Morgenandacht, 16.11.2022

Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Don Quijote

Mach dir da mal keine Illusionen! Hör auf zu träumen!

Die Liste der guten Ratschläge ließe sich fortsetzen, wenn es gilt: Sei realistisch und kein Tagträumer. Doch in mir regt sich auch Widerspruch gegen das Diktat der nackten Realität. Ich will mir das Träumen nicht verbieten lassen, selbst dann nicht, wenn die Träume unerfüllbar zu sein scheinen.

Man hat Don Quijote auch den „Aristokraten der Phantasie“ genannt, einen kühnen Helden des Traumes. Der spanische Autor Miguel de Cervantes hat ihm in seinem epochalen Roman ein Denkmal gesetzt.

In diesen Zeiten, wo die soziale, politische und kirchliche Realität sich vielfach so erdrückend, trist und gefährlich darstellt, habe ich erneut nach diesem Roman gegriffen und mich amüsiert und mitreißen lassen von Don Quijote, dem „Ritter von der traurigen Gestalt“.

Don Quijote ist ganz und gar erfüllt von der edlen Welt der Ritterromane, die er allesamt verschlungen hat. Und so entschließt er sich, sein armseliges Dorf zu verlassen und als Ritter in rostiger Rüstung in die Welt hinauszuziehen.

Fortan lebt er in seiner Phantasiewelt, sein klappriger Gaul wird in seinen Augen zu einem stattlichen Ross mit dem schillernden Namen „Rosinante“, und wie es sich für einen echten Ritter gehört, vollbringt er seine Taten aus Liebe zu seiner Angebeteten. Diese Frau ist zwar in Wirklichkeit nur ein unscheinbares bäuerliches Mädchen mit Namen Aldonza, doch für Don Quijote ist sie die edle Prinzessin Dulcinea von Toboso.

In seiner Phantasiewelt kämpft er für die Menschen und die Gerechtigkeit, wie es sich für einen edlen Ritter gehört. Und so mutiert eine Schafherde zu einem feindlichen Heer, und in den legendär gewordenen Windmühlen kämpft er gegen gefährliche Riesen…

Immer wieder unterliegt Don Quijote in seinen Kämpfen, wird verprügelt und verlacht. Ein Ritter von der traurigen Gestalt eben, der seinen Träumen nachhängt.

Begleitet wird er von seinem treuen Knappen Sancho Pansa. Der sieht die Wirklichkeit so, wie sie ist, steht mit beiden Beinen fest auf der Erde, doch bleibt er seinem Herrn bis zum Schluss treu und hilft Don Quijote ein ums andere Mal wieder hoch, wenn dieser in seinem illusionären Kampf zu Boden geworfen wird.

Als Leser respektiere und achte ich Sancho mit seinem handfesten und illusionsfreien Realitätssinn, doch ich gestehe: Es ist Don Quijote, dieser Aristokrat der Phantasie, der mich beim Lesen mitreißt, oft mitleiden lässt, wenn er in seinen Illusionen scheitert.

Und ich frage mich, wer von den beiden wirklich tiefer sieht. Sancho weiß zum Beispiel, dass Dulcinea nur ein einfaches Mädchen ist, doch für seinen Herrn ist sie eine blühende und angebetete Prinzessin. Und warum ist sie das? Don Quijote sagt es selbst einmal:

„Weil ich sie liebe!“

Und weil er sie liebt, ist sie „die wohlgeborenste Prinzessin im Lande…schön und ehrbar.“

Natürlich ist Cervantes Roman in seinem Einfallsreichtum und in seiner Sinntiefe unerschöpflich. Aber diesen einen Sinn habe ich beim erneuten Lesen für mich mitgenommen: Klar, es gibt Träume, die sind oft realitätsferne Illusionen.

Aber was würde aus unserer Welt wohl werden, wenn es nicht immer wieder Menschen mit starken Träumen gäbe, die tiefer sehen als ein Sancho Pansa, die hinter einem oft hässlichen Vordergrund eine verborgene Schönheit erahnen.

Und als Christ füge ich hinzu: Was würde aus unserer Welt wohl werden, wenn nicht Gott selbst in ihr seinen Traum träumen würde, seinen Traum von echter Menschenliebe und Gerechtigkeit? Der scheinbar immer wieder zu scheitern droht, wenn ich etwa die Schreie aus der Ukraine höre oder die Not vor unserer Haustür sehe.

Und doch glaube ich: Gott steht immer wieder auf, lässt nicht locker, viel stärker noch als der Ritter von der traurigen Gestalt. Am Ende wird er nicht scheitern, denn Gottes Traum ist keine Illusion. Und das lässt mich hoffen, über diesen Tag hinaus…


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Dieser Beitrag wurde am 16.11.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.
Kontakt: ziegler@bistum-muenster.de


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