Morgenandacht, 03.11.2022

Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Frag die Alten

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“

So lautet der Titel eines Buches von Joachim Fuchsberger aus dem Jahr 2011. Es beginnt mit der Beobachtung, wie lange er nun für das Treppensteigen in den ersten Stock seines Hauses braucht. Und er kommt zu dem Schluss

„An schlechten Tagen brauchst du also für den Aufstieg in die obere Etage deines Hauses etwa zehnmal so lang. Damit wäre ein wesentlicher Teil des „Altwerdens“ bereits beschrieben. Es ist das Verhältnis von Kraft und Zeit.“[1]

In Berufsfachschulen für Gesundheits-, Alten- und Krankenpflege gibt es einen Anzug, um das Alter zu simulieren. In diesen Anzug sind an verschiedenen Stellen Gewichte eingebaut, um einen Eindruck von den nachlassenden Kräften im Alter zu vermitteln: Da gibt es Vorrichtungen zur Einschränkung der Beweglichkeit von Arm- und Kniegelenken, Gehördämpfer simulieren reduziertes Hörvermögen.

Die Veränderungen des Sehvermögens werden durch spezielle Brillen erlebbar. Ich habe so einen Anzug schon mal angehabt und kann mir seitdem annähernd vorstellen, was Joachim Fuchsberger mit seinem Satz meint: Altwerden ist nichts für Feiglinge!

Und doch ist Alter nicht nur ein unglücklicher Umstand menschlichen Lebens, es gibt auch noch ganz andere Nuancen. Vor ein paar Wochen habe ich den Dirigenten Herbert Blomstedt bei den Berliner Philharmonikern erlebt. Blomstedt ist 95 Jahre alt.

Durch einen Sturz ist er nun deutlich wackliger unterwegs als noch vor einem Jahr. Aber damit ist er gut umgegangen: der Konzertmeister hat ihn hereingeführt, dirigiert hat Blomstedt im Sitzen – ohne Noten wohlgemerkt!

In einem Zeitungsbericht las ich kurz vor seinem 95. ein Interview mit dem schwedischen Dirigenten, darin sagt er:

„Mir geht es unverschämt gut. Ich habe gerade ein bisschen Husten, aber das geht vorüber. Hoffentlich huste ich nicht im Konzert. Ich fühle mich glänzend, bin sehr dankbar.“[2]

Auch an Blomstedt geht das Alter natürlich nicht spurlos vorüber. Doch wenn er auf dem Podium steht, zieht er Orchester und Publikum in seinen Bann. Ohne es auf langen Applaus anzulegen: der kommt trotzdem, extrem laut und extrem lang!

Ich überlege: Was ist es, was ihm diese unglaubliche Ausstrahlung gibt?
Ich finde einen tollen Gedanken in dem englischen Wort für Dirigent: Es heißt conductor – vom lateinischen conducere – zusammenführen.

Der Dirigent muss nicht aus den verschiedenen Instrumenten die Musik herausholen, das machen die Musiker. Der Dirigent sorgt für die Zusammenführung der einzelnen Stimmen. Er bewirkt, dass die Musikerinnen gut aufeinander hören! Sein hohes Alter und seine Gebrechlichkeit tun dem keinen Abbruch.

Im Gegenteil: Ich hatte bei dem Konzert sogar den Eindruck, dass das hohe Alter und die Gebrechlichkeit des Dirigenten die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit der Orchestermusiker noch beförderten.

Vielleicht hilft die Sensibilität eines großen Musikers, dass das Alter als geballte Lebensweisheit wahrgenommen werden kann, dass auch andere achtsamer, sensibler werden. Im Buch Deuteronomium des Alten Testamentes wird die Bedeutung des Alters so gewürdigt:

„Denk an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte! (…) Frag die Alten, sie werden es dir sagen.“

(Dtn 32,7)

Ja, es stimmt. Alte Menschen haben etwas zu sagen. Ich tu gut daran, aufmerksam hinzuhören!


[1] Joachim Fuchsberger, Altwerden ist nichts für Feiglinge, Goldmann-Verlag München 142014, S. 7.

[2] https://www.ndr.de/kultur/musik/klassik/Herbert-Blomstedt-95-Jahre-alt-und-geistig-fit-wie-eh-und-je,blomstedt296.html (abgerufen am 23.10.2022)


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Dieser Beitrag wurde am 03.11.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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