Morgenandacht, 28.04.2015

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Von Gott gewollt - von Gott gerufen

Welchen Beruf willst du denn ergreifen? Werden junge Menschen gefragt, wenn sie vor dem Schulabschluss stehen. Manche wissen es noch nicht, andere nennen einige Berufe, an denen sie Interesse haben und die sie sich gut für sich vorstellen können. Interesse ist wichtig, aber auch Begabung – beides hängt meistens zusammen. Und dann sind natürlich auch die Chancen zu bedenken, die sich auf dem Arbeitsmarkt bieten. In welchem Beruf werden junge Menschen gesucht? Wo werden sie gebraucht? Interesse und Begabung also auf der einen Seite und Angebote auf der anderen Seite. Hinzukommt dann noch die persönliche Entscheidung für eine Ausbildung.

In dem Wort Beruf steckt das Wort rufen bzw. berufen. Von manchen Berufen sagt man: Die kann nur ausüben, wer dafür eine Berufung hat.

Man sagt das vor allem von solchen Berufen, die den ganzen Menschen fordern, also soziale, pädagogische und therapeutische, aber auch die von Künstlern, Wissenschaftlern und Forschern.

Der Kirche ist diese Sicht auch vertraut. Man spricht vom Priesterberuf oder vom Ordensberuf, von der Berufung zu einem Dienst als Pastoralreferentin oder als Gemeindereferent.

Ich war viele Jahre in der Priesterausbildung tätig. Da habe ich in den Gesprächen mit jenen, die Priester werden wollten, immer auch die Frage gestellt: Sind Sie überzeugt, dass Gott Sie auf diesen Weg gerufen hat? Diese Frage ist natürlich nicht so einfach zu beantworten. Wie soll ein Mensch das erkennen? Vielleicht täuscht er sich ja und hält seinen eigenen Wunsch für den Ruf Gottes. Ich wollte die jungen Männer vor allem daran erinnern, dass es nicht genügt, wenn sie sagen: Ich möchte aber gerne Priester werden. Sie müssen sich viel mehr fragen, ob es im Sinn Gottes ist, wenn sie diesen Beruf wählen. 

Ich selbst hatte kein außergewöhnliches Berufungserlebnis. Aber ich war interessiert  an theologischen Fragen, suchte im Religionsunterricht die Auseinandersetzung mit dem Lehrer, war in der kirchlichen Jugend engagiert und diskutierte mit Gleichaltrigen gern über Fragen des Glaubens. Die Tätigkeit eines Pfarrers im Ganzen war mir wichtig. Auch das Gebet. Dazu kam, dass viele Bekannte mich auf diesem Weg bestätigten und meinten: Der Beruf passt zu dir.

So habe ich mich zur Verfügung gestellt und teilte dem Bischof dann meine innere Motivation mit. Und dieser hat mich zur Weihe zugelassen. Ich sah darin gleichsam eine Bestätigung durch Gott.

Und jetzt lebe ich schon einige Jahre in der Überzeugung, dass Gott mich auf diesen Weg gerufen hat.

Mein Interesse, der innere Friede bei dem Gedanken, mich für diesen Beruf zu entscheiden, die Bestätigung von anderen und die Annahme durch den Bischof – das waren für mich Zeichen dafür, dass Gott mir diesen Weg zugedacht hat.

Der Gedanke der Berufung spricht noch eine tiefere Dimension an. Er betrifft mein Leben grundsätzlich. Ich glaube, dass ich von Gott auch ins Leben gerufen bin. Ich bin nicht Produkt des Zufalls, obwohl man das rein biologisch betrachtet so sagen kann. Ich verdanke mein Leben nicht nur den Eltern, sondern ich verstehe mich als von Gott ins Leben gerufen. Und das ist für mich ein ganz entscheidender Gedanke. Das heißt nämlich: Ich bin gewollt. Ich bin erwünscht. Gott will, dass ich lebe – ich, in meiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit, mit meinen Begabungen aber auch mit meinen Grenzen und Schwächen. Über meinem Leben steht das Wort „Ja“. Ja, du sollst leben.

„Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir.“ (Jes 43, 1) Dieses Wort sagt Gott durch den Propheten Jesaja. Das ist ein Wort, an das ich mich gerne erinnere. Das ist eine gute Basis für das Leben. Und dazu kommt die Hoffnung, dass das Ja Gottes nicht nur bis zum Tod reicht, sondern stärker ist als der Tod. Ich habe vor knapp 70 Jahren zu leben begonnen, und hoffe, dass ich einmal ewig leben darf in der Gemeinschaft mit Gott. Das ist ein Horizont, der Freiheit und Hoffnung schenkt.


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Dieser Beitrag wurde am 28.04.2015 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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