Morgenandacht, 14.11.2022

Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Der schwere Weg nach vorn

Während ich diese Morgenandacht zu Papier brachte, stand ich immer noch sprachlos und voller Trauer vor den Trümmern einer Freundschaft, die mir sehr viel bedeutet hat und in diesen Wochen zerbrochen ist.

Gewollt hat das keiner von uns, schon gar nicht ist es mutwillig oder mit böser Absicht geschehen, aber irgendwie ist das Leben mit seinen fortwährenden Veränderungen über diese Freundschaft hinweggegangen.

Wir haben das, was sich verschoben oder gewandelt hat, zu spät bemerkt. Nun haben sich unsere Wege getrennt. Ob sie sich in der Zukunft noch einmal treffen, weiß Gott allein.

Ich bin weiß Gott nicht der einzige, der diese Erfahrung macht. So viele wissen ein Klagelied zu singen von zerbrochenen Freundschaften, verlorenen Beziehungen, gescheiterten Partnerschaften.

Gerade weil wir Menschen so dringend auf Freundschaft und Liebe angewiesen sind, weil wir ohne sie gar nicht leben können, bedeutet ihr Verlust einen tiefen Einschnitt, ein Loch, in das man fällt; und für so manche tut sich eine gähnende Leere auf. Immer wieder geht der Blick zurück. Und zugleich stellt sich die Frage: Und nun? Wie komme ich da durch? Was erwartet mich nach Abschied und Trauer?

Jeder und jede hat so seine und ihre Weise, mit Verlust und Trauer umzugehen. Mir hilft zurzeit diese dramatische Szene, die sich im Lager der Israeliten abspielt. Das Alte Testament der Bibel erzählt, wie das aus Ägypten ausgezogene Volk an der Schwelle zum gelobten Land steht. Kundschafter werden ausgesandt. Als sie zurückkommen, bringen sie eine riesige Traube mit, von zwei Männern getragen. Will heißen:

„Schaut her, das Land ist wirklich fruchtbar. Hier lässt es sich leben.“

Aber auch diese Botschaft haben sie im Gepäck:

„Ein Spaziergang wird das nicht.“

Das Land fällt Israel nicht einfach in den Schoß. Es muss erkämpft werden, der Übergang in das neue Land wird noch einmal sehr anstrengend.

Mir geht es jetzt nicht um das höchst problematische Geschehen der Eroberung eines Landes, in dem ja schon Menschen leben. Ich lese diese Geschichte als eine tiefe Symbolgeschichte.

Krisenzeiten sind immer Übergangszeiten, die mich vor eine alles entscheidende Frage stellen: Traue ich der Zukunft? Traue ich dem Morgen, auch wenn der noch so weit weg erscheint? Nehme ich die Anstrengung auf mich, das Vergangene zu verabschieden und mich dem Neuen zu öffnen?

Das ist wirklich harte Arbeit, kein Spaziergang. Als das Volk die Botschaft der Kundschafter vernimmt, geraten die meisten in Angst und Panik.

„Das schaffen wir nicht!“

Und so geht der Blick nur noch zurück, zurück nach Ägypten, wo es sich doch so angenehm leben ließ. Die meisten im Lager bleiben stecken in ihren Erinnerungen, in ihrer Sehnsucht nach dem Vergangenen. Mit dieser Fixierung auf das Gestern werden sie das Morgen nicht betreten.

Die Erzählung wird da geradezu drastisch. Nur wenige der jetzt Lebenden werden in das verheißene Land einziehen. Die, die zurückschauen, bleiben buchstäblich auf der Strecke. Sie kommen aus ihrem Rück-blick nicht mehr heraus und verlieren sich in der Wüste.

Hört sich brutal an. Biblische Geschichten können in der Tat verstörend sein. Ich lese diese Szene aber vor allem als Warnung, als einen heilsamen Fingerzeig vom Himmel. Ich höre die Botschaft:

„Gib auf dich Acht! Dreh dich langsam um, schau nicht nur auf das, was war. Dreh dich um und hebe die Augen.“

Da sind Wege nach vorn, leicht sind sie nicht, aber trau dich, den Fuß auf den Beginn eines neuen Weges zu setzen. Kleine Schritte werden es zuerst sein. Irgendwann wird das Neue, das Kommende, unsere Schritte beflügeln…hoffentlich.

Ich wünsche es Ihnen und auch mir selbst. Und ich weiß diesen Wunsch in Gottes guten Händen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 14.11.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.
Kontakt: ziegler@bistum-muenster.de


Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche