Wort zum Tage, 09.11.2022

Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Blick lenkt Richtung

Wer wie ich gerne Motorrad fährt, der kennt ihn, den richtungslenkenden Blick. Schon in der Fahrschule bekommt man beigebracht: wohin der Blick geht, dahin fährt auch das Motorrad.

Das ist für Anfänger wichtiger, als es zunächst mal klingt. Biege ich nämlich in eine scharfe Kurve ein, schaue ich unwillkürlich zur Seite, ob mich die Fliehkraft nicht aus der Bahn wirft.

Aber nur, wenn ich es schaffe, ans Ziel zu schauen, fliege ich nicht aus der Kurve. Und wenn ich auf ein Hindernis zusteuere, dann wird mein Blick fast magisch davon angezogen; um es sicher zu umfahren, muss ich aber die Lücke sehen.

Von diesem Blick, der die Richtung lenkt, sprach ganz oft Bernd. Bernd war schon viele Jahrzehnte vor mir Seelsorger und begeisterter Motorradfahrer. Kennengelernt haben wir uns in der Gruppe „Christ und Motorrad“ in Berlin.

Laut Bernd hat dieses technische Prinzip des richtungslenkenden Blicks eine noch viel tiefere Bedeutung. Im Leben gibt es auch so einen Blick, der die Richtung vorgibt. Wenn man sich zu sehr auf die Hindernisse und Probleme fixiert, dann übersieht man womöglich den Weg, der einem freie Bahn bietet. Und wer kein endgültiges Ziel vor Augen hat, dem wird es auch schwerfallen, die richtige Richtung einzuschlagen.

Für uns Christen ist Jesus Christus dieses Ziel, das uns die Richtung zeigt. Unser Kompass im Leben ist also nicht so sehr ein abstraktes Prinzip oder ein umfangreiches Regelwerk, sondern eine ganz konkrete Person.

Jesus ist das Vorbild. So wie die Bibel von ihm erzählt, kann man ihn sich gut vorstellen: Fest in seinen Prinzipien und zugleich immer bereit, den anderen zu vergeben; selber genügsam bis zur Armut und dabei um das Wohl aller anderen besorgt; ohne Angst vor den Großen und ohne Überheblichkeit gegenüber den Kleinen.

Nicht jede Daumenregel und jede Lebensweisheit trifft immer zu. Und nicht jedes moralische Problem lässt sich auf die gleiche Weise lösen. Aber die Bewunderung für Jesus, diesen weisen, gütigen und bescheidenen Mann, die lenkt meinen Blick und mein Denken und Handeln immer wieder in die richtige Richtung.

Ich denke oft an diesen Ratschlag von Bernd – wenn ich in eine besonders steile Kurve einbiege oder mit aller Konzentration an einem Hindernis vorbeischaue; aber auch dann, wenn im Leben wichtige Entscheidungen anstehen: Wo soll es am Ende wirklich hingehen? Und was bringt mich näher heran an dieses Ziel?


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Dieser Beitrag wurde am 09.11.2022 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Bernhard Holl ist seit 2014 Priester im Erzbistum Berlin. Er studierte Geschichte in Leipzig und Berlin sowie Theologie in Erfurt und Buenos Aires. Neben seiner Tätigkeit als Seelsorger forscht und publiziert er zu kirchenhistorischen Themen. 2022 Promotion in Religionswissenschaft an der Universität Potsdam. Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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