Wort zum Tage, 21.11.2022

Claudia Zinggl, Triefenstein

Friedhof

Im November haben Friedhöfe eine besondere Anziehungskraft. Gerade in diesem Monat besuchen viele Menschen die letzte Ruhestätte ihrer Angehörigen oder Freunde und zünden dort ein Licht an. Viele Gräber sind jetzt besonders gestaltet. Die Feiern an Allerheiligen oder am Volkstrauertag finden meistens an diesem Gedenkort statt.

Friedhofsbesuche können aber auch ganz anders verlaufen. Robert Seethaler erzählt davon in seinem Buch „Das Feld“. Im fiktiven Ort Paulstadt kommt ein Mann fast jeden Tag auf „das Feld“, wie der Friedhof dort genannt wird.

Er setzt sich auf eine morsche Bank und taucht ein in die eigenartige Atmosphäre dieser Erinnerungsstätte. Er verbringt viel Zeit bei den Toten und denkt über sie nach. Er stellt sich vor, dass alle, die hier begraben sind, noch einmal von sich hören lassen und von ihrem vergangenen Leben erzählen.

Oder wollen die Toten vielleicht eher davon sprechen, wie es sich auf der anderen Seite des Lebens anfühlt? Der namenlose Mann in diesem Roman lässt sie zu Wort kommen mit ihren Geschichten: Der Bürgermeister hat durch Betrügereien der Stadt Gutes tun wollen. Eine Frau denkt an die Besuche bei ihrem Großvater, wie sie mit ihm Schach gespielt hat.

Zimmermädchen, Gemüsehändler, Lehrer und Ladenbesitzerin – sie alle schildern Episoden aus ihrem Leben. Beim Lesen hört man den Toten gewissermaßen zu und entdeckt: Die vermeintlich unbedeutenden Ereignisse besitzen einen eigenen Sinn. Zwischen einzelnen Personen bestehen überraschende Verbindungen. Und wenn all diese biographischen Notizen zusammengefügt werden, entsteht ein Porträt der kleinen Stadt.

Seit ich den Roman gelesen habe, hat sich meine Sichtweise auf Friedhöfe verändert, besser gesagt: erweitert. Das gilt für die kunsthistorisch bedeutsamen Friedhöfe der großen Städte genauso wie für den Friedhof in meinem Dorf. Wenn ich zwischen den einzelnen Grabstätten hin und her gehe, überlege ich, was ich hier wohl hören könnte.

Und ein weiterer Gedanke liegt nahe: Was werde ich selbst im Rückblick auf mein Leben zu sagen haben? Was wird von mir wichtig sein, dass die Menschen davon erfahren sollen?

Insgesamt 29 Geschichten reiht Robert Seethaler aneinander. An ihnen finde ich noch etwas bemerkenswert: Die Toten von Paulstadt beantworten die Frage nach ihrem Leben mit großer Gelassenheit.

Offenbar gibt es trotz vieler Sorgen und Scherereien zu Lebzeiten danach – im Tod – keinen Grund mehr, sich aufzuregen. Das, was einst verschieden war, kann nun seelenruhig nebeneinander bestehen – so heißt dieser Ort zu Recht: „Fried-hof“.


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Dieser Beitrag wurde am 21.11.2022 gesendet.


Über die Autorin Claudia Zinggl

Kontakt: Würzburgerstr. 3, 97855 Triefenstein

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