Morgenandacht, 30.04.2015

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Der Zauberschlüssel der Philosophen

Peter Wust, in seiner Zeit ein sehr angesehener Philosoph, der an der Universität in Münster lehrte, und mit 56 Jahren an Krebs gestorben ist, sagte in seiner Abschiedsvorlesung: „Und wenn Sie mich nun fragen sollten, bevor ich jetzt gehe und endgültig gehe, ob ich nicht einen Zauberschlüssel kenne, der einem das letzte Tor zur Weisheit des Lebens erschließen könne, dann würde ich Ihnen antworten: ‚Jawohl‘. – Und zwar ist dieser Zauberschlüssel nicht die Reflexion, wie Sie es von einem Philosophen vielleicht erwarten möchten, sondern das Gebet. Das Gebet, als letzte Hingabe gefasst, macht still, macht kindlich, macht objektiv. Ein Mensch wächst für mich in dem Maße immer tiefer hinein in den Raum der Humanität – nicht des Humanismus -, wie er zu beten imstande ist, wo fern nur das rechte Beten gemeint ist… Die großen Dinge des Daseins werden nur den betenden Geistern geschenkt. Beten lernen aber kann man am besten im Leiden …“ (Peter Wust, Philosophisches Lesebuch, Münster 1984, 202) Peter Wust versteht also das rechte Gebet als Hingabe und sagt von seiner Wirkung: Es macht still, kindlich und objektiv. Er sagt nicht, wie man richtig betet. Ich habe dann bei Jesus von Nazareth, dem großen Lehrer des Gebetes nachgefragt, was er dazu sagt. Als die Apostel ihn baten: Herr lehre uns beten, hat er ihnen und damit auch uns jenes Gebet mitgegeben, das uns Christen das liebste ist und das der Evangelist Lukas so überlieferte: „Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung.“ (11, 2-4)

Eine längere vertraute Fassung des Vater Unser findet sich beim Evangelisten Matthäus.

Es kommt mir jedoch nicht auf die Länge an, sondern auf die Struktur und den Inhalt. Ich denke da zunächst an die Anrede Gottes als Vater. Jesus hat Gott als Abba, Vater angesprochen. Dieses aramäische Wort findet sich dreimal im griechischen Text des Neuen Testaments. Es gibt meines Wissens keinen Gebetstext aus der Zeit Jesu, in dem Gott als Abba angesprochen wurde. Denn das ist die Anrede des kleinen Kindes an den Vater, vergleichbar unserem Wort Papa. Abba bringt eine besondere Nähe und Vertrautheit mit Gott zum Ausdruck, die dem Menschen eigentlich nicht zusteht. Jesus darf Gott so nennen, weil er in einer einzigartigen Beziehung zu ihm steht. Und Jesus erlaubt sozusagen seinen Jüngern, dass auch sie Gott so vertraut ansprechen dürfen, weil sie zu ihm gehören.

Nach der Anrede folgen im Vater Unser zunächst zwei Bitten, die Gott betreffen. Zunächst die Aufforderung, er soll seinen Namen heiligen, das heißt, er soll sich als der heilige Gott erweisen. Was ist damit gemeint? Das sagt Gott durch den Propheten Ezechiel: „Meinen großen, bei den Völkern entweihten Namen, … werde ich wieder heiligen… Ich hole euch heraus aus den Völkern, ich sammle euch aus allen Ländern und bringe euch in euer Land. Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein… Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“, soweit der Prophet. (Ez 36, 23-26) Gott heiligt seinen Namen, indem er sich als Gott zeigt, das heißt sein Volk sammelt und es innerlich umwandelt.

Jesus fordert uns dann auf, dafür zu beten, dass das Reich Gottes kommt, dass Gott sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufrichtet.

Danach folgen die Bitten, die unser Leben betreffen: die Bitte um das tägliche Brot. Sie bezieht sich auf die Gegenwart. Die Bitte um Vergebung der Schuld. Sie betrifft die Vergangenheit. Und die Bitte um Bewahrung vor der Versuchung bezieht sich auf die Zukunft. Alle Dimensionen des Lebens sind eingefangen. Dabei ist es wichtig, dass der, der betet, nicht nur an sich denkt. Wer das Vater Unser spricht, betet nicht nur für sich, für sein tägliches Brot oder die Vergebung seiner Schuld, sondern er betet auch mit anderen und für andere.

Ein solches Gebet macht still, kindlich und wahrhaft objektiv.


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Dieser Beitrag wurde am 30.04.2015 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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