Wort zum Tage, 11.11.2022

Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Sankt Martin

Den Heiligen Martin kennt jedes Kind. Auch wer nicht so genau weiß, wo oder in welchem Jahrhundert er genau gelebt hat – der Mann, der seinen Mantel teilt, das ist ein Bild, das jeder sofort zuordnen kann.

Egal ob Ölgemälde oder Sandsteinfigur, Kupferstich oder Kinderbuch: in aller Regel sieht man einen ritterlichen Soldaten hoch zu Pferde, der einem klapperdürren Bettler gnädig ein Stück Stoff herab reicht.

Auf manchen Bildern ist der fromme Mann vom Pferd abgestiegen und steht neben dem knienden Bettler. Ganz wenige Darstellungen habe ich bisher entdeckt, auf denen Martin und der Arme auf Augenhöhe im Schnee stehen. Aber die haben mich nachdenklich gemacht.

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Da ist es doch bestimmt kein Zufall, wer welche Position einnimmt, wer oben und wer unten erscheint. Warum haben wir Christen jahrhundertelang einen Martin gezeichnet, der hoch auf einem Schlachtross thront; und der Beschenkte drückt sich klein und elend in die Ecke?

Eine positive Deutung könnte lauten: Wir bewundern Menschen, die wie Martin ihr Hab und Gut mit anderen teilen. Einen verehrungswürdigen Heiligen will man auch so zeigen. Ehre, wem Ehre gebührt, also hinauf mit ihm in den Prunksattel.

Aber vielleicht gibt es noch einen anderen Grund. Vielleicht sehen wir uns einfach selber gerne so, wenn wir anderen helfen: Nicht nur großzügig, sondern geradezu erhaben. Souverän über den Dingen stehend, alles im Griff.

Ganz sicher nicht zweifelnd oder zögernd, auf keinen Fall überfordert von der Not des anderen, sondern zu jedem Zeitpunkt Herr der Lage – und eben auch nicht zu nah dran an dem Bedürftigen; ein letzter Sicherheitsabstand zu seinem Leid, seiner Schwäche, seiner Hässlichkeit.

Schlachtross oder Augenhöhe? Jesus hatte dazu eine ganz eigene Meinung.

„Der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Erste soll werden wie der Dienende“,

sagt er im Evangelium nach Lukas, und:

„Ich selber bin unter euch wie einer, der dient.“

Der Evangelist Johannes berichtet, wie Jesus das auch tut. Er kniet sich hin, und wäscht allen anderen die Füße. Das Vorbild, das er geben will: Nicht nur auf Augenhöhe helfen, sondern sich auch noch zum Diener des anderen machen.

Heute am 11. November feiert die Kirche den Heiligen Martin. Das Bild, das wir uns von ihm machen, auch in den vielen Umzügen heute, zeigt, wie ein guter Christ sein soll. Aber vielleicht fehlt es ja dabei nicht nur mir: das Bild, das den heiligen Martin zu Füßen des Bettlers zeigt.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 11.11.2022 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Bernhard Holl ist seit 2014 Priester im Erzbistum Berlin. Er studierte Geschichte in Leipzig und Berlin sowie Theologie in Erfurt und Buenos Aires. Neben seiner Tätigkeit als Seelsorger forscht und publiziert er zu kirchenhistorischen Themen. 2022 Promotion in Religionswissenschaft an der Universität Potsdam. Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche