Morgenandacht, 15.11.2022

Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Lebensfaden

Die alten Griechen nannten sie die Moiren, die Römer die Parzen. Sie waren die Göttinnen des Schicksals, drei an der Zahl. Sie hatten das Lebensschicksal der Menschen in der Hand. Aber was genau hatten sie denn in der Hand?

Einen Faden! Dargestellt werden diese drei, wie sie unablässig einen Faden spinnen. In den Händen halten sie die Lebensfäden der Menschen. Die erste Göttin spinnt den Lebensfaden, die zweite entscheidet über das Lebensschicksal, die dritte durchtrennt den Lebensfaden, wenn die Zeit gekommen ist.

Und wann das ist, darüber befinden allein die Schicksalsgöttinnen. Nicht einmal Zeus, der oberste der Götter, kann sich über ihren Schicksalsspruch hinwegsetzen, auch wenn es seine Lieblinge unter den Menschen betrifft.

Seitdem sagen auch wir: Das Leben hängt an einem seidenen Faden! Meistens suchen wir diesen Gedanken zu verdrängen. Doch nur zu oft werden wir von der Lebensrealität eines Besseren belehrt, nämlich immer dann, wenn der Lebensfaden eines Menschen durchschnitten ist, mit dem uns viele Fäden verbunden haben.

Auch die flattern dann abgeschnitten in der Leere, die der Tod eines Geliebten hinterlassen hat.

Der November ist ein Monat, in dem uns diese Realität, wenn wir ihr denn nicht ausweichen, einholt. Der November gilt vielen als der Totenmonat: Allerseelen, Totensonntag, Volkstrauertag. Immer geht es um ein Gedenken an die, deren Lebensfäden für immer durchschnitten scheinen.

Wir besuchen ihre Gräber, halten in unserer Erinnerung einen Faden fest, der uns mit ihnen, den Toten, verbindet. Aber spätestens mit unserem eigenen Tod wird auch dieser dünne Faden der Erinnerung reißen. Die vielen Toten der Vergangenheit bleiben letztlich ohne Erinnerung zurück im Staub der Geschichte, solange es nur auf uns ankommt.

Es gibt von Maria, der Mutter Jesu, eine Darstellung, die heute kaum noch bekannt ist. Im Mittelalter dagegen erfreute sie sich großer Beliebtheit. Diese Darstellung zeigt Maria ganz so wie die antiken Schicksalsgöttinnen, wie sie einen Faden spinnt, den sie in ihren Händen hält, ausgespannt zwischen Rocken und Spindel, also den Werkzeugen, mit denen man damals das Spinnen betrieb.

Dieser Faden hat es wirklich „in sich“; denn dieser Faden des Lebens läuft nicht einfach außen an Maria vorbei, sondern durchdringt ihren Unterleib, durchdringt das Gotteskind, das im Schoß Mariens heranwächst. Denn Maria ist schwanger, trägt in sich unter ihrem Herzen Christus.

Mit diesem Bild ist etwas Verstörendes und zugleich etwas Tröstliches festgehalten. Auch das Leben des Gottes, der in einem Kind unter uns heranwächst, hängt an einem seidenen Faden. Die tödliche Verwundbarkeit von uns Menschen begegnet im Bild der spinnenden Maria der Verwundbarkeit Gottes.

Auch Jesu Leben hing an einem seidenen Faden, in seinem Tod schien selbst dieser göttliche Faden gerissen zu sein, an den der Menschensohn aus Nazareth sich bis zum Schluss geklammert hat.

Gerade im „Totenmonat“ November, gerade im Umgang mit den abgeschnittenen Lebensfäden der Menschen hilft dieses Bild vielleicht über so manche Leere, über so manchen Fall in die Tiefe hinweg. Jesus hat unsere tödliche Verwundbarkeit geteilt, sein Lebensfaden schien zerschnitten.

Gott aber hat sich die Fäden nicht aus der Hand nehmen lassen! Er hat den Lebensfaden Jesu nicht abreißen lassen, er wird auch unsere Lebensfäden nicht reißen lassen. Weil er sie fest in der Hand hält. Auch dann, wenn wir einmal ins Bodenlose zu fallen drohen.

Von diesem Fallen, dem tödlichen Sturz in die Tiefe, sagt Rilke in seinem bekannten Herbstgedicht:

„Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.“


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Dieser Beitrag wurde am 15.11.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.
Kontakt: ziegler@bistum-muenster.de


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