Morgenandacht, 02.11.2022

Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Allerseelen

„Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“

So lautet der Titel eines Filmes von Uberto Pasolini aus dem Jahr 2013. John May ist Angestellter der Stadt London. Seine Aufgabe ist es, für die Beerdigung von Menschen zu sorgen, die ohne Angehörige einsam verstorben sind.

Mr. May ist selbst ein sehr zurückgezogener Zeitgenosse. Meist ist er nicht nur der einzige Trauergast, er schreibt auch selbst die Trauerrede, die der Geistliche am Grab hält. Abends klebt er dann in seiner einsamen Wohnung sorgsam Bilder der Verstorbenen in sein privates Album.

Eines Tages wird Mr. May entlassen. Einen letzten Fall darf er allerdings noch zu Ende bringen: die Beerdigung von Billy Stoke. Anhand von Fundsachen aus der Wohnung kann Mr. May Stokes Freundin Mary, deren gemeinsame Tochter und eine weitere Tochter ausfindig machen.

Zudem entdeckt Mr. May Veteranen von Stokes Einsatz auf den Falklandinseln, Arbeitskollegen, Obdachlose und Sportsfreunde. Tragischerweise kommt Mr. May gegen Ende des Films bei einem Busunfall ums Leben, gerade als er sich frisch verliebt hat.

Mich rührt diese Geschichte sehr an. Zum einen wegen ihres sozialkritischen Hintergrundes. Zum anderen deshalb, weil Mr. May so unglaublich liebevoll mit den Verstorbenen umgeht.

Bei jedem Verblichenen versucht er durch Gegenstände und Bilder aus der Wohnung oder durch aufbewahrte Briefe herauszufinden, wer dieser Mensch ist. So möchte er die Würde des Verstorbenen noch einmal sichtbar machen.

Und dann treibt es Mr. May um, das Umfeld dieses Menschen abzuklopfen und dort irgendjemanden zu finden, der doch wenigstens noch zur Beerdigung kommen könnte.

Dies gelingt leider nur selten, am besten bei seinem letzten „Fall“, der Beerdigung von Billy Stoke. Obwohl die meisten der Gefragten zuerst ganz klar ihre Teilnahme abgelehnt hatten, finden sich am Grab alle von ihnen ein. Eine sehr bewegende Szene, die Mr. May ja nicht mehr erlebt.

Am Grab von Mr. May, der zeitgleich beerdigt wird, steht dagegen zunächst kein einziger Trauergast – bis zu guter Letzt wie von Geisterhand all die Personen, für die Mr. May immer gesorgt hat, an sein Grab treten – eine riesige Trauergemeinde!

Man könnte sagen, es ist ein märchenhaftes Happyend von einem nicht sehr freudvollen, nur 44jährigen Leben. Für mich ist es mehr: Dieser Schluss macht für mich sehr schön sichtbar, worum es am heutigen 2. November geht, den katholische Christen als den „Allerseelentag“ begehen: Es geht um die große Gemeinschaft der Lebenden und der Verstorbenen.

Durch den Tod sind sie zwar aus unserer unmittelbaren Reichweite genommen, aber die Beziehung und die Liebe, die uns mit ihnen verbindet, sind nicht einfach tot. Trauerforscher sprechen schon seit geraumer Zeit von den „continuing bonds“, den bleibenden, dauerhaften Bindungen, durch die wir mit Verstorbenen in Beziehung stehen.

Diese bleibende Beziehung macht einerseits den Schmerz der Trauer aus, auf der anderen Seite ist sie der Hintergrund für die christliche Überzeugung, dass die Existenz eines Menschen im Tod nicht kurzerhand ausgelöscht wird, sondern dass sie sich verwandelt – in ein Leben in der Gegenwart Gottes.

Der heutige Tag möchte – wie auch jeder Gang an das Grab eines lieben Menschen – nicht nur der Trauer Raum geben, um den Schmerz zu verarbeiten. Er möchte vielmehr ein Tag der Hoffnung sein, dass sich Liebe und Beziehung nicht beerdigen lassen.

Denn das Kostbare, das wir an unseren Verstorbenen schätzen, ist gut aufgehoben – bei Gott. Und bei ihm treffen wir uns wieder!


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Dieser Beitrag wurde am 02.11.2022 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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