Gottesdienst am 33. Sonntag im Jahreskreis

aus der Kirche Liebfrauen in Lübeck

Predigt von Pastor Peter Otto

Weltuntergang. Alles gerät ins Wanken. Kein Stein bleibt auf dem andern.

Liebe Mitchristen, Jesus führt uns im heutigen Evangelium ein Weltuntergangsszenario vor Augen:

Der Tempel stürzt ein.

Menschen werden aufgrund ihres Glaubens verfolgt.

Es gibt Kriege und Unruhen und Naturkatastrophen.

Weltuntergang – Das macht unsicher und ratlos. Wie mag es denen ergangen sein, die damals die Worte Jesu gehört haben? Die erlebt haben, wie im Jahre 70 der Jerusalemer Tempel zerstört wurde.

Und wie ist es jetzt, hier, in unserer Zeit? Was gerät da nicht alles ins Wanken!

  • Die Friedensordnung in Europa seit dem 2. Weltkrieg durch den unsäglichen Krieg des russischen Präsidenten Putin gegen die Menschen in der Ukraine.
  • Die Versorgung mit Energie, Rohstoffen und Lebensmitteln.
  • Überschwemmungen, Wirbelstürme und Dürrekatastrophen zerstören Existenzgrundlagen.
  • Schließlich wankt die Kirche selbst v.a. durch den unsäglichen Missbrauchsskandal.
  • In Nord-Korea, Afghanistan, Somalia, Eritrea und im Iran werden Menschen wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus Christus verfolgt. Und das sind nur einige Länder aus einer Liste mit über 50 Staaten.

Und was wankt nicht auch alles so in unserem eigenen Leben? Die Gesundheit? Beziehungen und Partnerschaften? Beschleicht uns das Gefühl, unterzugehen?

Wie können wir all das ertragen? Jesu Antwort ist der Schlusssatz des heutigen Evangeliums:

„Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“

Standhaft bleiben: Da stellt sich für mich als erstes die Frage: Was gibt mir Halt im Leben und im Glauben?

Wenn ich auf Jesus gucke, muss ich zugeben: Er ist untergegangen. Sein Tod am Kreuz ist ein Untergang.

Der Tod Jesu bringt den Glauben der Jünger ins Wanken. In der Emmaus-Geschichte am Ostermontag hören wir von der Enttäuschung der beiden Jünger, die auf dem Weg nach Emmaus mit Blick auf den Tod Jesu am Karfreitag sagen:

„Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde.“

[Lk 24,21]

Das Kreuz – es ist ein Zeichen des Untergangs und des Todes.

Hier in Liebfrauen hängt an der Wand hinter dem Altar ein riesengroßes Kreuz aus Holz. Der senkrechte Balken ist sicherlich 4 Meter lang. Es erscheint fast zu groß für diese kleine Kirche. Und trotzdem: Ich mag dieses große Holzkreuz.

Mir kommen bei der Betrachtung unseres Kreuzes einige Zeilen eines alten Karfreitagshymnus aus dem 6. Jahrhundert in den Sinn:

„Heilig Kreuz, du Baum der Treue,
edler Baum, dem keiner gleich,
keiner so an Laub und Blüte,
keiner so an Früchten reich:
Süßes Holz, o süße Nägel,
welche süße Last an euch.

Du allein warst wert, zu tragen
aller Sünden Lösegeld,
du, die Planke, die uns rettet
aus dem Schiffbruch dieser Welt.
Du, gesalbt vom Blut des Lammes,
Pfosten, der den Tod abhält.“

Seit fast 1.500 Jahren beten Christinnen und Christen diesen Text. Ein Vers hat es mir besonders angetan:

„Du, die Planke, die uns rettet
aus dem Schiffbruch dieser Welt.“

In Zeiten, als die Schiffe noch aus Holzbohlen und -planken gezimmert wurden, da war beim Schiffbruch auf hoher See eine Planke die Rettungsinsel der Seeleute. An der Holzplanke konnte man sich festhalten und hoffen, mit ihr an den Strand gespült zu werden. Das Kreuz Jesu als Planke in dem Schiffbruch dieser Welt; in dem Schiffbruch meines Lebens.

In meiner Jackentasche habe ich oft ein kleines Holzkreuz.

Es tut mir gut, das Holz in der Hand zu spüren. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich nicht untergehen lässt in den Stürmen und wogenden Wellen dieser Welt und meines Lebens.

All das, was das Leben klein und kaputt macht, alle Krankheiten, Probleme und Sorgen haben nicht das letzte Wort. Ihre Macht wird gebrochen. An Ostern feiern wir die Liebe Gottes und das Leben, dass Gott schenkt. Er hat den Tod und alle todbringenden Mächte besiegt.

In jeder Messe feiern wir ein kleines Osterfest. Das gibt mir immer wieder Kraft und Mut in den Stürmen dieser Welt und meines Lebens. Standhaft bleiben – das heißt für mich: Am Kreuz Jesu festhalten. An Jesus Christus festhalten.

Ich wünsche Ihnen hier in der Kirche und Zuhause und unterwegs, dass das Kreuz Jesu auch Ihnen Halt gibt. Dass der Glaube an Gott Sie tragen möge durch die Stürme Ihres Lebens.

Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das von Gott geschenkte Leben.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 13.11.2022 gesendet.





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