Morgenandacht, 17.11.2022

Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Die Wahrheit ist obdachlos

Wohl niemand möchte unter Verdacht geraten. Dann droht unter Umständen Ungemach. Und womöglich bleibt etwas hängen, auch wenn der Verdacht sich nicht bestätigt.

Es gibt aber auch einen Verdacht, der sich positiv auszahlen könnte. Er kommt nicht von außen, um mir etwas anzuhängen. Es ist ein Verdacht, der in mir aufsteigt und mich selbst meint, ja infrage stellt in Auseinandersetzungen und Konflikten. Wie befreiend wäre es dann, wenn ich sagen könnte:

„Ich habe den Verdacht, dass der Andere recht haben könnte.“

Und dieser Verdacht könnte mich dazu bewegen, misstrauisch zu werden mir selbst gegenüber, meinen eingefleischten Standpunkten und Überzeugungen zu misstrauen.

Wie sehr würde ich mir wünschen, dass dieser gesunde Generalverdacht um sich greift! Viele gesellschaftliche und kirchliche Debatten haben sich festgefahren bis hin zur Unversöhnlichkeit, ja Feindschaft. Standpunkte und Überzeugungen haben sich derart verabsolutiert, dass ein Dialog im Ansatz scheitern muss.

Rechthaberei hindert daran, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Hinter dieser Haltung steckt ein verkürzter, ja gefährlicher Begriff von „Wahrheit“. Man glaubt, diese Wahrheit zu „haben“, als Besitz, als festumrissene Lehre, unverrückbar, nicht revidierbar.

Ich habe den Verdacht, dass der Andere recht haben könnte! Ich habe die Wahrheit also nicht gepachtet. Friedrich Schorlemmer hat den schönen Satz geprägt:

„Die Wahrheit beginnt zu zweit – sie liegt in der Mitte und ist immer obdachlos.“

Das Bild gefällt mir. Die Wahrheit campiert sozusagen zwischen den Dialogpartnern und weigert sich, unter das Dach eines der Kontrahenten zur Untermiete einzuziehen. Im Dialog werden wir ihre Gäste und sitzen an ihrem Tisch, unter einem offenen Himmel.

Wer glaubt, die Wahrheit in das eigene Lehrgebäude einschließen zu können, macht sie auf Dauer steril und bedeutungslos. Außerhalb der eigenen vier Wände kräht kein Hahn nach ihr. So entstehen dann Echoräume und Sprechblasen, in denen nur noch ihre Bewohner miteinander kommunizieren; nach außen aber: Funkstille, Gesprächsverweigerung, ja Intoleranz.

„Die Wahrheit ist tot ohne den Weg zur Wahrheit“,

hat der Theologe Paul Tillich gesagt. Beim Nachdenken über diesen Satz fiel mir sofort eine klassische Weggeschichte aus der Bibel ein.

Am Abend des Ostertages sind zwei der Jünger Jesu voller Verbitterung und Enttäuschung über seinen Tod am Kreuz auf dem Weg nach Emmaus. Sie haben sich ihren Reim auf die Jesusgeschichte gemacht. Nun, nach seinem Tod ist das alles aus und vorbei!

Ein Echoraum der Enttäuschung, eine Sprechblase der Trauer und Resignation, bis er, Jesus, als der Auferstandene in diesen Echoraum eintritt, den Weg mitgeht, ihre Herzen zum Brennen bringt, ihren begrenzten Horizont weitet und den Himmel neu über ihnen aufgehen lässt.

Die Emmausjünger bestätigen das Wort Tillichs: Ja, die Wahrheit finde ich auf dem Weg, man muss sie, im wahrsten Sinne des Wortes, „ergehen“. Sie zeigt sich, wenn wir uns gegenseitig erzählen, wie es uns „ergangen“ ist auf unseren Wegen, mit ihren Stolpersteinen und Sackgassen. Und wie er, der Lebende, dabei war und unsere Herzen zum Brennen bringt.

Die Wahrheit ist immer obdachlos. Über ihr aber wölbt sich der offene Himmel. Am Turm unserer Lambertikirche in Münster erstrahlt seit einigen Wochen im Dunkeln eine leuchtende Himmelsleiter. Sie erinnert mich an das Unendliche, das Grenzenlose über unser aller Leben.

Jeder hat dazu eine Geschichte, eine Hoffnung, ja eine Wahrheit zu erzählen. Gerade wenn und weil wir an das Grenzenlose und Unendliche angeschlossen sind, habe ich den begründeten Verdacht: Ja, die Anderen haben auch recht, mit ihren Geschichten unter einem offenen Himmel.


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Dieser Beitrag wurde am 17.11.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.
Kontakt: ziegler@bistum-muenster.de


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