Morgenandacht, 02.05.2015

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Die Wahrheit des Schönen

Das Gebet eines afrikanischen Christen, das ich im Internet fand, beginnt so: „Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel. Die Nacht ist verflattert, und ich freue mich am Licht. Deine Sonne hat den Tau weggebrannt vom Gras und von unseren Herzen. Was da aus uns kommt, was da um uns ist an diesem Morgen, das ist Dank.

Herr, ich bin fröhlich heute am Morgen. Die Vögel und Engel singen, und ich jubiliere auch. Das All und unsere Herzen sind offen für deine Gnade. Ich fühle meinen Körper und danke. Die Sonne brennt meine Haut, ich danke. Das Meer rollt gegen den Strand, ich danke. Die Gischt klatscht gegen unser Haus, ich danke.

Herr, ich freue mich an der Schöpfung und dass du dahinter bist und daneben und davor und darüber und in uns.“ Für ihn, den afrikanischen Christen, sind der neue Tag, die Sonne, der Tau, das Gras, das Wasser, – ist die ganze Schöpfung ein Grund zum Jubeln und zum Danken.

Ich denke an meine erste Kaplansstelle. Wenn ich morgens zur Schule ging, - manchmal müde und auch ein bisschen angespannt -, traf ich öfter ein Mädchen, das in der Nachbarschaft wohnte. Sie hatte einen großen Mantel an und einen schweren Ranzen auf dem Rücken. Und wenn ich sie so laufen sah, musste ich immer lächeln. Man sah ihr den Eifer an, mit dem sie auf dem Weg zur Schule war. Ihr Anblick hat mich froh gestimmt. Auch sie schien sich an der Schöpfung irgendwie zu freuen.

Auf einer Reise nach Brasilien habe ich Fotografien von Kindern mitgebracht. Zwei hingen eine ganze Zeit in meinem Zimmer. Das eine zeigt einen Jungen, der einen zerrissenen Pullover anhat. Mit großen Löchern. Aber sein Gesicht strahlt vor Freude. Auf dem anderen Bild ist ein Mädchen zu sehen, in ärmlichen Kleidern aber auch mit einem wunderbaren Lächeln. Diese Fotos erinnern mich nicht nur an meine Reise, sondern auch daran, dass Menschen, denen es viel schlechter geht als mir, eine große Lebensfreude ausstrahlen.

Es tut gut, solche Bilder auf sich wirken zu lassen. Denn in den Nachrichten sehen wir oft viel schrecklichere. Sie bedrücken mich. Bei dieser Not und meiner Hilflosigkeit vergeht mir oft die Freude. Da braucht es dann auch die anderen Bilder. Auch sie geben die Wirklichkeit wieder. Beides ist Realität.

Es ist wichtig, auch und gerade die schönen Erfahrungen mit Gott in Verbindung zu bringen. Sie sagen etwas aus über die Zukunft. Das, was endgültig bleibt, ist das Schöne. Darin leuchtet etwas auf von einer neuen Welt, zu der wir unterwegs sind. Das Dunkle und Schwere, das Leid und der Tod werden einmal endgültig überwunden. Das sagt ein Text aus der Offenbarung des Johannes. „ Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.“ (21, 3-5)

In der erwachenden Natur haben wir ein Zeichen für das, was Gott einmal schenken will: nämlich neues Leben. Die Schöpfung liegt noch in Geburtswehen, schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief (vgl. Rö 8, 18 ff.). Sie ist noch nicht so, wie Gott sie gedacht hat. Sie soll verwandelt werden. In dem Guten und Schönen leuchtet das auf, was bleibt. Das Schreckliche wird einmal der Vergangenheit angehören.

Es ist nicht von ungefähr, dass die zentrale Gottesdienstfeier Eucharistie, das heißt Danksagung genannt wird. Dank für die Schöpfung, Dank für die Gaben von Brot und Wein, die verwandelt werden. Und Dank für die Erlösung. Das Schöne und Gute ist keine Täuschung, sondern eine Verheißung.

Das Gebet des westafrikanischen Christen endet mit Begeisterung und tiefem Dank an Gott: „Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel. Ein neuer Tag, der glitzert und knistert, knallt und jubiliert von deiner Liebe. Jeden Tag machst du. Halleluja, Herr! Amen.“


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Dieser Beitrag wurde am 02.05.2015 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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