Wort zum Tage, 07.11.2022

Kaplan Bernhard Holl, Berlin

Jesus-Tarif

400.000 Dollar – so viel würde es mich in etwa kosten, den ehemaligen Präsidenten Barack Obama zu mir nach Hause einzuladen. Klingt viel, aber die Hollywood-Schauspielerin Selena Gomez verlangt mindestens das Doppelte. Da ist ein Besuch der Sängerin Sarah Connor für schlappe 80.000 Euro fast schon günstig.

Für viele Prominente kursieren solche Zahlen, weil es da eine echte Nachfrage gibt. Manchen Leuten ist es das Geld einfach wert, wenn dafür ein weltberühmter Star auf ihrer Party freundlich in die Runde lächelt.

Mir persönlich wäre das ja nicht so wichtig. Oder doch? Wie viele Christen bete ich manchmal vor dem Essen:

„Komm Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast!“

Da rechnet keiner wirklich damit, dass als nächstes der Sohn Gottes hereinkommt. Aber einfach mal angenommen, man könnte ihn buchen – den größten Promi, den das Christentum kennt, live und in Farbe – was würde der wohl als Gage für den Abend verlangen?

Wenn er heute noch so drauf wäre wie damals, dann wahrscheinlich nichts. Jesus ließ sich gerne einladen, von allen möglichen Leuten, armen und reichen. Also, warum nicht auch von mir? Allerdings käme Jesus bestimmt nicht allein.

Er würde mindestens seine zwölf besten Freunde mitbringen, die ihn ständig begleiten; womöglich auch noch seine Mutter und ein paar Verwandte, die gerade in der Gegend sind. Wahrscheinlich würde er auch eine ganze Reihe Prostituierte vom Straßenstrich einladen, Obdachlose vom Bahnhof dazu holen und vielleicht einige Arbeiter aus der nächsten Behinderten-Werkstatt.

Das Reich Gottes ist schließlich besonders für die Armen und Verachteten da, und wo Jesus zum Essen einkehrt, da fängt dieses Reich Gottes an. Wie könnte ich da jemanden wegschicken? Und wenn es Jesus bei mir gefiele, dann würde er sicher auch ein paar Tage bleiben.

Erst wenn es mir wirklich zu viel wäre, würde er sagen: Du hast recht, jetzt reicht es. Aber weißt du was? Verkauf doch einfach deinen ganzen restlichen Besitz! Gib das Geld den Armen, lass dieses alte belanglose Leben hinter dir und schließ dich uns an!

Okay, unterm Strich wäre Jesus also auch nicht billiger als ein Hollywood-Star oder ein Spitzenpolitiker. Aber einen Unterschied gäbe es doch. Jesus würde auch mit mir am Tisch sitzen wollen, wenn ich zu arm wäre, um ihm einen Kaffee auszugeben oder zu einsam, um irgendwen sonst einzuladen.

Er würde auch mit mir feiern wollen, wenn er mich dazu auf die Party eines Reichen begleiten müsste. Es würde ihm nicht um mein Haus oder mein Geld gehen, sondern um mich.


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Dieser Beitrag wurde am 07.11.2022 gesendet.


Über den Autor Kaplan Bernhard Holl

Bernhard Holl ist seit 2014 Priester im Erzbistum Berlin. Er studierte Geschichte in Leipzig und Berlin sowie Theologie in Erfurt und Buenos Aires. Neben seiner Tätigkeit als Seelsorger forscht und publiziert er zu kirchenhistorischen Themen. 2022 Promotion in Religionswissenschaft an der Universität Potsdam. Kontakt: bernhard.holl@erzbistumberlin.de

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