartung vor der letzten Papstwahl. Nun, der Erdteil stimmt – Südamerika, das Land ist ein anderes, nicht Brasilien, sondern Argentinien. Begründet wurde diese Erwartung mit der Tatsache, dass Brasilen das Land ist, in dem die meisten Katholiken leben. Von den 192 Millionen Einwohnern sind 140 Millionen katholisch. Das sind etwa 11,5 Prozent aller Katholiken weltweit.

Nun schaut die Welt nicht auf Brasilien, weil der Papst von dort hätte kommen können, sondern weil sich derzeit die weltweit besten Fußballspieler dort messen. Von der Kirche Brasiliens ist bei uns doch recht wenig bekannt. Am Rande der WM bekommt man hin und wieder in der Berichterstattung über Land und Leute  auch etwas über Religion in Brasilien mit. Zum Beispiel, dass Freikirchen und Sekten einen starken Zulauf haben. 35.000 Freikirchen gibt es. Und, dass der Fußballweltmeister von 1994 Paulo Sergio nun Pastor und Prediger ist.

Auf der Suche nach Informationen über die Kirche in Brasilien bin ich auf eine Frau aufmerksam geworden, an die man dort heute besonders denkt: Amabile Lucia Wisenteiner. Sie ist aber eher unter ihrem Ordensnamen bekannt: Paulina vom Herzen Jesu im Todeskampf. Schwester Paulina ist die erste brasilianische Frau, die heiliggesprochen wurde, und zwar am 19. Oktober 2002 durch Papst Johannes Paul II. Auch das ist ein Zeichen der geringen Aufmerksamkeit für dieses große katholische Land, dass es bis ins 21. Jahrhundert brauchte, um eine Brasilianerin zur Ehre der Altäre zu erheben. Sr. Paulina hat europäische Wurzeln. Ihre bitterarme Familie ist 1875 aus dem italienischen Trentino nach Brasilien ausgewandert. Heute würde man sie als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. 1890 gründete Paulina den Orden der „Kleinen Schwestern von der unbefleckten Empfängnis“. Diese Gemeinschaft kümmert sich besonders um die damals befreiten, aber orientierungslosen Sklaven, besonders um die Kinder. Bei der Suche nach deutschsprachigen Informationen über den Orden im Internet bin ich schnell an Grenzen gestoßen. Aber es ist einer der vielen, vielen Orden in der Kirche, die nicht die große Aufmerksamkeit suchen und sich dafür aber umso intensiver um ihre Berufung für die Armen kümmern.

Aber gerade damit stehen sie nun doch wieder im Licht der Aufmerksamkeit. Der Papst aus Lateinamerika, „vom Ende der Welt“, wie Franziskus es nannte, hat genau auf dieses Engagement der Kirche zu einem Schwerpunkt seines Amtes gemacht. Und die heiligen Frauen und Männer der Nächstenliebe und „der Armut um der Liebe“ willen sind derzeit die besten Beraterinnen und Berater der Kirche. Der Blick auf die Armen ist eine Gabe des Geistes, die ganz besonders die Kirche Lateinamerikas in die Weltkirche einbringt. Nun wieder stärker und „von ganz oben“ abgesichert. Die „Option für die Armen“, ein Begriff der Theologie der 1960er/1970er Jahre wird in der Kirche nun neu zu diskutieren sein. Der Theologe Peter Zulehner spricht nicht von de „Option für die Armen“, sondern von der „Option für die Armgemachten“ (1). Armut ist nicht ein Schicksal, das einen überfällt wie eine unheilbare Krankheit. Armut ist Folge menschlichen Handelns, das den Anderen nicht die gleichen Lebenschancen zugesteht, die man für sich selbst einfordert. Die Auffassung, man könne mit der Bergpredigt keine Politik machen, ist oft auch schlichtweg der mangelnde Wille, mit ihr Politik machen zu wollen. Die „goldene Regel“ aus der Bergpredigt ist und bleibt ein Schlüssel für das Gemeinwohl: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Mt 7, 12) In Brasilien wird heute die hl. Sr. Paulina gefeiert. Der 9. Juli ist ihr Todestag. Ihre Option für die Armen in Brasilien steht als Vorbild für eine Kirche der Armen dort und hier.

(1) vgl. Peter M. Zulehner, Mystik und Politik, in: Geist und Leben, Heft 6/1989, 413, www.geistundleben.de


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Dieser Beitrag wurde am 09.07.2014 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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