Feiertag, 10.05.2015

von Joachim Opahle aus Berlin

"Segne du, Maria..." - Vom Charme alter Marienlieder

Autor
Eigentlich ist es paradox: Mutter und Jungfrau, vertraute Helferin in irdischen Sorgen und unerreichbare Himmelskönigin – das alles wird mit Maria verbunden, der biblischen Mutter Jesu. Und noch mehr: sie ist nämlich nicht nur eine historischer Person, sondern auch zeitlose Erbin uralter Mythologien.

Musik

Autor
Maria ist beides: die unehelich-schwangere junge Mutter aus Nazareth  und die von Sünden reine, göttlich-gleiche Fürsprecherin im Himmel. Millionen nennen ihre Kinder nach ihr, ganze Nationen stellen sich unter ihren Schutz. In Malerei, Dichtung und Musik spielt sie eine herausragende Rolle; bei Orthodoxen, Katholiken und Protestanten; im Judentum und im Islam.

Musik

Autor
Maria steht für die emotionale Seite des Glaubens. Vieles um sie herum bleibt unerklärlich. Schon die Ansage, dass sie schwanger werden und einen göttlichen Sohn gebären wird, entzieht sich der alltäglichen menschlichen Vernunft. Der Verstand, so scheint es, kommt bei Maria schnell an seine Grenze. Sie bewegt sich mehr im Raum der Gefühle, der heimlichen Wünsche und Hoffnungen. So wundert es auch nicht, dass Maria vor allem in der Musik lebendig ist. In Liedern und Hymnen. Denn die Musik ist jene Kunst, die unmittelbar zur Seele spricht. Lieder und Melodien haben die Kraft, uns Mut zu machen, zu trösten, sie lassen uns jubeln oder klagen. Und ganz besonders deutlich wird dies in den Liedern, die von Maria handeln.

Musik

Autor
Maria ist ein überaus lebendiger Mythos, sagt der Literaturexperte Hermann Kurzke. Zusammen mit der Musikwissenschaftlerin Christiane Schäfer hat er ein Buch über berühmte Marienlieder und ihre Geschichte veröffentlicht. Maria, davon ist der emeritierte Professor überzeugt, ist wieder im Kommen:

Hermann Kurzke
Ich könnte mir schon denken, dass da ein neues Interesse möglich ist. Man hat zumindest das Indiz dafür, dass im neuen Gesangbuch Gotteslob die Zahl der Marienlieder sich nicht etwa vermindert, sondern leicht vermehrt hat.

Autor
In den zurückliegenden Jahrzehnten, seit der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, war die Verehrung Mariens etwas in den Hintergrund geraten. Zu kitschig, zu wenig biblisch grundiert, zu weltfremd erschien der Marienkult. Heute jedoch, sagt Hermann Kurzke, wendet sich der Blick wieder ganz neu den emotionalen Momenten der Frömmigkeit zu:

Hermann Kurzke
Es sieht ganz so aus. Und es sind nicht nur die emotionalen, sondern dezidiert auch die mythischen  Momente; dass Maria in den alten Liedern nicht einfach nur eine Frau aus dem alten Israel ist, sondern eben eine Himmelskönigin, mit der Sonne bekleidet, den Mond zu ihren Füßen, mit einem Kranz von Sternen um ihr Haupt; also einer Figur, die weit über das normale Menschenmaß hinausreicht.

Musik

Autor
Eigentlich ist Maria ein Mädchen vom Lande. Ihre semitische Herkunft lässt vermuten, dass sie dunkelhaarig und dunkeläugig war; die Bibel hält sich mit weiteren Beschreibungen zurück, aber man kann sich durchaus vorstellen, dass ihr Alltag in Nazareth von Landwirtschaft und Viehzucht bestimmt war.

Ganz anders wird sie geschildert von einem ebenfalls jungen Mädchen in Südfrankreich: von Bernadette Soubirous, einem der Seherkinder von Lourdes, dem Maria rund 2000 Jahre nach ihrem irdischen Leben erschienen sein soll. Jetzt wird sie als eine wunderschöne „Dame“ beschrieben, in weißem Gewand und blauem Mantel. Sie stellt sich selbst vor mit dem etwas rätselhaften Bekenntnis, sie sei „die unbefleckte Empfängnis“. Die meisten Statuen in Lourdes zeigen sie groß, schlank, blond und blauäugig.

Was ist in der Zwischenzeit geschehen? Und wieso wandelt sich das Interesse so stark weg vom historischen Hirtenmädchen aus Galiläa hin zur Himmelsgöttin? Die Musikwissenschaftlerin Christiane Schäfer, die eine Doktorarbeit über Marienlieder geschrieben hat,  versucht eine Antwort:

Christiane Schäfer
Diese schmale biblische Basis, die Maria hat, ist eine Chance, sie zu füllen und sie auch als mythische Figur erstehen zu lassen und auszugestalten. man bedient sich ja dann des Alten Testaments, vieler Motive aus dem Hohen Lied, aus der Offenbarung....

Autor
Fast scheint es so, als habe die historische Maria wie eine Projektionsfläche gedient, die man mit allen nur erdenklichen mythologischen Motiven schmücken konnte. Für Hermann Kurzke ist die geistliche Entwicklung Mariens vom Menschlichen zum Übermenschlichen durchaus legitim:

Hermann Kurzke
Damit wird in keiner Weise in Zweifel gestellt, dass es sie auch als historische Person gab. Diese historische Person ist im Laufe der Jahrhunderte einer solchen mythischen Überhöhung ausgesetzt gewesen; und das halte ich nicht für eine negative Aussage. Diese Aussage soll die Frömmigkeit auch überhaupt nicht beschädigen, sondern nur einen kulturwissenschaftlichen Umgang mit dem Thema sicherstellen.

Autor
Je mythologischer die Marieninterpretation wird, desto paradoxer erscheint die Rolle, die der Gottesmutter im Glauben zugewiesen ist. Sie ist Tochter des göttlichen Vaters und zugleich Mutter seines Sohnes, empfangen wiederum hat sie vom Heiligen Geist. Man könnte meinen, Maria müsse für alles herhalten, so viele Rollen füllt sie aus. Christiane Schäfer erläutert die Zusammenhänge anhand des Marienliedes „Wunderschön prächtige…“, das Maria als Himmelskönigin und Fürsprecherin besingt:

Christiane Schäfer
Es ist ja ganz logisch: also wenn sie die Mutter von Jesus ist, dann ist der Vater von Jesus Gott, also ist sie die Gemahlin von Gott, und Braut des Heiligen Geistes, durch den heiligen Geist gezeugt, durch das Wort, das Gabriel zu ihr sprach. Und insofern ist es eine ganz schlüssige Erklärung für ihre Besonderheit. Ich würde nicht sagen: sie muss für alles herhalten, sondern es zeichnet sie aus und ich find das Bild eigentlich sehr schön ...das ist dann auch ein großer Anknüpfungspunkt für viele gewesen, dass sie doch in aller Besonderheit immer auch ganz Mensch war ....

Musik

Christiane Schäfer
In der Zeit, als dieses Lied entstanden ist,  ist es wirklich diese Form der Überhöhung, die Königin, die Mächtige. In dem Lied nutzt man auch die Strophen, um zu klären, warum sie denn so mächtig ist: weil sie makellos ist, weil sie von Gott auserwählt ist, weil sie die Tochter des Vaters und die Mutter des Sohnes und die Braut des heiligen Geistes ist. Und wenn man dann merkt, wie mächtig sie eigentlich ist, dann ist sie diejenige, der man sich anvertrauen kann. Und ich glaube, das hat schon was damit zu tun, da wo die Not und Bedrängnis sehr groß ist, diese Überhöhung eine ganz wichtige Funktion hat. Und es entspricht auch der Zeit in der das Lied entstand, Mitte des 18. Jahrhunderts. Es gibt auch viele Lieder aus dieser Zeit, die trotz der Überhöhung eine gewisse Innigkeit zum Ausdruck bringen.

Musik 

Hermann Kurzke
Wir haben an Texten gezeigt, welche Rollen Maria in diesen Texten spielt.  Und da werden doch sehr häufig die Menschen gesehen als Menschen die zum Beispiel in einem Jammertal leben. Und es gibt furchtbar viele Menschen auch heute, die wirklich in einem Jammertal leben, unter den allergrößten Schwierigkeiten und Katastrophen. Und wir haben viele Zeugnisse  aus diesen Liedern dafür, dass in der Tat Maria eine Figur ist, die einem dabei hilft, auf andere Weise nicht gedeutetes Leid zu deuten und ihm so eine Form, eine Ordnung zu geben und auch zu helfen, das auszuhalten und damit auch zu bewältigen.

Musik

Autor
Reinheit und sexuelle Enthaltsamkeit spielen seit alters her eine große Rolle in der Marienverehrung. Denn ihre Empfängnis geschah auf wundersame Weise ohne Beteiligung eines Mannes. Später kommen Päpste und Konzilien zu  weiteren Erkenntnissen: Maria sei ohne den Makel einer Erbschuld geboren und nach ihrem Tod mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden. Christiane Schäfer erläutert, warum die sexuelle Abstinenz in der Marienverehrung eine so große Rolle spielt:

Christiane Schäfer
Es ist etwas, das sie auszeichnet, und dieses Bild einer reinen Keuschheit, das hat schon auch etwas Faszinierendes. Also es ist nicht unbedingt so gedacht, dass man sagt, sie muss faktisch Jungfrau gewesen sein, aber als Bild für das, was dahintersteht, ist es ein großer Ausdruck. Da geht es um Keuschheit und was das eigentlich ist und was das bedeutet. Und ich glaube schon, dass es auch eine tiefe Sehnsucht gibt nach einer reinen Art von Liebe und auch Verehrung, und wenn man sagt, das ist die Mutter und die Geliebte, das beißt sich ja eigentlich offensichtlich, aber ich glaube es gibt auch da ein Form von Liebe, die dann wirklich keusch ist und aber eine ganz starke Ausdruckskraft hat.

Autor
Dabei ist es keineswegs so, dass Maria bevorzugt von Frauen verehrt wird. Auch Männer können vor der Gottesmutter in Andacht versinken:

Hermann Kurzke
Selbstverständlich! Männer lieben Frauen. Warum soll Frau ein Frauenthema sein. Aber die Zugangsweisen mögen unterschiedlich sein. Ich glaube, dass von Männern vielleicht doch...., dass da andere  emotionale Aspekte mitspielen. Dass es gemeinsame Aspekte gibt, etwa das Thema Mutter und Mütterlichkeit. Aber sicher auch Aspekte, die man anders sehen wird, Jungfrau zum Beispiel und Keuschheit. Das sind ja alles Dinge, die auch besetzt sind mit Debatten von heute.

Musik

Autor
Eines der bekanntesten Marienlieder handelt von der Gottesmutter als Beschützerin bei Gefahr und Drangsal. Maria ist hier die mächtige Himmelsgöttin mit einem weiten Mantel, unter den man sich flüchten kann wie unter einen bergenden Panzer. Die Hingabe und das kindliche Vertrauen, die aus dem Text sprechen, entfalten zusammen mit der Melodie eine Gefühlsmacht, deren Wucht man sich kaum widersetzen kann. Christiane Schäfer weiß warum:

Christiane Schäfer
Weil das Bedürfnis nach Schutz so stark war. Und dieses Bild des Schutzmantels unter den man fliehen kann und der einen abschirmt von dem, was die böse Welt draußen bringt und ... es entsteht ja in kriegerischen Zeiten. Ich glaub, das ist vom Bild her einfach sehr sehr stark und eben auch intim. und auf der anderen Seite hat es auch sehr viel Kraft, also man kann sich das gut vorstellen, wenn man unter dem Mantel geborgen ist, dass einem da nichts passieren kann. Und von daher wundert es mich nicht, dass das ein starkes Motiv ist, und ich glaube, das Bedürfnis hat jeder mal, zu sagen: ich will mich jetzt mal wegducken und es ist gut, wenn jemand mich beschützt und dann ist so ein Schutzmantel doch sehr geeignet.

Musik

Autor
Ebenso eindringlich ist das Lied „Segne du, Maria“, das Maria als Gegenspielerin des Teufels und des Bösen in Szene setzt. Sie allein hat die Macht, die listige Schlange aus dem Paradies zu besiegen, ihr werden geradezu Zauberkräfte zugeschrieben, um das Böse fernzuhalten und Übel zu überwinden.

Man mag dieses Lied sentimental, pathetisch, inbrünstig, vielleicht sogar kitschig nennen. Aber in seiner schlichten Frömmigkeit, die keinen Zweifel kennt, entfaltet es einen ungemeinen starken Trost, sagt Literaturexperte Hermann Kurzke:

Hermann Kurzke
Vieles liegt natürlich an den Melodien. Es sind eine ganze Reihe wirklich großer Melodien dabei, die einen einfach mitnehmen und diese tröstende Kraft haben. In vielen ist es im Text ganz direkt drinnen, zum Beispiel heißt es: süße Trostesworte flüstre dann dein Mund.... Ja , ist ein wichtige Punkt beim Übergang im Tod.

Musik

Autor
Dornen und Blüten sind wichtige Bilder, in denen die Marienverehrung ins Bild gesetzt wird.  Vielleicht, weil sie auf so anschauliche Weise scheinbare Gegensätze vereinigen: das harte Leben mit seinen Gefahren und Schicksalsschlägen, und die betäubende Schönheit der Natur, die einen mit Duft und Liebreiz umfängt. Von Maria, die einen Dornenwald auf wundersame Weise zum Leben erweckt, erzählt eines der schönsten Marienlieder. Es berichtet vom Wunder des Lebens in scheinbar aussichtsloser Lage. Für Christiane Schäfer gehört dieses etwas rätselhafte Lied zu ihren heimlichen Favoriten:

Musik

Christine Schäfer
Die schwangere Maria geht durch einen Wald, der sieben Jahre dürr war, und dann tragen die Dornen Rosen. und das Lied ist mir in einer bestimmten Phase meines Lebens sehr nahe gekommen, eben in dieser so schlicht ausgedrückten Hoffnung auf Erlösung. Das ist vielleicht ein bisschen unaufgeklärt ausgedrückt, aber es kann eine große Kraft haben und von daher ist der Schatz, der in diesen Liedern steckt, schon sehr bedeutend.

Musik

Autor
Noch viele weitere Motive sind in der abendländischen Frömmigkeitsgeschichte mit der Gottesmutter Maria in Verbindung gebracht worden. Zum Beispiel die  Rose. Künstler haben Maria als Rosenkranzkönigin über den Wolken oder als irdische Maria im Rosengärtlein dargestellt. Bis heute hat sich dieses Motiv im Rosenkranzgebet fortgesetzt.

Daneben ist Maria der Meeresstern. Viele Kirchen an den Küsten der Ozeane sind nach ihr benannt, denn Sterne geben den Seeleuten Orientierung und Sicherheit. So wurde Maria zum Inbegriff der Zuflucht und Geborgenheit. Der russische Schriftsteller Maxim Gorkij fasste es in folgende Worte: „Der Marienkult ist nicht nur heidnisch schön, sondern vor allen Dingen auch ein sehr kluger Kult. Die Madonna ist schlichter als Christus, sie steht dem Herzen näher, in ihr gibt es keine Widersprüche, sie droht nicht mit der Hölle. Sie ist ganz Liebe, ganz Mitleid und Vergebung….“

 


Literatur: Hermann Kurzke, Christiane Schäfer: Mythos Maria. Berühmte Marienlieder und ihre  Geschichte; Verlag C.H.Beck, München 2014

Zitat Maxim Gorkij aus:  Maxim Gorkij, Italienische Märchen, Aufbau Verlag, Berlin/Weimar 1987


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Dieser Beitrag wurde am 10.05.2015 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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