Gottesdienst am 31. Sonntag im Jahreskreis

aus der Pfarrkirche St. Anna in Kleve-Materborn

Predigt von Pfarrer Philip Peters

„Sind Sie manchmal neugierig?“

Als ich diese Frage einmal jemandem stellte, antwortete er schlagfertig:

„Nein, neugierig bin ich nicht, ich habe lediglich Interesse an meinen Mitmenschen.“

Irgendwie, liebe Schwestern und Brüder, meinen wir, uns für unsere Neugier rechtfertigen zu müssen, wobei ich meine, dass man da unterscheiden muss. Natürlich gibt es – wie bei allem – ein „zu viel“: Wenn jemand anfängt, zu bestimmten Zeiten zu Hause zu sein, um ja nicht zu verpassen, wann beim Nachbarn die Jalousien heruntergehen, ist das wirklich eine Gier, die krankhaft ist.

Aber es gibt – davon bin ich überzeugt – auch eine gesunde Form der Neugier. Bei Kindern sagen wir das ja bisweilen auch:

„Das ist aber ein wirklich aufgewecktes und neugieriges Kerlchen.“

Ich denke, in diesem Sinne neugierig zu sein, ist gut, da es etwas mit Entdeckergeist, Offenheit und einem echten Interesse zu tun hat.

Der Zachäus, der uns gerade im Evangelium begegnet ist, war – glaube ich – auch in diesem Sinne neugierig. Wahrscheinlich hatte er schon einiges von Jesus gehört. Als nun die Runde machte, dass Jesus nach Jericho gekommen war, wollte Zachäus diese Gelegenheit unbedingt nutzen, um sich diesen Jesus einmal näher anzuschauen. Da er aber recht klein war und ihn nicht gut sehen konnte, kletterte er kurzerhand auf einen Baum, um von dort einen Blick auf Jesus zu erhaschen.

Diese Neugier zahlt sich für Zachäus aus. Er, der einen interessierten Blick auf Jesus werfen wollte, wird auf einmal selbst zum Angeblickten und spürt, dass dieser Jesus auch ein echtes Interesse an ihm hat. Diese Erfahrung bringt Zachäus völlig aus dem Häuschen. Er ist zwar gewohnt, dass sich seine Mitmenschen notgedrungen für den Zöllner Zachäus interessieren, da dieser die Macht hat, im Namen Roms Geld einzutreiben.

Nach dem Menschen Zachäus fragt aber eigentlich nie jemand. Bei Jesus ist das anders. Der Beruf ist ihm egal. Auch stört ihn nicht, dass damalige Zöllner in der Regel ziemliche Schlitzohren waren, was ja offenbar auch auf Zachäus zutrifft. Jesus sieht einfach den neugierig suchenden Menschen und schenkt ihm vorbehaltlos sein Interesse und seine Zeit.

Als Zachäus daraufhin vom Baum herabsteigt, kehrt er auf einen anderen Boden der Tatsachen zurück. Er weiß sich auf Mal angenommen und wertgeschätzt. Diese Erfahrung erfüllt ihn mit einer riesengroßen Freude und stimmt ihn so nachdenklich, dass er sein bisheriges Leben auf den Kopf stellt und sich bekehrt:

Siehe, Herr – so spricht Zachäus – die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.

Die Bekehrung des Zachäus macht somit deutlich: wer sich als Mensch wertgeschätzt weiß, kann diese Wertschätzung auch an andere weitergeben.

Von ganzem Herzen, liebe Schwestern und Brüder, wünsche ich auch Ihnen – gerade in diesen bewegten und schweren Zeiten – solche Begegnungen gegenseitiger Wertschätzung. Denn jeder Mensch lebt letztlich davon, geliebt zu werden und selber zu lieben.

Als Christen haben wir in diesem Zusammenhang eine wunderbare Botschaft. Wir dürfen nämlich glauben, dass die Begegnung Jesu mit Zachäus kein Einzelfall gewesen ist. Wenn Jesus wirklich von den Toten auferstanden und Sohn des lebendigen Gottes ist, lebt und liebt er auch heute jeden einzelnen von uns genauso wie er damals Zachäus geliebt hat.

Wie tief der Glaube an einen solchen Gott im biblischen Gottesbild verwurzelt ist, hat die heutige erste Lesung aus dem Buch der Weisheit mit einer an Einfachheit nicht zu überbietenden Logik ins Wort gebracht, wenn sie sagt:

Du (Gott) liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen.

Liebe Schwestern und Brüder, genau das ist das großartige Sinnangebot, das wir als Christen anbieten können: den Glauben an einen Gott, der in sich Liebe ist und der aus Liebe das gesamte Dasein ins Leben gerufen hat, um es am Ender der Zeiten in dieser Liebe zu vollenden.

Ich bin überzeugt: Wer dies wirklich glauben kann, weiß sich wie Zachäus bedingungslos angenommen und geliebt und wird so fähig, diese Liebe und Wertschätzung auch an andere wiederzuschenken.

Nun kann ich mir aber vorstellen, dass der eine oder die andere denkt: klingt ja alles sehr schön, aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich zu einem solchen Glauben und einer solchen Erfahrung kommen soll.

Schauen wir da noch einmal auf Zachäus. Ausgangspunkt war seine Neugier auf Jesus. Aller Reichtum und aller Wohlstand haben ihm dieses Interesse nicht genommen. Auch seine persönliche Grenze – seine kleine Statur – konnte ihn nicht davon abhalten, Ausschau nach diesem Jesus zu halten.

Bin ich neugierig auf Jesus? Was investiere ich, um ihm zu begegnen? Welche Grenzen müsste ich mir vielleicht eingestehen und auf welchen Baum könnte ich klettern, um auf mich, mein Leben und Jesus einmal eine neue und andere Perspektive zu gewinnen?

Zwar wird Jesus wohl nicht mit Haut und Knochen in meine Stadt kommen, aber Jericho ist überall; überall dort, wo ich in der Bibel von Jesus lese; überall dort, wo ich mit ihm spreche, d.h. bete oder die Sakramente empfange; überall dort, wo sich Menschen in seinem Namen versammeln, ob in einer Kirche oder im Radio; überall dort, wo Menschen in seinem Sinne handeln und wertschätzend miteinander umgehen; überall dort ist Jericho; überall dort kann ich dem lebendigen Gott begegnen, der mich geschaffen hat, weil er mich bedingungslos liebt und mich so befähigt, selbst zu lieben.

Liebe Schwestern und Brüder, es lohnt sich daher immer wieder und immer mehr, auf diesen Gott neugierig zu sein.
Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 30.10.2022 gesendet.





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