Morgenandacht, 27.04.2015

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Der Mensch - Hüter seines Bruders

„Bin ich denn der Hüter meines Bruders?!“ – So antwortet Kain auf die Frage Gottes: „Wo ist denn dein Bruder Abel?“ Kain und Abel sind die Söhne des ersten Menschenpaares Adam und Eva.

Die alttestamentliche Erzählung von Kain und Abel handelt von einem Konflikt zwischen den beiden Brüdern. Der eine, Abel, ist angesehen bei Gott, der andere, Kain, fühlt sich gering geschätzt. Deshalb beschließt er, seinen Bruder, den Rivalen, zu töten und führt die Tat auch aus. Dann fordert Gott Rechenschaft von ihm und fragt: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Und Kain antwortet: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?!“ Das heißt: Was geht mich mein Bruder an? Warum forderst Du, Gott, von mir Rechenschaft?

Natürlich ist diese Frage Gottes sehr wohl begründet, denn Kain hat seinen Bruder erschlagen. Ein schrecklicher Frevel. Aber wie ist es, wenn ich mit dem Tod eines Mitmenschen oder mit seinem Unglück konfrontiert werde, an dem ich keine unmittelbare Schuld habe? Über die Medien erfahren wir jede Woche von Katastrophen und von dem Leid, das deshalb über die Menschen hereinbricht. Bin ich dadurch auch herausgefordert?

Ich denke auch an die Not von Menschen in der näheren Umgebung: Wie weit reicht da meine Verantwortung? Kann ich sie mit der Antwort Kains: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?!“ einfach so abtun? Kann ich sagen: Ich bin nicht schuld, also geht es mich nichts an?

In dem Evangelium, das gestern im Sonntagsgottesdienst vorgelesen wurde, sagt Jesus: Ich bin der gute Hirt. Mir liegt etwas, nein, mir liegt viel an den Schafen. Dem Tagelöhner liegt nichts an ihnen. Deshalb läuft er weg, wenn es gefährlich wird, wenn der Wolf kommt. Der Hirt aber bleibt. Jesus sagt weiter: Es gibt auch noch andere Schafe, die noch nicht zu meiner Herde gehören, die mir aber auch am Herzen liegen.

Das Bild des Hirten ist uns nicht so vertraut, wie den Menschen zurzeit Jesu. Wir verbinden es leicht mit idyllischen Vorstellungen. Manche Bilder von Hirten erwecken ja auch einen solchen Eindruck. Aber in Wirklichkeit war und ist der Beruf des Hirten anstrengend und gefährlich.

Im Volk Israel hat man auch den König als Hirten des Volkes verstanden. Er soll sich wie ein guter Hirt um sein Volk kümmern. Er soll Anwalt für die Schwachen und Armen sein. Er soll unparteiisch entscheiden. Er soll sich nicht auf die Seite der Mächtigen schlagen, sondern für die Bedrängten eintreten. Er soll gerecht sein, und er soll für Gerechtigkeit im Land sorgen.

In seiner ersten Enzyklika hat Papst Benedikt XVI. geschrieben: „Das Programm des Christen ist das sehende Herz.“ Die Not sehen, den Ruf nach Hilfe hören und dann tun, was möglich ist. Das sehende Herz, das hörende Herz und die helfenden Hände, darauf kommt es an.

Die Startbedingungen ins Leben sind unterschiedlich. Viele haben das Glück, zu erfahren, erwünscht und willkommen zu sein. Andere leiden unter dem Gefühl, eigentlich nicht gewollt zu sein. Der Druck, sich durch Leistung oder Wohlverhalten Anerkennung oder Liebe verdienen zu müssen, ist eine schwere Last. Hoffentlich treffen solche Menschen auf jemanden, der sie erfahren lässt, wie liebenswert sie sind, jenseits von aller Leistung.

Bin ich denn der Hüter meines Bruders? Es gibt Zeiten im Leben, da brauchen wir Menschen, die gute Hirten sind. Besonders am Anfang und am Ende unseres Lebens. Da vor allem sind wir auf andere angewiesen.

Und es gibt Zeiten, da können wir in vielfältiger Weise selber gute Hirten sein, wenn wir die Not anderer sehen und helfen, wenn wir die Verantwortung für einander wahrnehmen. All jene, die nicht so durchsetzungsfähig sind, brauchen einen Anwalt, der mit ihnen für ihre Rechte eintritt. Wer schwere Lasten zu tragen hat, braucht Menschen, die mit anpacken, nicht wegschauen und bereit sind zu helfen. Wer eine solche Aufgabe erkennt, braucht: offene Augen, offene Ohren und ein offenes Herz.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 27.04.2015 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche