Morgenandacht, 29.04.2015

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Brief eines Zweiflers

„Not lehrt beten“, so sagen die Menschen. Das stimmt nicht immer. Aber oft stimmt es tatsächlich. Wenn alles gut läuft, vergisst der Mensch leicht, an Gott zu denken. Wenn eine Beziehung zerbricht,  ein naher Mensch stirbt oder der Arzt die Diagnose Krebs mitteilt, dann suchen Menschen nach Gott, dann beten sie öfter und intensiver. Das gilt auch, wenn einem nahe stehenden Menschen ein solches Unglück widerfährt. Da bestürmt man Gott im Gebet. Und wenn es ganz schlimm kommt, kann es einem auch verloren gehen.

Das Gebet ist oft ein Hilfeschrei. Und das darf auch sein. In vielen Psalmen des Alten Testamentes suchen und rufen die Menschen leidenschaftlich nach Gott. So im Psalm 69. „Hilf mir, oh Gott! Schon reicht mir das Wasser bis an die Kehle. Ich bin im tiefen Schlamm versunken und habe keinen Halt mehr; ich geriet in tiefes Wasser, die Strömung reißt mich fort. Ich bin müde vom Rufen, meine Kehle ist heiser, mir versagen die Augen, während ich warte auf meinen Gott. Zahlreicher als die Haare auf meinem Kopf sind die, die mich grundlos hassen. Zahlreich sind meine Verderber, meine verlogenen Feinde. Was ich nicht geraubt, soll ich erstatten.“ (2 – 5)

Und ich denke auch an das Wort Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27, 46) In der Not schreien die Menschen nach Gott. Gott, wo bist du? Hörst du mich? Warum hilfst du nicht?

Vor kurzem erhielt ich einen Brief, in dem ein Mensch mir sehr eindrucksvoll schrieb, wie er nach einer niederschmetternden ärztlichen Diagnose intensiv mit Gott gerungen hat. Er schwankte zwischen Phasen, in denen er inneren Frieden hatte und eine innere Kraft spürte, und Phasen, in denen er sich fragte, ob Gott nicht doch nur ein Wunschtraum des Menschen ist? Er schreibt: „Ich suche seit Jahren einen Gott, der für mich da ist, tröstend und verständnisvoll. Manchmal finde ich ihn sogar, oft aber bin ich ihm fern.

Ich bin inzwischen sicher, vielleicht sollte ich eher sagen – ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass er, Gott, eine Konstante ist, und ich derjenige bin, der sich ihm mal nähert, und dann auch wieder fern von ihm ist – die Tür zu ihm steht immer offen – aber durch gehen müssen wir selbst.“

In dem Brief heißt es weiter: „Vor inzwischen vier Jahren habe ich die Diagnose Multiples Myelom bekommen … Die Diagnose hat mir zunächst den Boden unter den Füßen weggezogen. Und immer gab es danach Momente, in denen ich mich Gott sehr nahe gefühlt habe. Ja regelrechte Gotteserfahrungen hatte. Dann aber auch wieder Momente, in denen er mir ferner denn je war, und ich sogar sicher war, dass es einen Gott nicht gibt. Ich bin ein Zweifler bei nahezu allem was ich tue. Hinterfrage immer wieder alles und es fällt mir schwer, einfach mal zu vertrauen, obwohl ich das gern würde.

Mein Verstand sagt mir, dass es gut für jeden Menschen, also natürlich auch für mich ist, einfach zu vertrauen und sich in die Hand Gottes zu begeben, und genau durch diesen Gedanken scheitere ich dann selbst wieder. Ich sage mir dann: ‚Natürlich bauen wir Menschen uns einen Gott zusammen, da wir ohne diesen Trost gar nicht in der Lage sind, den Tod, egal ob den eigenen oder eines geliebten Mitmenschen, zu ertragen…‘

Ich würde wirklich gerne glauben, aber ich schaffe es nicht, das Vertrauen zu entwickeln. Es fällt mir so schwer. Ich kann nicht aus Gründen der Vernunft mich fallen lassen und sagen, ab jetzt glaube ich einfach. Obwohl es doch so schön wäre und ich diese Menschen regelrecht beneide.

So bin ich immer hin und her gerissen, wenn mich Gott am Ende oder auch ein Mensch heute fragt: „Glaubst du an Gott?“ Ich kann die Frage nicht ehrlich beantworten. Aber vielleicht, wenn es ihn gibt, sollte ich es einfach Gott selbst entscheiden lassen. Wenn es ihn denn gibt, dann sollte er mich besser kennen, als ich mich selbst.“ Soweit der Brief.

Ein Gedanke, den der Schreiber vor vielen Jahren einmal gehört hatte, kam ihm in den Stunden des Zweifelns immer wieder in den Sinn. Jemand hat gesagt: Wir hätten keinen Durst, wenn es nicht wirklich Wasser gäbe. Mit anderen Worten: Dass wir unersättlich sind in unserem Streben nach Glück, ist ein Zeichen, dass es etwas gibt, was größer ist als alles, was wir hier auf Erden erreichen. Ähnliches ist uns auch von dem großen Theologen Augustinus überliefert: „Unruhig ist unser Herz, o Gott, bis es ruht in dir.“


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Dieser Beitrag wurde am 29.04.2015 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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