Morgenandacht, 19.11.2022

Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Leviathan

Vor Jahren habe ich in Tanzania einen Schlangenpark besucht. Einer der Tierpfleger führte uns in die spannende Welt dieser Tiere ein. Meine Angst und Abwehr gegenüber Schlangen konnte er mir trotzdem nicht nehmen.

Und plötzlich überrumpelte er mich von hinten und legte mir eine große Schlange um die Schultern. Ich erstarrte, wurde steif wie ein Brett. Angst und Ekel vor diesem unbekannten Tier machten mich regungslos.

Was man nicht kennt, kann Angst machen. Und obwohl reale Schlangen besser sind als ihr Ruf, sind sie in Mythen und Erzählungen immer wieder zu Symbolen und Archetypen des Bedrohlichen, des Chaos und des Todes geworden.

Bekannt ist die Schlange aus der alttestamentlichen Paradieserzählung. Weniger bekannt ist, dass die Menschen der biblischen Zeit sich das Meer bevölkert von gefährlichen Seeungeheuern vorstellten.

Eines von ihnen ist der Leviathan, was übersetzt heißt: „der sich Windende“, also ein kosmisches Monstrum, das man mit Zügen eines Drachens, eines Krokodils und vor allem einer Schlange ausgestattet hat.

Dieser Leviathan verkörpert das Chaos und das Lebensfeindliche. In ihm verdichtet sich die Angst des Menschen, dass diese Welt ständig in der Gefahr ist, ins Chaos zu versinken: durch menschliche Bosheit, durch kosmische Bedrohungen, durch soziale und politische Verwerfungen, durch Krieg und Zerstörung.

Auch wenn uns die Welt der alten Mythen fremd geworden ist: Die menschlichen Ängste, die sie beschreiben, sind bis heute real. Wie werden wir zum Beispiel in einigen Jahren das Jahr 2022 erinnern?

Der Bundeskanzler sprach im Februar von einer Zeitenwende, die Welt scheint seitdem aus den Fugen geraten zu sein. In der Ukraine tobt ein von einem russischen Diktator angezettelter verbrecherischer Krieg; in seiner Folge werden Menschen von Inflation und einer Hunger- und Energiekrise überrollt.

Alte Gewissheiten sind zerbrochen. Angst greift um sich, als sei ein mythischer Leviathan zurückgekehrt, der Chaos verbreitet.

Gegen Angst hilft nicht nur ruhiges und besonnenes Handeln, ein kühler Kopf eben; gegen die Angst braucht es auch Bilder, die die Kraft haben, zu trösten und zu heilen. Ein solch tröstendes und beruhigendes Bild entdecke ich im Psalm 104 des Alten Testamentes der Bibel.

Dort heißt es vom Leviathan, der Chaosschlange: Gott hat ihn erschaffen! Das ist schon erstaunlich genug, bedeutet es doch, dass selbst das vermeintliche Chaos Gottes Händen nicht entgleitet. Man könnte auch sagen: Gott lässt sich diese Welt nicht aus der Hand nehmen, von keinem Leviathan dieser Welt, so potent und gewaltig er auch daherkommen mag.

Aber noch erstaunlicher finde ich die Aussage des Psalms: Gott hat den Leviathan geschaffen, um mit ihm zu spielen! Dieses Bild finde ich richtig stark – und tröstlich. Das Bild bedeutet mitnichten, dass Gott mit der Angst der Menschen spielt. Das Bild lässt auch die Frage unbeantwortet, warum es überhaupt das Böse und Bedrohliche in unserer Welt gibt.

Da fällt auch ein dunkler Schatten auf Gott, weil er das zulässt in seiner Schöpfung und wir keine Antwort wissen auf unsere Klage, warum sich in unserer Welt immer wieder Abgründe auftun.

Aber ich finde das Bild eben auch stark und tröstlich, weil es die Chaosmächte dieser Welt satirisch verspottet und in ihrem Machtanspruch und in ihrer Durchschlagskraft lächerlich macht. Satire und Spott waren schon immer geeignet, den Leviathanen dieser Welt ihren Schrecken zu nehmen, waren schon oft der Anfang vom Ende ihrer Herrschaft über die Menschen.

Gott spielt mit dem Leviathan! Wie gerne würde ich dieses starke Bild den Herren Putin und Kyrill schicken und allen Leviathanen dieser Welt, die sich in ihrer angemaßten Macht wie eine Schlange „aalen“ und winden.

Gott hat sie in der Hand! Das tröstet und weckt den Mut zum Durchhalten und zum Widerstand.


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Dieser Beitrag wurde am 19.11.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.
Kontakt: ziegler@bistum-muenster.de


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