Am Sonntagmorgen, 07.06.2015

von Sabine Demel aus Regensburg

"Nimm Dein Bett und geh!" (Joh 5,1-9) – lähmende Abhängigkeiten überwinden

Autorin
Bleib gesund! – wünschen wir uns immer wieder gerne. Gesundheit ist das höchste Gut – lautet eine viel zitierte Alltagsweisheit. Die Gesundheit ist zwar nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts – gibt der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer zu bedenken. Und Johann Wolfgang von Goethe ruft in Gedichtform aus: Was nützt mir der Erde Geld? Kein kranker Mensch genießt die Welt!

Kein Wunder also, dass wir alles nur Erdenkliche unternehmen, um gesund zu werden oder – noch besser – gesund zu bleiben: Gesundheitsvorsorge, Gesundheitsdiät, Gesundheitskur, Gesundheitsbett, Gesundheitsschuhe, Gesundheitskosmetik, Gesundheitsernährung usw. usw.

Sprecher
Aber was ist eigentlich die Gesundheit? Nur das Fehlen von Krankheit? Gibt es auch so etwas wie eine Gesundheit in der Krankheit? Und eine Krankheit in der Gesundheit? Sind manche Gesunde krank und manche Kranke gesund? So hat schon der altbekannte griechische Philosoph Platon gemahnt: Die ständige Sorge um die Gesundheit ist auch eine Krankheit. Und es gibt auch Redensarten wie: Zuviel Gesundheit ist ungesund. Gesundheit allein macht nicht glücklich. Wer ungesund lebt, lebt immerhin. Keiner ist nur gesund oder nur krank.[1]  Wann also ist ein Mensch wirklich gesund?

Autorin
Für eine Antwort auf diese Frage kann die Erzählung über die Heilung des Gelähmten am Betesdateich aufschlussreich sein. Sie wird im Johannesevangelium des Neuen Testaments erzählt. Dort heißt es im fünften Kapitel:

Sprecher
Einige Zeit später war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem.  In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda. In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh! Sofort wurde der Mann gesund, nahm sein Bett und ging.

Autorin
Was wir hier gerade gehört haben, ist eine typische Wundererzählung des Neuen Testaments. Das kann dem einen oder der anderen den Zugang zu dem Text und die Auseinandersetzung mit dem Inhalt leicht verbauen. Für wen nur zählt, was wirklich geschehen ist, was historisch einwandfrei als Tatsachengeschehen nachgewiesen ist, wird wohl diese Erzählung als Fabel und schöne Glaubensgeschichte nicht weiter beachten. Für mich als Katholikin und Theologin ist bei diesem Text - wie bei allen anderen Wundererzählungen und überhaupt wie bei allen Texten der Bibel - nicht entscheidend, ob das, was da geschildert wird, wirklich so geschehen ist oder nicht, ob es sich hier um ein historisches Ereignis handelt oder nicht. Denn alle biblischen Texte wollen keine Fakten berichten, sondern Botschaften übermitteln. Sie wollen keine Tatsachenberichte sein, sondern Lebenserfahrungen und deren Deutungen weitergeben. Nicht die Historizität, nicht der medizinische Vorgang, sondern die Theologie, also die Rede von Gott und über den Glauben an ihn, ist das Thema hier wie in der gesamten Bibel.

Schauen wir uns also genauer an, was hier über Gott und den Glauben in Sachen Gesundheit und Krankheit erzählt wird – wohlgemerkt: als Glaubensbekenntnis, als gedeutete Geschichte, als reflektierte Erfahrung:

Sprecher
Im Mittelpunkt der Erzählung, wie sie im Johannesevangelium überliefert ist, steht ein Gelähmter, der auf eine Wunderheilung vertraut, nämlich auf die Wunderheilung der Heilquelle des Betesdateiches. Der Betesdateich – der war damals ungefähr das, was heute Lourdes ist, also eine Art antikes Lourdes.[2] Von diesem Betesdateich wurde damals erzählt, dass er von Zeit zu Zeit in Wallung gerät und dann den gesund macht, der den wallenden Teich als erstes erreicht.

Sprecher
Was für eine seltsame Situation, die hier geschildert wird!  Wie soll denn ein Gelähmter in den Teich gelangen, sobald er sprudelt? Das geht doch gar nicht!  Ein Gelähmter kann nun einmal per definitionem nicht gehen!

Autorin
Das ist durchaus richtig. Um es zu verstehen, müssen wir auf das Gespräch schauen, das Jesus mit dem Gelähmten in der Erzählung führt. Jesus fragt ihn nämlich: Willst Du gesund werden? Auf diese Frage antwortet der Kranke: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. Da sagt Jesus zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh!

Sprecher
Dieses Gespräch ist ein klassisches Beispiel dafür, wie es nicht laufen soll. Denn die beiden reden komplett aneinander vorbei. Jesus fragt, ob er gesund werden will, und der Gelähmte antwortet nicht: Ja, ich will! Oder: Nein, ich will nicht!, sondern der Gelähmte zählt all die Dinge auf, die ihn hindern, rechtzeitig in den sprudelnden Teich zu gelangen. Jesus wiederum bleibt bei seinem Thema und geht nicht auf die Worte des Gelähmten ein, sondern fordert ihn unbeeindruckt von dem, was er hört, auf: Steh auf, nimm Dein Bett und geh!

Autorin
Die beiden reden also aneinander vorbei. Aber warum tun sie das? Um das zu erschließen, muss man sich noch tiefer auf die eben betrachteten Textdetails und ihre Umstände einlassen: Stellen Sie sich vor, Sie werden von jemanden gefragt, ob Sie gesund werden wollen. Da liegt doch die spontane Reaktion auf der Hand. Sie antworten: Was ist das denn für eine Frage? Vielleicht sogar: Was ist das denn für eine blödsinnige Frage: Willst du gesund werden?! Natürlich will ich gesund werden, wenn ich krank bin – natürlich will der Gelähmte gesund werden. Aber wie denn? Er kann sich doch nicht bewegen! Wie soll er denn zum Teich gelangen, wenn nicht mit fremder Hilfe? – Und genau das sind auch die Gedanken des Gelähmten. Deshalb ist seine Antwort eine Erläuterung dafür, warum der Heilungsweg Betesdateich nicht klappt.

Sprecher
Nach dem Johannesevangelium sagt der Gelähmte: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein.

Autorin
Genau diese Antwort ist für mich der entscheidende Schlüssel, um den eigentlichen Sinn dieser Erzählung zu verstehen. Denn sie macht deutlich: Der gelähmte Mann ist so auf sich, auf seine Krankheit und auf seine Hoffnung auf den Betesdateich fixiert, dass er für alles andere überhaupt keinen Blick mehr übrig hat, keinen Gedanken daran verschwendet. Der Mann scheint ganz und gar in seinem bisherigen Zustand und seinem bisherigen Denkmuster gefangen zu sein. Und zu diesem Denkmuster gehört wesentlich die Konzentration auf das, was nicht geht, auf die Umstände, die so schlecht sind, und auf die Menschen, die sich nicht um ihn kümmern.

Sprecher
Doch warum reagiert dann Jesus so nüchtern, ganz und gar nicht einfühlsam, empathisch? Denn Jesus äußert ja kein Verständnis, kein Mitleid, steuert keine Idee bei, wie der Gelähmte anders zum Teich gelangen kann. Er geht überhaupt nicht darauf ein, was der Gelähmte sagt. Sondern Jesus erwidert einfach: Steh auf! –

Autorin
Lange habe ich über diese Aufforderung: Steh auf! nachgedacht. Wie soll ein Gelähmter – bitteschön –  aufstehen?! Das geht doch gar nicht!  –  Doch das Verwunderliche in der Erzählung ist: der Gelähmte steht tatsächlich auf, wie gleich im Anschluss an diesen Dialog zu lesen ist. Jetzt, an dieser Stelle der Erzählung, wird mir klar: der Mann ist nicht – oder zumindest nicht nur – im herkömmlichen Sinn gelähmt! Seine Lähmung ist nicht – oder zumindest nicht nur – auf den Körper beschränkt. Seine körperliche Lähmung ist nicht mal das Entscheidende. Das Entscheidende ist vielmehr seine Lähmung im Denken, seine Einstellung. Denn nur so erhält die Aufforderung Jesu Steh auf! einen Sinn. Dieses Steh auf scheint so etwas wie eine Kurzformel zu sein für die Langfassung: Hör auf zu jammern, was nicht geht! Hör auf, gelähmt auf das zu schauen, was Du gerne willst, aber nicht kannst! Schau lieber, was geht, und tu das dann auch!

Sprecher
Offensichtlich war das genau das, was der Gelähmte gebraucht hat. Denn er steht tatsächlich auf. Ja mehr noch: Er nimmt auch sein Bett mit. Der Gelähmte wagt also nicht nur aufzustehen, sondern er wagt es auch, sein Bett mitzunehmen - als Sinnbild für sein bisheriges Leben, für seine Vergangenheit, mit der er nun in ein neues Leben hineinzugehen wagt. Neu ist dieses Leben, weil er nun den Mut hat, sich für neue Perspektiven zu öffnen, die ihn und sein Leben in Bewegung bringen.

Autorin
Willst Du gesund werden? Diese Frage, mit der Jesus seine Begegnung mit dem Gelähmten einleitet und die auf den ersten Blick alles andere als sinnvoll erscheint, entpuppt sich spätestens jetzt als so etwas wie die alles entscheidende Frage. Denn damit  sagt Jesus dem Gelähmten unverblümt ins Gesicht:  Du weißt, dass deine Lähmung von innen kommt. Du legst dich selbst lahm. Du selbst bist Deine Krankheit! Schau in Dich und frage Dich selbst: Willst du wirklich? Willst Du wirklich auf eigenen Beinen stehen? Willst Du wirklich die Verantwortung für Dein Leben übernehmen? Willst Du wirklich auf die Vorteile Deiner Lähmung verzichten? Auf das Jammern über die Umstände und über die anderen, auf das Mitleid? Gesund-werden ist auch anstrengend! Bist du bereit, die Konsequenzen zu tragen, den Preis dafür zu zahlen, dass  du nicht mehr gelähmt und regungslos bist, sondern beweglich und bewegungsfähig? Sich bewegen und etwas bewegen zu können führt auch dazu, dass Du auf andere Rücksicht nehmen musst, dass Du bei anderen aneckst mit dem, was Du in Bewegung bringst, was Du aus dem Stillstand holst! Willst Du wirklich?

Das ist die Frage, die auch an jede und jeden von uns gestellt wird: Willst Du wirklich? Will ich wirklich? Will ich wirklich gesund werden? Will ich wirklich die Kräfte und Möglichkeiten, die in mir sind, suchen und aktivieren, um mich aus den Lähmungen meines Lebens zu befreien, um aufzustehen von meinem Bett der Lähmungen und einen neuen Weg zu gehen? Dann gilt auch für mich: Steh auf, nimm dein Bett und geh! Steh auf, schau Deine Vergangenheit an und geh daran, sie zu bearbeiten, auf dass sie dich nicht (mehr) lähmt, sondern frei macht zum Leben! Und dazu hilft Dir Gott – oftmals unerkannt, vielleicht sogar unmerklich, weil es nicht auf so wunderbare Weise geschieht, wie bei dem Menschen in der Erzählung des Johannesevangeliums, aber es geschieht.

Der Geist bewegt mich – wenn ich will. Aber ich muss es wirklich wollen; ich muss wirklich gesund werden wollen; ich muss mich wirklich bewegen lassen wollen. Wenn ich nur will, bewegt mich der Geist – mich, die ich oft wie gelähmt liegen bleibe auf dem Bett, das den Namen trägt:  so ist es nun mal, ich kann nicht anders. Ich würde ja gerne, aber die anderen sind ja nicht da. Oder: die Kirche, die Gesellschaft, die Welt ist nun mal so. Der Papst sagt doch auch, dass es nicht geht! Die Bischöfe mahnen, dass sie es nicht tun können, selbst wenn sie wollten – und schon lasse ich mich festlegen auf dieses Bett der Lähmung und wage schon nichts anderes mehr zu denken oder gar auszusprechen, geschweige denn zu tun. Ich lasse mich festlegen auf das Bett der Entscheidungen von oben und jammere darüber, dass sich nichts ändert. Oder ich klage, dass der Andere mich nicht versteht, aber versuche selbst zu wenig, den Anderen zu verstehen. Oder ich entkräfte die inhaltliche Macht und Autorität des Gesagten mit dem Hinweis auf die untergeordnete Stellung dessen, der es sagt, nur damit ich nichts von meiner Auffassung aufgeben muss.

Da lade ich zum Gespräch ein und teile zugleich mit, worüber wir aber keinesfalls reden werden, um gar nicht erst in die Gefahr zu kommen, mein bisheriges Tun ändern zu müssen. Da frage ich ständig, was ich tun darf statt was ich tun muss kraft meiner inneren Überzeugung, ob gelegen oder ungelegen, um ja nicht kritisiert zu werden oder mir die Gunst der anderen zu verspielen.

Immer und immer wieder merke ich: Es ist mal wieder höchste Zeit, mir bewusst zu machen, was mich lähmt, was mich träge und unlebendig macht, um dann neu aufzustehen vom Bett der Lähmungen, dieses Bett zu nehmen und mit ihm einen neuen Weg zu gehen. Der erste Schritt dazu ist die Frage: Willst Du wirklich? Will ich wirklich? Warum steh ich dann nicht auf, nehme mein Bett und gehe in Bewegung? Und plötzlich höre ich dann in mir eine Stimme, die mir zuruft: Komm! Steh auf! Nimm Dein Bett und geh!


[1] © Dr. rer. pol. Gerhard Kocher (*1939), Schweizer Politologe und Gesundheitsökonom;
Quelle: »Vorsicht, Medizin! 1555 Aphorismen und Denkanstösse«, h.e.p. Verlag/Ott-Verlag, Bern, Schweiz, 3. Auflage 2006.

[2] Vgl. Hentschel, H.-G.,  Im Haus der Gnade – Steh auf und geh! Joh 5,1-16, in: Göttinger Predigt-Meditationen 67 (2013), 432-438, 433.


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Dieser Beitrag wurde am 07.06.2015 gesendet.


Über die Autorin Sabine Demel

Sabine Demel, geboren 1962, ist promovierte und habilitierte Theologin und seit 1997 Professorin für Kirchenrecht an der Universität Regensburg. Sie ist Mitbegründerin des Vereins AGENDA-Forum katholischer Theologinnen und des Vereins DONUM VITAE zur Förderung des Schutzes des menschlichen Lebens in Bayern e. V. sowie Vizepräsidentin der „Herbert Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche“. Ihre Forschungsschwerpunkte sind das Verhältnis von Theologie und Recht, Beteiligungsstrukturen in der Kirche  und die Ökumene. Sie tritt für eine lebensnahe Auslegung der kirchlichen Gesetze ein und will aufzeigen, wie Recht in der Kirche zu Frieden und Freiheit beitragen kann.

Kontakt
sabine.demel@ur.de

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