Abrahamitischer Trialog

Der Berliner Senat ist nicht fromm, hat sich aber dennoch wieder einmal in Sachen Religion engagiert. Auf seine Initiative gibt es nun ein neues Projekt im interreligiösen Bereich der Hauptstadt, das „Forum der Religionen“. Anfang April trafen sich dazu rund 100 Teilnehmer aus 80 "Religionsgemeinschaften, religionsübergreifenden Zusammenschlüssen und spirituellen Gruppen" im Roten Rathaus. Sie wollen "das wechselseitige Verständnis im Respekt vor der Überzeugung der jeweils Anderen im Dialog und Projektarbeit fördern". Zudem wollen sie ihr "konstruktives Potenzial" in die Zivilgesellschaft einbringen sowie "gesellschaftlichen Zusammenhalt" und "friedliches Miteinander" stärken. (1) Diese Meldung der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) lag Schülerinnen und Schülern eines Grundkurses Religion in der Klausur zur Stellungnahme vor. Die Aufgabe war, die Frage zu diskutieren, was das Judentum, das Christentum und der Islam zu diesem Forum beitragen können. Konkret: Warum und wie können diese drei großen Religionen hier eine besondere Rolle spielen?

Ein Ergebnis war schon einmal erstaunlich positiv. Es ist offensichtlich vollkommen unstrittig, dass es keine Vorstellung einer Vorrangstellung der einen oder anderen Religion gibt. Die Frage nach der Zugehörigkeit des Islam zur deutschen Kultur ist ja gesamtgesellschaftlich keineswegs unstrittig. Wie heftig war noch vor Jahren die Diskussion, als Bundespräsident Christian Wulf am 20. Jahrestag der Deutschen Einheit sagte: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Ich finde es absolut korrekt, wenn Schülerinnen und Schüler einer katholischen Schule keine Probleme mit anderen Religionen haben und in der Gesellschaft, die sie einmal zu verantworten haben, auch dafür einstehen. Natürlich hatten sie ihr Kapitel über die Gemeinsamkeiten der „monotheistischen Religionen“ gelernt und konnten damit ihre Argumente untermauern. Zum Beispiel, dass die Rückbesinnung auf den einzigen und den gemeinsamen Gott Motivation und Verpflichtung ist. Der Gott, der sich Abraham offenbart hat und dem Abraham rückhaltlos vertraut hat, bestimmt das gemeinsame Handeln.

Die Geschichte von Abraham steht im ersten Buch der Bibel, dem Buch Genesis, bzw. 1. Buch Mose. Gott spricht zu Abraham und verheißt ihm eine große Nachkommenschaft und fruchtbares Land. Und Abraham wird Gottes Segen für die Menschen: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.“ (Gen 12,2f) In einer Fußnote der online-Ausgabe der Einheitsübersetzung hießt es zur Erklärung: In der Berufung Abrahams und der Segenszusage an ihn setzt Gott dem seit der ersten Sünde anwachsenden Fluch den Segen entgegen. Wie der Fluch sich auf die ganze Menschheit auswirkte, so soll nun der Segen die ganze Menschheit erreichen. Zum Mittler des Segens wird Abraham erwählt. (2) Es ist also eine gemeinsame Zusage und Aufgabe der Töchter und Söhne Abrahams – ganz gleich welcher der drei abrahamitischen Religionen sie angehören – ein Segen für alle Geschlechter der Erde zu sein. Im Berliner „Forum der Religionen“, so war die durchgehende Meinung der Schülerinnen und Schüler, wäre das eine wichtige Rolle der drei Religionen. Es ist klar: Hier gibt es noch viel Gesprächsbedarf im „Trialog der monotheistischen Religionen“. Ein guter Beitrag dazu ist, wenn junge Menschen gut auf dieses Gespräch vorbereitet werden.


(1) KNA, Länderdienst Ost, 07.04.2014
(2) www.bibleserver.com/text/EU/1.Mose12%2C2


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Dieser Beitrag wurde am 10.07.2014 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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