Höre auf die Lehren des Meisters

Benedikt und Franziskus – beide spielen eine große Rolle für die Kirche und die Kultur unserer Zeit. Zusammen verkörpern sie christliche Existenz als eine mystische Vertiefung in Gott und eine engagierte Hinwendung zur Welt. Ich finde es interessant, dass genau diese beiden Pole die Eigenschaften des Papstes a.D. und des amtierenden Papstes beschreiben.

Heute ist der Gedenktag des heiligen Benedikt und damit gewissermaßen der Namenstag von Papst a.D., Benedikt XVI. Der heilige Benedikt wurde um 480 in Nursia in Umbrien geboren. Rund 700 Jahre später wurde in Umbrien auch Franziskus geboren. In der Unruhe der Zeit der Völkerwanderungen war es Benedikt offensichtlich ein Anliegen, Ruhe und Ordnung in ein System zu bringen. Seine Regel für das Leben der Mönche schrieb er zunächst einmal für die Gemeinschaft, der er selbst angehörte. Sie wurde bald auch von anderen Gemeinschaften übernommen und regelt bis heute das Zusammenleben von Frauen- und Männerklöstern in der benediktinischen Tradition. 

Ich finde es gut, wenn die Regel das Zusammenleben so organisiert, dass es keinen Zank und Streit gibt, und wenn sie die Mönche optimal an das Ziel ihrer Berufung führt. Es ist viel darüber geschrieben und gesprochen worden, ob das auch etwas für die Menschen in der Welt ist. Denn das ist ja schon auffällig, dass es einen Trend zum Kloster auf Zeit gibt. Menschen suchen die Nähe von Nonnen und Mönchen, die bewusst einen Schritt aus der Weltöffentlichkeit zurückgegangen sind. Die Klöster selbst reagieren auf diesen Bedarf mit Angeboten für Gruppen und Einzelne.

Und dann, wieder in der Welt, geht es dann weiter wie bisher? Die Benediktusregel ist in der Tat in weiten Teilen eine Sache für die Menschen im Kloster, die ihren Tag von dem Gleichklang von Gebet und Arbeit – ora und labora – bestimmen lassen wollen. Ich habe natürlich eine Ausgabe der Regel. Sie ist schon ziemlich abgegriffen, weil ich früher öfter als heute darin gelesen habe. Genau das nämlich habe ich gesucht, eine Regel für mein Leben. Es hat eine Weile gedauert, bis ich festgestellt habe, dass ich als weltlicher Mensch eine andere Ordnung habe. Dennoch ist die Regel (1) eine Hilfe im Glauben und Handeln. Vor allen Dingen das Vorwort, der Prolog, gibt mir die richtigen Stichworte. Er beginnt: „Höre, mein Sohn …“ Da bin ich zuerst einmal auf der passiven Seite der Kommunikation. Auf der, auf der man etwas empfängt, vielleicht sogar geschenkt bekommt. Aber es geht nicht um ein nur sinnenhaftes Hören mit den Ohren. Da sind noch zu viele störende Nebengeräusche. „Neige das Ohr deines Herzens …“, fordert mich die Regel auf. Es gibt das bekannte Wort aus dem „Kleinen Prinzen“: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Benedikt sagt hier: „Man hört nur mit dem Herzen gut.“ Erst, wenn ich mein Herz geöffnet habe, dann lasse ich wirklich etwas an mich heran. Ein Herz, das nicht hört, blockt ab. Es macht mich als Menschen unzugänglich.

Es geht bei diesem Hören um die „Lehren des Meisters“. Das macht mich zu einem Schüler. Es sagt mir: Du bist noch nicht fertig und musst es auch nicht sein. Dein Leben ist immer noch in der Entwicklung.  Also, „nimm die Mahnung des gütigen Vaters willig an und erfülle sie in der Tat“. Für mich ein ganz wichtiger Rat: In der Sache des eigenen Lebens erst einmal hinhören, immer wieder hinhören und nicht einfach drauflosleben. Das Hören mit dem Herzen führt mich in das Geheimnis meines eigenen Lebens und dort zu einer Begegnung mit Gott, „denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Röm 5,5) Aus dieser Begegnung mit Gott heraus, wird dann auch der Franziskus-Pol meiner christlichen Existenz gefragt, die engagierte Hinwendung zur Welt.


(1) Zitate aus: Die Regel des Hl. Benedikt, Übersetzt von P. Basilius Steidle OSB, 13. Auflage, Beuroner Kunstverlag, Beuron 1983, Seite 13, 4 Zeilen


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Dieser Beitrag wurde am 11.07.2014 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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