Morgenandacht, 18.11.2022

Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

The Winner Takes It All

„The winner takes it all.“

Diese Liedzeile prägt das Lied der schwedischen Popgruppe ABBA aus dem Jahre 1980. Das Stück handelt von einer Frau, die ihren Mann an eine andere Frau verloren hat. Ohnmächtig hadert sie mit ihrem Schicksal.

„The winner takes it all, der Gewinner bekommt alles.“

Und der Text fährt fort:

„Die Verliererin steht klein und unbedeutend neben dem Sieg. Das ist ihr Schicksal.“

Auf den ersten Blick scheint Jesus derselben Meinung zu sein, und zwar in seinem Gleichnis vom anvertrauten Geld. Ein reicher Mann, der an seiner weiteren Karriere arbeitet und deswegen länger abwesend ist, übergibt seinen Dienern Geld, damit sie in der Zwischenzeit damit Profit erwirtschaften.

Bei seiner Rückkehr wird abgerechnet: Der erste Diener hat den Betrag verzehnfacht, der zweite verfünffacht. Eine reiche Dividende wird über sie ausgeschüttet. Der dritte aber gibt seinem Herrn das anvertraute Geld zurück, er hat sich geweigert, damit zu wirtschaften und Profit zu machen.

Seine Begründung lautet: Weil sein Herr streng ist und er Angst vor ihm hat; weil sein Herr Geld abhebt und einfordert, auch wenn dieser selbst nichts eingezahlt oder dazu beigetragen hat. Der dritte Diener hat also nicht mitgespielt. Und muss die Konsequenzen tragen: Man nimmt ihm das Geld wieder weg und gibt es dem, der den größten Profit gemacht hat.

„The winner takes it all.“

Und der Verlierer steht klein und unbedeutend da. 

Ich habe mich schon immer schwergetan mit der üblichen Auslegung dieses Gleichnisses nach dem Motto: Mach etwas aus deinem Leben! Wuchere mit deinen Talenten! Das erwartet Gott von dir! Berthold Brecht spricht mir mit einem Gedicht gegen diese übliche Auslegung des Gleichnisses aus der Seele:

„Und sieht man´s denn nicht stündlich
Auf Erden weit und breit,
Dass Gott dem, der nicht gründlich
Mitwuchert, nicht verzeiht?
Nur, die kein Pfündlein haben,
Was machen denn dann die?
Die lassen sich wohl begraben.
Und geht es ohne sie?
Nein, nein, wenn die nicht wären,
Dann gäb´s ja gar kein Pfund.
Denn ohne ihr Schwielen und Schwären
Macht keiner sich gesund.“

Macht man es sich nicht zu leicht, wenn man Gott einfach mit diesem hartherzigen und reichen Herrn gleichsetzt, der alles andere als sympathisch in diesem Gleichnis daherkommt und das Leben unter das Diktat von Profit und Leistung stellt? Und der dabei Opfer produziert? Ein Gott, der mit den Gewinnern ist?

Es drängt mich dazu, dieses Gleichnis gegen den Strich zu bürsten. Die Frage muss doch lauten: Wer ist denn der wirkliche Held dieses Gleichnisses?

Mein Vorschlag lautet: Der eigentliche Held des Gleichnisses von den Talenten und dem anvertrauten Geld ist der dritte Diener, also der, der sich von Anfang entschieden hat: ‚In diesem hartherzigen und ungerechten System von Leistung und Profitmaximierung, da spiele ich nicht mit!‘

Der Held des Gleichnisses ist dieser Spielverderber. Und er ist bereit, dafür auch die Konsequenzen zu tragen. Und die können auch richtig hart sein. Aber im Reich Gottes sind nicht die Gewinner irdischen Machtstrebens Gottes erste Wahl. Gottes erste Wahl sind die, die sich ungerechten Verhältnissen verweigern und bereit sind, dafür den Kopf hinzuhalten.

So wie der Gleichniserzähler Jesus selbst. Kaum hat er dieses Gleichnis erzählt, geht er nach Jerusalem hinein. Es ist sein letzter Weg. Er selbst gerät in einem hartherzigen System endgültig unter die Räder. Weil er nicht mitgespielt hat in diesem System – um der Barmherzigkeit und um der Menschen willen. Das kostet ihn das Leben.

The winner takes it all? Das war nun wirklich nicht der Maßstab Jesu.


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Dieser Beitrag wurde am 18.11.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.
Kontakt: ziegler@bistum-muenster.de


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