Am Sonntagmorgen, 06.11.2022

Martin Korden, Bonn

Urne oder Sarg? Warum es lohnt, die christliche Begräbniskultur neu zu entdecken

Knapp drei von vier Leichnamen finden in Deutschland heute in der Urne die letzte Ruhe. Das ist kostengünstiger, aber hilft es auch der Trauerbewältigung? Die Katholische Kirche verbietet die Urnenbestattung nicht mehr, empfiehlt aber offiziell die Sargbestattung als bevorzugte Form. Warum ist das so? 

© Kool Shooters / Pexels

Im Christentum gibt es seit frühester Zeit die Zählung der sogenannten „Werke der Barmherzigkeit“. Das sind sieben Handlungen, die als wesentliche Taten einer konkret gelebten Nächstenliebe gelten.

Dazu gehören: Hungernde speisen, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen… man möchte sagen, das Naheliegende. Doch das letztgenannte Werk der Barmherzigkeit wird viele überraschen. Es lautet: Tote begraben.

An wem soll hier konkret die Liebestat geübt werden. Am Toten? Der – so sollte man meinen – doch selbst gar nichts mehr davon mitbekommt? Es mag auch deshalb in der Reihung auffallen, weil wir in einer Zeit leben, in der Viele einen Sterbefall möglichst schnell und geräuschlos abwickeln wollen.

Warum Tote begraben werden

Tote begraben – aus christlicher Sicht ist das ein Dienst der Barmherzigkeit an den Hinterbliebenen und den Verstorbenen. Dabei geht es um die Achtung der Menschenwürde auch im Tod, das Ehren des Verstorbenen, es geht um Solidarität und das zum Ausdruck bringen einer Hoffnung.

Die christliche Begräbniskultur gibt all dem Ausdruck. In den letzten Jahrzehnten ist sie in der üblichen Bestattungspraxis mehr und mehr relativiert oder gar verdrängt worden – doch es lohnt sich, sie mit all ihren Facetten wieder neu zu entdecken, denn der Tod ist etwas Heiliges.

„Ich glaub‘, dass der Tod zu den ganz großen Ereignissen in unserem Leben gehört. Und es ist ja auch nach wie vor ein riesiges Geheimnis, was passiert um unseren Tod herum. Der Tod, die Bestattung, die Sorge um die Sterbenden und die Fürsorge für die Toten ist einfach immer heilig, ein großer Liebesdienst und eben auch eine spirituell – ich will jetzt nicht sagen prekär, wie kann man das positiv formulieren? – entscheidende Zeit.“

Das sagt Barbara Rolf, einst Deutschlands Bestatterin des Jahres. Die katholische Theologin aus Freiburg will Menschen im Trauerfall helfen, dass der Abschied von einem nahestehenden Angehörigen seinen würdigen Rahmen bekommt und die Bestattung nicht zu einer rein geschäftlichen Frage wird. Denn Frau Rolf weiß:

„Wir kommen nicht drumherum. Klar, können wir es versuchen, aber letztendlich wenn wir einen Trauerfall haben, dann haben wir den und es wird uns besser gehen, wenn wir durchgehen statt zu versuchen, dran vorbei, weil es funktioniert eben einfach nicht, weder am Trauerfall noch am eigenen Sterben.“

Urne oder Sarg: Auch eine Frage des Geldes

Barbara Rolf hat erfahren, dass Angehörige später oft bitter bereuen, wenn man der Trauer keinen angemessenen Raum geschenkt hat. Und nicht selten sind es auch konkrete Formen der Bestattung, die hinterher als nicht stimmig erkannt werden.

Das kann die Bestattung in einem abgelegenen oder gar anonymen, nicht mehr auffindbaren Grab sein. Und nicht zuletzt kann auch die Urnenbestattung dazu gehören, die seit vielen Jahren immer üblicher geworden ist. Frau Rolf betont, dass es für jede dieser Formen auch gute Gründe gibt, aber sie vermutet, dass in vielen Fällen „niedere Beweggründe“ ausschlaggebend waren.

Und obwohl sie selbst einmal feuerbestattet werden möchte, ist sie sich sicher: Wären die Kostenunterschiede zwischen einer Erd- und einer Feuerbestattung nicht so gravierend und gäbe es auch für Beerdigungen im Sarg mehr Alternativen – dann gäbe es viel weniger Urnenbestattungen.

Während im Jahr 1960 in Westdeutschland die Zahl der Urnen-Bestattungen bei nur 10 Prozent lag, sind es im Jahr 2020 deutschlandweit 76 Prozent. Die Erdbestattungen sind dagegen von einst 90 auf 24 Prozent gefallen. Dabei gibt es regionale Unterschiede.

Im Osten Deutschlands geht die Zahl der Beerdigungen im Sarg gegen Null. Die Kosten schwanken ebenfalls. Doch während eine einfachste Urnenbestattung schon ab etwa 500 Euro zu haben ist, beginnen die Kosten für die Sargbestattung im Schnitt bei knapp 4000 Euro[1].

Ehrfurcht vor dem toten Leib

Barbara Rolf vertritt nach 20 Jahren im Bestattungswesen zwei Thesen, die aufhorchen lassen: Das Verhältnis zwischen Sarg und Urne wäre ein ganz anderes, wenn Menschen völlig frei von finanziellen Erwägungen entscheiden könnten. Und damit verbunden: Dass eine Sargbestattung überhaupt teurer ist als eine Bestattung in der Urne, ist in dieser Dimension ungerechtfertigt.

„Auf jeden Fall, im Grunde sind die Argumente, die die Feuerbestattung günstiger machen als die Erdbestattung, meines Erachtens an den Haaren herbeigezogen oder sagen wir mal auf jeden Fall zu widerlegen. Wenn mir einmal sagen: Für eine Erdbestattung brauchen wir einen hochwertigeren Sarg, so erschließt sich mir das überhaupt nicht. Ich habe sehr viele Erdbestattungen in einfachsten Särgen durchgeführt, das ist überhaupt kein Problem.

Ich hab‘ als Bestatterin bei der Feuerbestattung eher mehr zu tun, das heißt es kommt ja noch die Krematoriums-Überführung hinzu. Ich hab‘ auch mehr Formalitäten. Dann die amtsärztliche Untersuchung, das fällt alles bei der Erdbestattung weg. Für mich ist eine Erdbestattung eigentlich weniger aufwändig. Deswegen fände ich es gerechtfertigt, wenn man überhaupt Preisunterschiede macht als Bestattungsunternehmen, sogar die Feuerbestattung höher zu bepreisen.“

Wohlgemerkt: Barbara Rolf spricht hier von den eigentlichen Bestatterkosten, bei den Folgekosten auf den Friedhöfen sieht es anders aus. Doch warum geht sie davon aus, dass das Verhältnis Urne-Sarg ein anderes wäre, wenn die Kosten angepasst wären?

Sie sagt: Der Gedanke, den Leib des Verstorbenen zu verbrennen, wird von vielen Menschen als nicht natürlich wahrgenommen. Sie erinnert sich dabei an ein Trauergespräch mit Frau und Sohn eines Verstorbenen im Vorfeld der geplanten Urnen-Bestattung:

„Und wir waren echt schon fast fertig, alle Formulare, ich kann es Ihnen sagen, da fängt der so bitter an zu weinen, der erwachsene Sohn, und sagt: ‚Mama, ich kann es nicht. Ich kann den Papa nicht verbrennen lassen. Ich versuche die ganze Zeit, mich zusammenzureißen, aber ich dreh‘ durch bei dem Gedanken. Mach den bitte nicht kaputt. Klar ist er tot, aber er hat doch seine Gestalt noch.‘ Und er sagt: ‚Ich kann jetzt nicht auch noch die Gestalt hergeben.‘“

Was der Sohn im Trauergespräch nicht mehr zurückhalten konnte, war auch ein Empfinden schon der frühen Christen. Die Ehrfurcht vor dem Leib des Menschen, auch des Toten, brachte sie zu der Überzeugung, dass eine Feuerbestattung als bewusst herbeigeführte Zerstörung des Leibes, unwürdig sei.

Der Leib steht für gelebtes Leben

Der Akt, den toten Leib dagegen in ein Grab zu legen, ihn sozusagen seinem Schöpfer zurück zu geben, galt von Anfang an als angemessenere Form. Dabei spielte die Erfahrung von der leiblichen Auferstehung Jesu eine Rolle. Leib und Seele gehören zusammen. Der Leib gilt im Christentum nicht einfach nur als eine zeitlich begrenzte Hülle der unsterblichen Seele – wie bei manchen Philosophen.

Der Leib ist hier vielmehr Ausdruck des gelebten Lebens. Natürlich gingen auch Christen davon aus, dass ihre Verstorbenen im Grab verwesen würden und eine Feuerbestattung stand dem Glauben an die Auferstehung nie im Wege, doch die geheimnisvollen Begegnungen mit dem Leib des Auferstandenen und der Glaube, dass in Jesus Gott selbst menschlichen Leib angenommen hatte, führten zur besonderen Ehrfurcht vor dem Körper – auch im Tod.

Bei christlichen Beerdigungen gibt es seit frühester Zeit einen Satz, der diese Überzeugung eindrucksvoll ins Wort bringt:

 „Dein Leib war Gottes Tempel – der Herr schenke dir nun die ewige Freude.“

Dabei wird der Leichnam zum Abschied am Grab mit Weihrauch geehrt, mit diesem schon im Orient verwendeten Zeichen der Wertschätzung und Hochachtung.

Die katholische Kirche und die Feuerbestattung

Zwar gab es auch in der jüdischen Tradition, aus der die Christen hervor gingen, die Erdbestattung. Als aber das Christentum mit den heidnischen Kulturen zusammentraf, wurde die Erdbestattung zu einer der wesentlichsten Merkmale der neuen Religion. Die darin betonte Wertschätzung des Verstorbenen überzeugte so sehr, dass z.B. Römer und Germanen die bis dahin gängige Verbrennung der Toten bald aufgaben.

Dabei ging die Kirche lange Zeit nie aktiv gegen Feuerbestattungen vor, und erkannte auch Situationen an, in denen die Verbrennung gerechtfertigt sein konnte, etwa zur Abwehr einer Seuche.

Erst als in der Zeit der Aufklärung die Feuerbestattung als bewusste Abgrenzung vom Christentum gewählt wurde, verbot die Kirche sie in einer Gegenreaktion.

Das gilt heute nicht mehr. Die Katholische Kirche lehnt die Urnenbestattung ausdrücklich nicht ab. Aber offiziell empfiehlt sie weiterhin die Erdbestattung. Gerade auch aus Gründen der Trauerbewältigung.

Loslassen lernen: Hier hilft der Sarg

Der wohl emotionalste Moment bei der christlichen Beerdigung ist die Absenkung des Sarges in die Erde – begleitet mit den Worten:

„Wir übergeben den Leib der Erde.“

In diesem Moment wird die endgültige Trennung vom Verstorbenen deutlich. Die Klarheit dieses Rituals und der dabei entstehende Schmerz gehören wesentlich zur Trauerbewältigung dazu. Rein rational ist sie schwer möglich.

Das käme eher einer Verdrängung gleich, die fatal ist, weil die Trauer dann unverarbeitet keinen Abschluss finden kann. Es braucht das Ritual des Loslassens. Hier hilft der Sarg. Denn die Urne kann man emotional kaum in Verbindung bringen mit der konkreten Person. Sie bleibt unwirklich.

Trauer zeigen, mit Trauer umgehen

Die Bestatterin Barbara Rolf verweist dabei auf Kinder als treffsicheren Gradmesser:

„An der Reaktion von Kindern können wir das sehr gut ablesen, wenn die ganz irritiert bei der Urnentrauerfeier stehen und sagen: Und wo ist jetzt der Opa? Die Frage stellen sie am Sarg nicht, das ist irgendwie dann klar. Und ich glaube, diese Irritation, gemütsmäßig haben die die Erwachsenen auch, die verhalten sich halt nicht so.

Insgesamt kann ich sagen, der Schritt vom Lebenden und der Begegnung mit dem Lebenden hin zur Urne, der ist zu groß. Den kann so gut wie niemand wirklich leisten.“

Im Fall einer Feuerbestattung empfiehlt Barbara Rolf darum eine Art Verabschiedungsritual in Anwesenheit des Leichnams im Sarg oder sogar noch am Totenbett. 

„Die Bestattung fand im engsten Familienkreis statt.“

Bei der Bekanntmachung eines Sterbefalls liest man diesen Satz immer häufiger. Tote begraben als christlicher Liebesdienst setzt dagegen bewusst auf die Möglichkeit einer breiten Beteiligung. Der Verstorbene gehörte nicht nur seinem engsten Umfeld. Auch Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen sollen Abschied nehmen dürfen.

Was für Angehörigen manchmal wie eine Zumutung erscheint, entpuppt sich oft als ungemein tröstlich und ergreifend, wenn Angehörige sehen:

„Es gibt so viele Menschen, die unserem Verstorbenen nahestanden, die den letzten Weg mit uns gegangen sind, die für ihn mitgebetet haben.“

Sich gerade als trauernder Mensch anderen zeigen zu können, ist auch eine Hilfe, wie Barbara Rolf betont.  

„Trauer ist ja an sich was ganz Gesundes, auch wenn es ganz starke Trauer ist. Und es ist einfach besser, wenn das raus darf und es auch gesehen wird, dass da ein Gegenüber ist, das es sieht und darauf reagiert: anteilnehmend, unterstützend, entlastend, wie auch immer.“

Wie viel Platz hat die Trauer heute noch?

Lange Zeit war es in unserer Gesellschaft üblich, dass Angehörige Schwarz trugen nach einem Trauerfall. Heute wird das eher als altmodisch belächelt. Natürlich muss es authentisch bleiben und darf nicht vorgeschrieben sein. Doch dieser Brauch gab etwas eigentlich Selbstverständlichem Ausdruck. Nämlich der Erwartung einer Solidarität im Sterbefall. Schwarze Kleidung stand dann auch für die Botschaft:

„Gebt mir Raum, erwartet gerade nicht zu viel von mir und steht mir bei.“

Trauer hatte damit einen Platz in der Gesellschaft.

Es gäbe noch viel über die Prinzipien einer christlichen Bestattungskultur zu sagen; etwa gegenüber der Zunahme anonymer Bestattungen oder der bewussten Auswahl eines Grabes, das unauffindbar bleibt. Die Kirche sieht darin keine Lösung, die dem Trauerprozess dient.

Es braucht Orte, es braucht Namen, es braucht die Erinnerung und die Rituale, die helfen beim Loslassen des Verstorbenen und beim Festhalten an der Hoffnung. An der Hoffnung, dass der Tote bei Gott nicht vergessen ist, dass – wie der Philipperbrief der Bibel beschreibt – jeder Name im Buch des Lebens verzeichnet ist. Tote angemessen zu begraben ist darum ein „Werk der Barmherzigkeit“.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Dustin O’Halloran – Arrival

Ramin Djawadi – Light of the seven

Dustin O’Halloran – Arrival

Dustin O’Halloran – Arrival

Nicolo Spera – Cuentos de la juventud, Dedicatoria


[1] Statistiken aus: Ahorn Gruppe. „Sterbereport 2022“.


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Dieser Beitrag wurde am 06.11.2022 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Eine erste Hörfunkausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie. Es folgte das journalistische Volontariat bei der Katholischen Fernseharbeit und eine langjährige Tätigkeit für DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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