Am Sonntagmorgen, 20.11.2022

Johannes Schröer, Köln

Letzte Wahrheiten. Von der Spiritualität des Alters

Das einzige, das im Leben sicher ist, ist der Tod. Trotzdem scheint das Thema Sterben und Tod oft erst im Alter präsent zu werden. Niemand spricht gerne über den Tod. Was helfen kann: der Glaube.

© Marion Sendker

Sind alte Menschen religiöser oder spiritueller als junge? Früher sagte man das so: Im Alter kommt der Psalter – das heißt, wenn man alt wird, dann singt und betet man fromme Psalmen, also Gebete, dann wird man gläubiger.

Meine Tante Lucie ist 96 Jahre alt, sie ist katholisch aufgewachsen – und ihre Frömmigkeit, so sagt sie selbst, hat sich im Alter durchaus geändert:

„Für mich wird es ein bisschen schwerer, mit meinem kindlichen Glauben weiter zu leben. Denn mir kommen viel Zweifel angesichts dieser Welt und den Ereignissen in dieser Welt. Und dann frage ich mich, wie ist das möglich, dass es dann einen Gott gibt“.

Mit dem Alter steigt das Bewusstsein fürs Leben

„Unser Leben währt siebzig Jahre / und wenn es hochkommt, sind es achtzig“,

heißt es in Psalm 90 im Alten Testament der Bibel.

„Schnell geht das Leben vorbei / wir fliegen dahin. Unsere Tage zu zählen, lehre uns.“

Der Psalm 90 handelt von der Vergänglichkeit des Menschen und von der Kostbarkeit des Lebens im Angesicht des Todes. Da steht auch:

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir ein weises Herz gewinnen.“

Im Alter wird dem Menschen die Vergänglichkeit anders bewusst als in jungen Jahren. Der Theologe Karl Rahner schreibt in seinem Buch zur Theologie des Todes, dass sich die Seele des Menschen nach christlichem Verständnis nach dem Tod verwandelt und weiterexistiert.

„Ich warte ab!“,

schreibt Rahner.

„Wenn ich Angst vor dem Tod habe, werde ich mich mit meiner Angst in Gottes Gnade begeben.“

Dann – im hohen Alter wird Rahner in seinen Glaubenszeugnissen immer zurückhaltender und bescheidener. Er spricht von einem Urgeheimnis, das wir Gott nennen – und vor dem wir ins Stammeln geraten. Dogmatische Systemgebäude bereiten ihm Unbehagen.

Steigt mt dem Alter der Glaube?

Dass unser Verstand vor der Herausforderung des Todes in die Knie geht, höre ich in vielen Gesprächen, die ich mit älteren Menschen führe. Ob der Glaube an Gott und an ein Jenseits trotzdem trösten können und inwiefern christliche Rituale dabei helfen, der Herausforderung des Todes zu begegnen, will ich herausfinden.

Ich treffe Dr. Peter Bromkamp. Er ist Gerontologe, beschäftigt sich also mit den Prozessen des Älter-Werdens und er ist Beauftragter für Altenheimseelsorge im Erzbistum Köln:

„Also Menschen werden nicht einfach religiöser, gläubiger oder frommer, nur weil sie alt werden. Die Fragen des Lebens: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?, Gibt es eine Zukunft für mich, gibt es ein Leben nach dem Tod?, sind lebenslang. Was sich ändert im Alter ist die Betonung und die Bedeutung dieser Fragen, weil ich meinem vermeintlichen Lebensende immer näherkomme und damit manchen Fragen vielleicht auch nicht mehr ausweichen kann, die ich in früheren Lebensphasen vielleicht verschoben oder weggeschoben habe.“

Auch wenn die Menschen in Westeuropa immer weniger kirchlich und auch immer weniger religiös werden, bedeute das nicht, dass ihre Sehnsucht nach Spiritualität und Gott verschwunden sei, sagt Bromkamp. Er könne sich keinen Menschen vorstellen, der nicht spirituell sei. Ich muss an den berühmten Satz des Kirchenvaters Augustinus denken:

„Homo Desiderium Die“ – Das heißt: Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott. Bromkamp nennt ältere Menschen auch „Grenzgänger der Transzendenz“, weil sie sich nach christlichem Verständnis auf der Schwelle von diesem Leben in das neue Leben, in das ewige Leben, befinden.

Und dann erzählt er vom grenzenlosen Gottvertrauen seiner Oma. Die konnte nichts erschüttern sagt er. Ob er das Gottesbild seiner Oma genauer beschreiben könne, frage ich ihn.

„Das ist das Bild, wo Gott mit einem Mann oder mit einem Menschen am Strand entlangläuft und sie über das Leben dieses Menschen sprechen miteinander. Und dieser Mensch sagt: Wenn ich auf mein Leben zurückgucke, auf den Weg, den wir jetzt zurückgelegt haben, sehe ich an manchen Stellen vier Fußspuren, also zwei Paar Fußspuren. Da warst du Gott, immer dabei. Und an manchen Stellen sehe ich nur ein paar Fußspuren. Wo warst du da – Gott?

Und die Lösung ist nicht: Da hat Gott mich im Stich gelassen, da hat Gott mich alleine gehen lassen, sondern in diesen Phasen hat Gott mich getragen und deswegen sind meine Fußspuren da nicht zu sehen.“

Sich von Gott getragen fühlen – besonders im Alter. Ich spüre bei vielen älteren Menschen dieses Gottvertrauen, das bei allen Zweifeln und auch bei aller Kritik auch an der Kirche lebendig bleibt.

Auf der Suche nach Gott

Dass ältere Menschen intensiver über ihren Glauben nachdenken, erfahre ich auch von Ingrid Rasch. Sie ist 77 Jahre alt und engagierte Katholikin.

In ihrer Kirchengemeinde Sankt Severin in Köln organisiert sie Glaubensgespräche für Menschen ab 60. Dass Menschen im Alter frömmer werden, kann sie so nicht unterstreichen:

„In meinem Umfeld erlebe ich eher Menschen, die mit steigendem Alter eher zweifelnder, vorsichtiger, skeptischer werden, viel nachfragen und gucken: ‚Also ist das, was meinen Kinderglauben ausmacht, der natürlich schon weit weg ist, aber auch die Zeit dazwischen – ist das noch trägfähig?‘ Es gibt auch Lebenssituationen, wo es ganz wichtig für mich ist, auch in vertraute Gebete mich hineinzubegeben. Sie müssen eine Form haben, die mir entspricht.

Also es kann nicht sein: ‚Lieber Heiland sei so gut, lass doch dein teures Blut in das Fegefeuer fließen.‘ Also das bitte nicht, das ich noch aus meinen Kindertagen kenne. Es muss schon eine Form sein, die mir entspricht. Aber dann kann ich mich auch in diese Formen hineinbegeben.“

Zu den Glaubensgesprächen für Menschen ab 60 kommt auch Rosemarie Amberge. Sie ist 86 Jahre alt. Sie erzählt von ihrer katholischen Kindheit, wie sie im Krieg mit anderen im Luftschutzbunker gesessen habe und das Rosenkranz-Gebet ihrer Mutter in der Situation alle getröstet habe.

Ihre katholische Sozialisation habe ihr ein Urvertrauen in Gott vermittelt, über den sie sich viele Gedanken macht: Wer das ist? Wie er aussieht? Wie er zu ihr spricht:

„Er ist überall um mich herum. Ich denke, er ist auch hier. Überall. Ich kann ihn jederzeit ansprechen, wenn ich will. Ich glaube es ist schön, was uns erwartet – wir können uns das nicht vorstellen. Ich sage immer, wenn ich Gott verstehen würde, wäre er nicht Gott“.

Rasch:

„Also für mich ist die Vorstellung, dass der Mensch einfach ein Du braucht, das er ansprechen kann. Und dann macht er Gott und Gottes Kraft oder das Göttliche, wenn ich das jetzt mal nicht personal ausdrücke, zu einer Person, um ein Gegenüber auch zu haben, damit ich auch in Austausch treten kann.“

Die Kunst zu sterben

Ingrid Rasch sucht nach Bildern für Gott. Mit ihr und den anderen älteren Frauen – es sind fast nur Frauen – über Gott zu sprechen, ist erhellend. Ja – sagen die meisten, der Glaube im Alter ändere sich – er werde bewusster und klarer.

In der christlichen Tradition hat sich das Nachdenken über die eigene Endlichkeit zu einer eigenen ‚ars moriendi‘ entwickelt, also zu einer Kunst des Sterbens.

Dabei geht es darum zu lernen, Abschied zu nehmen – loszulassen. Imke Valentin begleitet als Gerontotherapeutin viele Menschen auf ihrem letzten Weg. In Krankenhäusern, Altenheimen und Hospizen.

Nach der christlichen ars moriendi, der Kunst zu sterben befragt, erzählt sie von ihrer eigenen Einstellung zum Tod. Ars Moriendi bedeute für sie: mit sich im Reinen sein oder auch mit der Welt in Frieden Abschied nehmen.

„Also ich sehe dem Ganzen positiv und auch mit Freude entgegen. Ich denke, wenn man so wie ich jetzt ein schönes gelebtes Leben hat, dann ist man auch bereit zu gehen. Also davon bin ich fest überzeugt. Ich hatte, kann ich sagen, vor sechs Jahren Brustkrebs.

Das gehört ja auch mit zum Leben dazu. Und ich glaube, ich war nicht traurig. Das habe ich angenommen. Ich glaube, die Familienangehörigen, die haben da mehr darunter gelitten. Wenn man sagt, so das Wort, man ist sich mit sich im Reinen, da ist was dran.“

Das Leben als eine Gabe Gottes zu betrachten, dafür dankbar zu sein – viele Psalmengebete in der Bibel handeln davon. Manche ähneln so der Gelassenheit von Imke Valentin, die sicher außergewöhnlich ist. Denn der Glaube an ein ewiges Leben im Jenseits schwindet – auch unter Christen.

Tod, wo ist dein Stachel?

Das erfährt auch Imke Valentin. Bei vielen älteren Menschen, die sie begleitet, geht es weniger um die Frage, was nach dem Tod passiert, als darum, wie das Sterben verläuft, und um die Angst, leiden zu müssen.

Auch sie frage ich, ob die Hinwendung zur Religion mit dem Alter zunimmt. Imke Valentin zögert – und dann sagt sie: doch, da sei was dran.

„Im Alter dreht sich Vieles um. Also es ist erstaunlich, an was man dann auf einmal denkt und was für einen wichtig ist, was früher gar nicht wichtig war. Wie zum Beispiel eine Dame, die ich begleitet habe, die mit der Kirche zum Beispiel im Alter nichts zu tun hatte, überhaupt nichts zu tun haben wollte und gar kein Interesse zeigte. Aber bei so kleinen Anschubsern dann auf einmal doch ganz neugierig wurde und mitgeredet hat.“

- „Was waren das für Anschubser?“

Wenn ich ans Krankenbett komme, bringe ich viele Sachen mit. Also zum Beispiel ein Kreuz, einen Rosenkranz, ein Gebetbuch, alles, was mit dem Thema Kirche vielleicht zu tun hat. Und sie guckte erst skeptisch und dann doch neugierig. Ah ja, früher. Das Gesangbuch war mir sehr wichtig, das habe ich immer dabeigehabt. Oder den Rosenkranz. Auf einmal kommen so Erinnerungen. Na, es ist doch interessant. Und da ist doch noch was da. Und da kann ich drüber reden und erzählen.“

- „Das heißt, die gelebte Religiosität, die spielt eine große Rolle?“

Ja, die spielt eine sehr große Rolle. Und im Alter würde ich sagen noch mehr, weil dann nämlich die Zeit da ist, so etwas noch mal richtig zu erleben. Und das tröstet und das gibt auch Hoffnung.“

- „Hilft da auch die religiöse Praxis, die man ein Leben lang ausgeübt hat?“

„Ja, da bin ich fest von überzeugt. Die hilft auf jeden Fall.“

Glauben an ein Leben nach dem Tod. Sterben als ein Übergang in ein anderes Leben. Der Christliche Glaube lebt von dem biblischen Versprechen, das uns Jesus mit seiner Auferstehung gegeben hat. Tod, wo ist dein Stachel, fragt der Apostel Paulus nach der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus.

Gemeinsam über den Sinn von Tod und Leben sprechen

Viele ältere Menschen haben mir erzählt, dass sie sich mit der Vorstellung an ein ewiges Leben schwertun. Ihr christlicher Glaube ist auch ein Ringen mit dem – wie Karl Rahner es sagt – „Urgeheimnis“, das wir Gott nennen.

Doch von vielen, die religiös aufgewachsen sind, habe ich auch erfahren, dass sie sich gerade im Alter in den ihnen vertrauten Gebeten und Liedern aufgehoben und getröstet fühlen.

Erstaunlich fand ich dabei, wie offen ältere Menschen über ihren Tod und über ihre Religiosität sprechen. Das gemeinsame Nachdenken über den Sinn des Lebens hilft ihnen, genau wie der praktizierte Glauben in ihrer Gemeinde. Oder wie Ingrid Rasch es sagt:

„Es ist mir zunehmend wichtig, mit anderen gemeinsam in den vertrauten Ritualen, die ich seit Jahrzehnten kenne, mich zu beheimaten und mich da auch reinfallen zu lassen. Auch wenn ich bei manchen Sachen denke: Och, diese Formulierung ist jetzt gerade nicht meine, aber weil sie mir so vertraut ist, hat sie doch eine Bedeutung für mich und ist tragfähig für mich.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Ludovico Einaudi – Questa Volta

Ludovico Einaudi – Dietro Casa

Bernward Koch – Walking Through Clouds

Ludovico Einaudi – Questa Volta

Ludovico Einaudi – Questa Volta


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Dieser Beitrag wurde am 20.11.2022 gesendet.


Über den Autor Johannes Schröer

Johannes Schröer wurde 1963 in Emstek, im Oldenburger Münsterland geboren. Nach dem Studium der Psychologie, Theologie und Germanistik in Marburg, Tübingen und Bochum (Abschluss Staatsexamen), sowie einem Auslandsjahr als Assistent Teacher in London, absolvierte er ein Volontariat bei Radio Essen, wo er fünf Jahre als Hörfunk-Redakteur arbeitete. 1997 wechselte er in die Redaktion KIP-NRW, 2000 dann zum WDR TV-Programm der Lokalzeit Ruhr. Seit 2002 arbeitet Johannes Schröer beim Kölner Domradio. Neben seinen Aufgaben als stellvertretender Chefredakteur und CvD, ist er für die Literatur im Domradio verantwortlich. Veröffentlichungen: ‚Als der Dom nach Köln kam‘ und Mitherausgeber des Katalogbuches ‚Trotz Natur und Augenschein. Eucharistie – Wandlung und Weltsicht‘ im Greven Verlag. Außerdem schreibt Schröer Kinderbücher für den Carlsen Verlag in der Reihe Pixi. Kontakt: johannes.schroeer@domradio.de

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