Morgenandacht, 04.11.2022

Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Das Beste kommt noch

Eine alte Dame, die ihre letzten Dinge regeln wollte, bat den Pfarrer um einen Besuch, um alles mit ihm zu besprechen: Liedauswahl und Bibeltexte bei der Trauerfeier, welches Kleid sie dann tragen wollte und dergleichen mehr.

Als der Pfarrer schon gehen wollte, fiel ihr plötzlich noch etwas Wichtiges ein.

„Und ich möchte gern eine Gabel in der rechten Hand halten!“

Der Pfarrer sah sie verwundert an. Die Frau begann zu erklären:

„Wissen Sie, in all den Jahren, in denen ich die geselligen Veranstaltungen in der Gemeinde besucht habe, sagte jemand, wenn die Teller vom Hauptgang abgeräumt wurden: 'Behaltet aber eure Gabeln!' Das war für mich der schönste Augenblick, denn dann wusste ich, dass noch etwas Besseres kam, wie zum Beispiel ein samtiger Schokoladenkuchen oder ein schöner Apfelstrudel. Darum sollen mich die Leute mit einer Gabel in der Hand liegen sehen und sie sollen sich fragen, was das bedeutet. Und dann sollen Sie ihnen sagen: 'Behaltet eure Gabeln - das Beste kommt noch!'"[1]

Ich mag diese Geschichte, weil sie etwas von der Unheimlichkeit der sogenannten „letzten Dinge“ wegnimmt – und zumindest in Frage stellt, ob das überhaupt die „letzten“ Dinge sind!?

Es geht dabei ja nicht nur um eine Idee des Christentums, die Hoffnung auf ein „danach“ gibt es wohl seit Menschengedenken! Heute vor genau 100 Jahren entdeckte der britische Ägyptologe Howard Carter im Tal der Könige in West-Theben das nahezu ungeplünderte Grab von Tutanchamun, dem altägyptischen Pharao, der im 14. Jahrhundert v. Chr. regierte.

Gefunden wurden jede Menge Grabbeigaben wie die berühmte goldene Totenmaske, goldene Schmuckstücke, ein großer Fächer, Jagdutensilien und Weinkrüge. Gegenstände, die seine Würde zum Ausdruck bringen, aber auch Ausdruck der Hoffnung sind, dass er diese Gegenstände in irgendeiner Weise nochmal brauchen könnte.

Schaue ich in die Bibel, dann gibt es da eine deutliche Entwicklung: von der trüben Aussicht einer freudlosen Unterwelt bis hin zu hoffnungsvollen Jenseitsvorstellungen. Im Buch des Propheten Jesaja finden sich dazu diese sehr schönen Gedanken:

„Der HERR der Heerscharen wird (…) für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den feinsten, fetten Speisen, mit erlesenen, reinen Weinen. Er verschlingt (…) die Hülle, die alle Völker verhüllt, und die Decke, die alle Nationen bedeckt. Er hat den Tod für immer verschlungen und GOTT, der Herr, wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen.“

(Jes 25,6-8)

Auf einer antiken römischen Grabstätte fanden Archäologen das Wort „depositum“ in Stein gemeißelt. Bei diesem Wort handelt es sich um einen Fachbegriff aus dem Bereich der römischen Vermögensverwaltung: Wenn damals jemand für längere Zeit verreiste, überließ er einem anderen sein Hab und Gut. Er öffnete zur Verwahrung ein „Depot“.

Sobald der Eigentümer wieder zurückkam, erhielt er sein Hab und Gut zurück. Die Archäologen fanden heraus, dass die mit „Depositum“ gekennzeichneten Gräber Christen gehörten – also denen, die daran glauben, dass das Grab nur eine vorübergehende Stätte für die Verstorbenen sein wird.

In der Begleitung von Menschen an der Lebensgrenze habe ich schon oft erfahren, dass es natürlich zwar nicht klar ist, was danach kommt, aber dass es ganz tief im Inneren eine Hoffnung gibt, die nicht in Worte zu fassen ist.

Ob Kuchengabel, Weinkrug oder leuchtende Kerze: Diese Hoffnung hat damit zu tun, dass das Beste noch kommt!


[1] Vgl. https://unendlichgeliebt.de/2011/01/02/behalte-die-gabel-das-beste-kommt-erst-noch/ (abgerufen am 23.10.2022)


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 04.11.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche