Wort zum Tage, 24.11.2022

Claudia Zinggl, Triefenstein

Anfänger

Wie die Stunden am Morgen verlaufen, das hat Einfluss auf den ganzen Tag. Es ist wichtig, diese Zeitspanne gewissermaßen mit einem positiven Vorzeichen zu versehen, damit sich das gesamte Tagesgeschehen angenehm gestaltet.

Daher gibt es für einen perfekten Start in den Tag Tipps und Ratschläge in Hülle und Fülle: den Wecker beachten, Hektik vermeiden, die Arbeitstasche schon am Vorabend packen, ein gesundes Frühstück.

Einen ganz anders gearteten Rat für den Beginn eines Tages hat der Theologe und Philosoph Meister Eckart parat. Er sagt:

„Sei bereit, jeden Morgen ein Anfänger zu sein.“

Bei dem Stichwort „Anfänger“ zucken viele erst einmal zusammen. Anfänger werden eher abgetan; sie haben keinerlei Erfahrung und sie machen die typischen Anfängerfehler, beispielsweise zu schnell zu sein oder sich selbst zu überschätzen. Oder sie haben Angst, sich zu blamieren und halten sich zu sehr zurück.

Ein Neuanfang kostet meistens einige Überwindung, weil Gewohntes zurückbleibt. Es gibt noch keine verlässlichen Sicherheiten. Aber das ist gerade auch die Chance: Für Anfänger bestehen noch keine festgefügten Abläufe, kein Trott.

Etwas anzufangen – das eröffnet Möglichkeiten. Es ist viel Neugier und Motivation im Spiel. „Informatik für Einsteiger“ oder „Nähen für Anfänger“ – die Angebote, sich in einem bisher unbekannten Bereich Kenntnisse zu erarbeiten, sind äußerst vielfältig.

Angenommen es gäbe einen Kurs „Tagesgestaltung für Anfänger“ - was wäre da zu lernen? Beim Aufwachen und Aufstehen den beginnenden Tag als etwas Kostbares und Einzigartiges sehen und ihn bewusst erleben wollen – das sehe ich als einen ersten Lernschritt.

Anschließend ist genauer hinzuschauen und zu überlegen: Was ist wichtig an diesem Tag? Welche Besonderheiten bringt er mit sich? Im Lernprogramm „Tagesverlauf“ ist außerdem die Grundhaltung zu trainieren: mit Optimismus herangehen und erwartungsvoll bleiben.

Im Lauf der 24 Stunden bleibt auf diese Weise viel Raum für schöne Überraschungen. Allmählich bilden sich Kenntnisse und Fertigkeiten, wie dieser Tag zu konzipieren und zu entwickeln ist, um das Tagesziel zu erreichen.

Wer bereit ist, am Morgen Anfänger zu sein, wird am Abend als kundiger Experte Tagesrückblick halten und bemerken, wie die einzelnen Fortschritte das Wohlbefinden gesteigert haben.

Bei vielen Menschen prägt zusätzlich der christliche Glaube, wie ein Tag begonnen und beendet, wie er gelebt wird. Daher wenden sie sich im Lauf eines Tages immer auch an Gott – vielleicht mit den Worten von Eduard Mörike:

„Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt.“


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Dieser Beitrag wurde am 24.11.2022 gesendet.


Über die Autorin Claudia Zinggl

Kontakt: Würzburgerstr. 3, 97855 Triefenstein

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