Wort zum Tage, 08.11.2022

Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Die zwei Bettler

Eine alte Geschichte erzählt von zwei Bettlern, die vor einer Kirche stehen. Der eine ruft:

„Habt Mitleid mit einem armen Christen, der in Not geraten ist!“

Und er bedankt sich jedesmal überschwänglich, wenn jemand ihm etwas gibt. Der andere Bettler schreit dagegen:

„Her mit dem Geld, ihr Geizhälse! Seht ihr nicht, dass ich Hunger habe?“

Die meisten Leute, die aus dem Gottesdienst kommen, geben demonstrativ dem bescheidenen Bettler eine großzügige Summe und ignorieren den frechen Schnorrer so gut sie können.

Am Ende kommt auch der Pfarrer aus der Kirche. Er gibt beiden Bedürftigen eine Spende und hat für den aufdringlichen Bettler noch einen guten Rat:

„Gott segne Sie, aber wenn Sie erlauben: Ich glaube, sie würden mehr bekommen, wenn Sie ein weniger höflicher wären!“

Nachdem der Pfarrer gegangen ist, sagt der eine Bettler augenzwinkernd zum anderen:

„Wirklich, ein herzensguter Mann!“

„Ja“,

sagt der andere,

„aber vom Betteln versteht er überhaupt nichts...“

Ich könnte mir ja vorstellen, dass der Pfarrer den Trick der beiden Bettler irgendwann doch noch durchschaut. Die Kirche macht es nämlich seit einiger Zeit ganz ähnlich.

Früher hat oft derselbe Priester der Gemeinde am Karfreitag die Hölle heiß gemacht mit einer Bußpredigt, die nach Feuer und Schwefel roch – und am Weißen Sonntag war dann vom Barmherzigen Vater die Rede, der alle, alle in die Arme schließt.

Aber inzwischen haben sich auch die Geistlichen diese Rollen aufgeteilt. Der eine spielt am liebsten den unbeugsamen Propheten und stellt sich dem Zeitgeist einer gottlosen Welt entgegen. Der andere gibt dafür den aufgeklärten Reformer mit dem Ohr ganz dicht am Puls der Zeit.

Einziger Unterschied: In der Kirche sind die Rollen nicht abgesprochen! Viele Seelsorger halten sogar überhaupt nichts von ihrem Bettler-Kollegen und merken nicht, dass die eigene Masche nur im Kontrast funktioniert.

Der strenge Verkünder der zeitlosen Glaubenswahrheit braucht als Widerpart die heillose Welt, die vermeintlich völlig aus dem Ruder läuft. Und der verständnisvolle, barmherzige Reformer braucht als Gegenstück die angeblich verknöcherte Amtskirche, der es nur um Regeln und Gesetze geht.

Ich glaube, nicht nur wir in der Kirche wünschen uns manchmal heimlich: Ach, wenn die anderen Menschen doch mehr so wären wie ich! Was uns manchmal gar nicht so auffällt? Dass meine Entscheidungen, Einsichten und Überzeugungen vielleicht wirklich super sind – aber wenn alle sie teilen würden, wären sie auch nichts Besonderes.


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Dieser Beitrag wurde am 08.11.2022 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Bernhard Holl ist seit 2014 Priester im Erzbistum Berlin. Er studierte Geschichte in Leipzig und Berlin sowie Theologie in Erfurt und Buenos Aires. Neben seiner Tätigkeit als Seelsorger forscht und publiziert er zu kirchenhistorischen Themen. 2022 Promotion in Religionswissenschaft an der Universität Potsdam. Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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