Wort zum Tage, 12.11.2022

Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Fan-Fiction

Wer eine Lieblingsserie im Fernsehen hat oder sich für eine Buchreihe begeistert, der kennt das Problem: Irgendwann kommt kein Nachschub mehr. Das letzte Kapitel ist gelesen, die letzte Folge ist gelaufen.

Aber der Stoff ist doch so spannend! Die Charaktere sind so sympathisch! Da kann doch nicht einfach Schluss sein! Besonders engagierte Fans schreiben deshalb einfach selber weiter an ihren Lieblingsgeschichten.

Und sogar reale Personen aus Geschichte und Gegenwart können dann eine große Rolle in den Phantasie-Geschichten ihrer Bewunderer spielen.

Fan-Fiction heißt das Phänomen, und es liegt groß im Trend. Dank Fan-Fiction kann jeder selbst entscheiden, wie es weitergehen soll mit den Helden aus Filmen und Comics, mit den Promis aus Sport und Boulevard.

Und endlich werden auch die Fragen geklärt, an die vorher niemand auch nur gedacht hat: Was wäre, wenn Prinz William sich nicht in seine Kate verliebt hätte sondern in die jeweilige Autorin? Wie würde ein Treffen zwischen Peter Pan und Mary Poppins ausgehen? Fan-Fiction-Autoren haben eine Antwort. Und dank des Internets können alle mitlesen, die das Thema auch spannend finden.

Dabei gab es Fan-Fiction auch schon lange vor dem digitalen Zeitalter. Schon in der Spätantike liebten die Christen Geschichten über Jesus von Nazareth so sehr, dass sie irgendwann auch neue erzählten – über die frühe Kindheit des Messias und über das Leben seiner Eltern.

Aus der Renaissance stammt ein fiktiver Brief, der das Aussehen von Jesus genau beschreibt. Der unbekannte Autor nimmt dazu die Perspektive eines römischen Beamten der Kaiserzeit ein. Und man könnte meinen, dass er selbst ein bisschen verliebt ist in die haselnussbraunen Haare und die hellgrauen Augen, die er sich dabei ausmalt.

Und heute? Die modernen Bücher und Filme lassen sich gar nicht aufzählen, die alle ihre eigene Version von Jesus darstellen, oft mit neu ausgedachten Episoden aus seinem Leben, Varianten des kanonischen Materials und kleinen Insider-Witzen. Echte Fan-Fictions eben.

Egal ob aus Antike oder Neuzeit – Fan-Fictions sind keine Fälschungen. Sie sind eine besondere Art von Liebeserklärung an reale oder fiktive Personen – manchmal ganz schön schräg, aber fast immer mit viel Herzblut und gutem Willen geschrieben.

Die meisten Promis nehmen deshalb auch mit Humor, was die Phantasie ihrer Verehrer ihnen andichtet. Und ich glaube, genauso hat Jesus ein großes Herz für alle, die sich nach neuen Geschichten über ihn sehnen – und sie zur Not eben selber schreiben.


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Dieser Beitrag wurde am 12.11.2022 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Bernhard Holl ist seit 2014 Priester im Erzbistum Berlin. Er studierte Geschichte in Leipzig und Berlin sowie Theologie in Erfurt und Buenos Aires. Neben seiner Tätigkeit als Seelsorger forscht und publiziert er zu kirchenhistorischen Themen. 2022 Promotion in Religionswissenschaft an der Universität Potsdam. Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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