Wort zum Tage, 10.11.2022

Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Verwendbarkeit

Heute ist der Welttag der Anwenderfreundlichkeit: ein Aktionstag, der all das verbessern will, was uns das Leben unnötig schwer macht: vom staatlichen Behördendschungel bis zur Fernbedienung mit den zu kleinen Tasten.

Erfunden wurde dieser „World Usability Day“ von einem Berufsverband von Produktdesignern. Man darf also davon ausgehen, dass eine gewisse Eigenwerbung dieser Branche von vornherein Teil der Idee war.

Trotzdem trifft der Grundgedanke einen Nerv bei Vielen. Wer hat sich nicht schon mal geärgert über eine elend lange Betriebsanleitung oder einen Kundenvertrag, den man auch beim vierten Durchlesen noch nicht versteht. Ein bisschen einfacher muss es doch auch gehen!

Oft merke ich, das ist es, was auch viele Christen sich von ihrer Kirche wünschen, und vielleicht generell viele Gläubige von ihrer Religion: Sie soll benutzerfreundlich sein!

Wenige Regeln, die verständlich und flexibel sind, dafür viele Angebote, aber auch nicht so viele, dass man den Überblick verliert; hohe Kompatibilität mit anderen Konfessionen, transparente Preisgestaltung und möglichst kurze Vertragslaufzeiten; maximale Kundenorientierung eben.

Es klingt wahrscheinlich verrückt, aber in seinen Ursprüngen hatte das Christentum einen wichtigen Vorteil in seiner Anwenderfreundlichkeit.

Schon vor Jesus von Nazareth waren nämlich manche Griechen und Römer fasziniert vom Glauben an den Gott Israels – den einen, den Allmächtigen und Barmherzigen, den Schöpfer von Himmel und Erde. Aber dem Judentum beizutreten war schwierig. Die Vielzahl allein der rituellen Pflichten und Gebote konnte einen leicht überfordern.

Für Viele war deshalb der Glaube an Jesus Christus eine Art benutzerfreundliches Judentum ohne Beschneidung, ohne Speisegebote, ohne Tempelkult. Verlangt wurde trotzdem noch viel.

Für Christen waren andere Götter tabu; genauso die Tötung von Kindern und Sklaven, Prostitution und sogar Ehescheidung – alles Dinge, die in der Antike völlig normal waren. Aber gerade dieser hohe Anspruch an das eigene Verhalten machte das Christentum auch interessant.

Ich glaube: Im Grunde ist es noch heute so. Benutzerfreundlichkeit ist ein ganz wichtiger Faktor auch für Glaubensgemeinschaften. Sie müssen leicht erreichbar sein, zugänglich, aufnahmebereit und dürfen von den Mitgliedern nichts Unmögliches verlangen.

Aber eine Religion, die überhaupt nichts von mir erwartet, die weder Grenzen setzt noch Wege weist, die ist am Ende nicht anwenderfreundlich, sondern überflüssig.


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Dieser Beitrag wurde am 10.11.2022 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Bernhard Holl ist seit 2014 Priester im Erzbistum Berlin. Er studierte Geschichte in Leipzig und Berlin sowie Theologie in Erfurt und Buenos Aires. Neben seiner Tätigkeit als Seelsorger forscht und publiziert er zu kirchenhistorischen Themen. 2022 Promotion in Religionswissenschaft an der Universität Potsdam. Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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