Wort zum Tage, 22.11.2022

Claudia Zinggl, Triefenstein

Cecilia

Ende der 1960er Jahre in einem Haus in den Hollywood Hills: Bei einer Late-Night-Party feiern die Gäste ausgelassen. Unter ihnen sind auch Paul Simon und Art Garfunkel. Alle sind in Hochstimmung.

Spontan wird auf dem Klavier ein Rhythmus geklopft, einer spielt Gitarrenriffs. Wie bei einer Jam-Session wird wild drauf los improvisiert. Paul Simons Bruder packt sein Tonbandgerät aus: Das muss aufgenommen und festgehalten werden. Trotzdem ist am Tag danach erst mal alles vergessen.

Einige Tage später hört sich Paul Simon rein zufällig diese Aufnahme noch einmal an und er ist völlig geflasht: So ein starker Song. Der muss ausgebaut werden mit entsprechenden Soundeffekten, mit weiteren Klangelementen und zusätzlichen Kompositionen.

Und er hat eine Idee für einen Text. Es geht um Blockaden beim Schreiben eines Songs und den Frust, den er oft dabei spürt. So entsteht damals mit viel Euphorie der neue Song von Simon & Garfunkel: „Cecilia“. Im April 1970 wird er veröffentlicht. „Cecilia“ wird ein Riesenhit.

Der Song-Titel weist darauf hin: Paul Simon widmet diesen Song der heiligen Cäcilia. Mit ihr hat er sich immer wieder intensiv beschäftigt. Und damit steht er in einer langen Tradition.

Unzählige Musiker vor ihm haben das schon getan: Denn die heilige Cäcilia ist die Patronin der Sänger und Musiker. Seit dem 17. Jahrhundert feierten z.B. englische Musiker jedes Jahr am 22. November die heilige Cäcilia als Schutzherrin der Musik.

Berühmte Komponisten – Henry Purcell beispielsweise oder Joseph Haydn haben ihr eigene Werke gewidmet, um sie zu ehren, aber auch um die besondere Wirkung der Musik auf Körper, Geist und Seele hervorzuheben.

Töne, Klänge und Melodien können beflügeln, sie können glücklich stimmen und beruhigen – und sogar Schmerzen lindern. Darüber hinaus kann in der Musik eine Verbindung in heilige Sphären entstehen.

Ob der Song „Cecilia“ all dem gerecht wird, sei dahingestellt. Als eine moderne Version des althergebrachten Cäcilien-Lobs kann er durchaus gesehen werden. 

Und das alles, obwohl von der heiligen Cäcilia überhaupt keine musikalischen Fähigkeiten überliefert sind. Dass sie zur Schirmherrin der Musik wurde, hängt an einem Übersetzungsfehler: Es wird berichtet, sie habe bei ihrer Hochzeit ein Orgelspiel gehört.

Das ist für das 4. Jahrhundert, in dem sie lebte, wenig wahrscheinlich, aber eine schöne Legende ist es allemal – mit einer ganz außerordentlichen Wirkung.


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Dieser Beitrag wurde am 22.11.2022 gesendet.


Über die Autorin Claudia Zinggl

Kontakt: Würzburgerstr. 3, 97855 Triefenstein

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