Am Sonntagmorgen, 19.04.2015

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

Auferstehung oder: das einzige, was zählt. Zur Erinnerung an unseren Autor Otto Hermann Pesch

Autorin
Unser langjähriger Autor Professor Otto Hermann Pesch ist am 8. September 2014, einen Monat vor seinem 83. Geburtstag, in München verstorben. Er hinterlässt ein großes theologisches Werk und eine Biographie, die man getrost als außergewöhnlich bezeichnen darf. 1972 schied er aus dem Dominikanerorden aus und gründete eine Familie. Danach wirkte er 23 Jahre lang als katholischer Theologieprofessor an der evangelischen Fakultät der Universität Hamburg. Ein einzigartiger Vorgang. Es bedarf kaum der Erwähnung, dass sich Otto Hermann Pesch, der Dogmatiker und systematische Theologe, ganz besonders für die Ökumene engagierte und als einer der ganz wenigen katholischen Lutherforscher galt. 

Ihm zu Ehren möchten wir heute noch einmal an seine vielbeachtete Ostersendung aus dem Jahre 2008 erinnern. Aufgrund der verlängerten Sendezeit damals, ist dies heute nur in Auszügen möglich.  Es handelt sich um einen Beitrag über das zentralste, wunderbarste und gleichzeitig schwierigste christliche Thema überhaupt: die Auferstehung Jesu.

Otto Hermann Pesch
Die Kunde von der Auferweckung Jesu bezieht sich auf einen jungen Mann, der mit einer - einmal ganz neutral betrachtet - ganz absonderlichen Idee erwartungsgemäß vollständig gescheitert ist.

Er hatte verkündet, Gott, der heilige Gott Israels, Herrscher über die ganze Welt und Richter über alle Menschen, habe sich unwiderruflich auf den Weg gemacht, die Verlorenen zu suchen, die Ungerechten, die Sünder, die sein Gesetz nicht halten, die in jeder Hinsicht Ausgegrenzten. Darin bestehe sein „Reich“, das nun, in seinem, Jesu Wirken beginne.

Das konnte nicht gut gehen. Sein Sterben war darum auch nicht der gelassene Weg in den Tod im Anblick einer großen Erfolgsgeschichte und Lebensernte. Es war auch nicht irgendeine Art von tragischem Heldentod. Jesus starb allein, verlassen von allen Schülern und Freunden, ausgenommen einige Frauen. Hingerichtet in kurzem Prozess von der Besatzungsmacht, um Unruhen an den Wallfahrtstagen zum höchsten Fest in Jerusalem im Keim zu ersticken.

Autorin
Kurze Zeit später aber geschieht Merkwürdiges. Die verängstigten und geflohenen Jünger sammeln sich, gründen eine Gemeinde, und zwar bald auch in Jerusalem, der Stadt der Gefahr. Das ist, so Pesch, auf jeden Fall eine historische Tatsache.

Und dann ist da noch die Geschichte vom leeren Grab.

Pesch
Die Nachricht ist glaubhaft. Aber Faktum ist auch, dass das leere Grab niemandem zum Glauben gebracht hat. Klar, denn dafür konnte es verschiedene Erklärungen geben: Umbettung, Wegschaffung durch die Jünger nach den Ostertagen, auch Diebstahl. Nur für Glaubende mag klar sein: Er ist verwandelt worden – wie auch die Christen hoffen, einmal, ihm ähnlich, verwandelt zu werden am Ende der Tage, wenn das Reich Gottes offenbar wird.

Fürwahr: die seltsamste Nachricht der Religionsgeschichte! Wir müssen uns daher gar nicht wundern, wenn wir bei all dem Fragen haben. Und dennoch schreibt Paulus den Korinthern in seinem ersten Brief:

„Wenn Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos, und ihr seid immer noch in euren Sünden…  Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen“ [1 Kor 15,17. 19].

Ein weiteres Faktum ist sicher: Alle vier Evangelien schließen mit farbigen Berichten von neuen Begegnungen des lebendigen Jesus mit seinen Jüngern. Zwischen diesen Geschichten bestehen solch erhebliche Unterschiede, dass sie unmöglich alle zugleich sich so zugetragen haben können, wie berichtet. Aber in einem Punkt sind sie alle einig: Jesus lebt und hat mit den Jüngern neue Gemeinschaft.

Nun wissen wir: Die Evangelisten schreiben für Christen der zweiten und dritten Generation, für Gemeinden, die fest an die Auferstehung Jesu glauben und ihre ganze Hoffnung auf ihn setzen. Sie beantworten Zusatzfragen. Und sie tun es nicht im Stil von hochgestochenen theoretischen Vorträgen, sondern indem sie Geschichten erzählen. Fast könnte man sagen: Die Evangelien sind das Osterzeugnis der Pfarrer, die eine gläubige Gemeinde leiten.

Autorin
Aber da gibt es noch eine dritte sichere Tatsache: Es ist mit Jesus jetzt alles anders als früher. Er erscheint von sich aus und verschwindet wieder. Er kommt durch verschlossene Türen. Es kann sogar sein, dass man ihn sieht und längere Zeit gar nicht erkennt. Und nach einiger Zeit hören diese Begegnungen auf und geschehen nie wieder. Damit steht auf jeden Fall fest: „Auferstehung Jesu“ heißt nicht: Jesus ist in dieses Leben zurückgekehrt.

Pesch
Wenn wir also nicht, wie die Gemeinden der Evangelisten, Zusatzfragen stellen, sondern erst einmal wissen wollen, was denn genau der Inhalt der Botschaft von der Auferweckung Jesu ist und was nicht, dann müssen wir im Neuen Testament nicht nach dem Glaubenszeugnis der „Pfarrer“ suchen, sondern nach dem der Missionare. Das finden wir in den zahlreichen manchmal kurzen, manchmal auch etwas ausführlicheren Bekenntnisformeln, die die Schriftsteller und Briefschreiber beiläufig oder sogar feierlich zitieren. In einem Bekenntnis erzählt man keine Geschichten, sondern sagt mit kurzen, nüchternen Worten, worauf es ankommt. In Bezug auf die Auferstehung Jesu ist das berühmteste das Glaubensbekenntnis, das Paulus im 15. Kapitel des ersten Briefes an die Korinther zitiert. Es lautet:

„Ich habe euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas  („Kephas“ ist Petrus), dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als letztem erschien er auch mir…“ [1 Kor 15,3-8].

Nichts vom leeren Grab, nichts von gemeinsamen Mahlzeiten, nichts von gemeinsamer Wanderung, – und schon gar nichts vom Vorgang der Auferweckung selbst, vom Übergang des gestorbenen Jesus in sein Leben bei Gott. Nur: Gestorben gemäß der Schrift, begraben (also wirklich tot!), auferweckt. Und dann mehrmals Einzelpersonen oder einer Gruppe von Personen erschienen – aber ohne weitere Orts- und Zeitangaben. Wer daran festhält, ist Christin und Christ. Andernfalls ist der ganze Glaube, wie schon gesagt, „nutzlos“.

Autorin
Sind wir nun klüger? Wir bekommen noch einen einzigen konkreten Anhaltspunkt, und der ist das vierte sichere Faktum. Das ist das seltsame Wort „Er erschien“, das immer wieder auch in den Ostererzählungen der Evangelien auftaucht.

Pesch
Sagen wir nicht sofort: „Aha, Vision!“ Das ist ja auch nur ein unklares Wort und lässt auch sogleich an Einbildungen, an Wahnideen denken. Nein, so ist gar nichts erklärt. Schon gar nicht, wie die verängstigten und demoralisierten Jünger denn ausgerechnet auf solche Wahnideen verfallen sein sollen. „Er erschien“ heißt, ganz wörtlich übersetzt:   „Er hat sich sehen lassen“. Die Texte wollen sagen, dass die Initiative von Jesus ausgeht. Er „hat sich sehen lassen“. Und weiter: Das Wort, das die Zeugen benutzen, wird in der Bibel Israels immer dann benutzt, wenn eine Gotteserscheinung angesagt werden soll [zum Beispiel Ex 3,2: 6,3; 16,10; Ps 80,2; 94,1 und noch öfter]. Wenn ein solches „Erscheinen“ nun von Jesus gesagt wird, dann wollen die Zeugen sagen: Jesus ist den Jüngern in der Gestalt einer Gotteserscheinung begegnet. Jesus ist bei Gott, er lebt ein Leben, dem kein Tod mehr etwas anhaben kann. Und so steht er hinter der Gemeinde der Glaubenden und ist für sie die Hoffnung über allen Tod hinaus. Und deshalb kann man mit ganz neuem Mut nach Jerusalem, in die Stadt der Gefahr ziehen und dort eine Urgemeinde der Christusanhänger sammeln.

Autorin
Soweit die sicheren Tatsachen! Aber bleiben jetzt keine Fragen mehr? Unsere Armut an genauem Wissen über das, was Auferstehung als solche heißt, ist doch überwältigend.

Pesch
Und so hat man sich denn schon immer der Zumutung der Osterbotschaft mit der Auskunft entzogen, es handle sich um eine schöne Legende, die „eigentlich“ uns etwas ganz anderes sagen wolle und die wir nur ja nicht wörtlich nehmen dürften. Diese Auskunft ist sogar heute wieder ganz groß in Mode gekommen. Was „bedeutet“ Auferstehung Jesu heute nicht alles!

„Auferstehung Christi“ bedeutet, dass wir an das Kreuz Jesu gegen allen Augenschein als Handeln Gottes zu unserem Heil glauben sollen.

„Auferstehung Jesu“ bedeutet, dass wir der Liebe Jesu, die ihn ans Kreuz brachte, in unserem Leben nachfolgen.

„Auferstehung Jesu“ geschieht, wenn in uns die Liebe stärker wird als der Tod.

„Auferstehung Jesu“ geschieht, wenn wir auferstehen zu einem neuen Leben in Gerechtigkeit.

„Auferstehung Jesu“ geschieht, wenn unser Leben heil wird in neuem Vertrauen,
das alte Angst überwindet.

„Auferstehung Jesu“ ereignet sich, wenn unsere Beziehung untereinander wieder so heil wird, wie es Gott entspricht und wie es uns Jesus vorgelebt hat.

Und so weiter! Der Sprüche ist kein Ende! Man kann davon nicht ohne Ironie reden. Und die gemeinsame Melodie ist unschwer zu erkennen: Auferstehung Jesu ist, wenn wir auferstehen oder wenigstens uns bemühen, aufzustehen. Nur hat die Melodie leider die Texte gegen sich. Denn die beharren eisern darauf, dass nicht (zuerst) etwas mit uns geschieht, sondern zuerst mit Jesus, und zwar von Gott her - und dann allerdings auch etwas mit uns. Hätte man aber damals, bei der Entstehung der Kirche, so über den Grund des christlichen Glaubens geredet, der christliche Glaube wäre untergegangen wie die alten Götterreligionen auch! Ersatzgedanken bewegen nicht die Welt. Da wäre es ehrlicher, schlicht „Nein“ zu sagen.

Autorin
Aber bevor wir das tun, sollten wir uns zwei ebenso schlichte wie radikale Fragen stellen:

Was wäre, wenn Jesus ganz sicher nicht auferstanden wäre?
Und: Warum fragen wir überhaupt nach Jesus?

Pesch
Wir fragen nach Jesus, wir finden ihn interessant und seine Botschaft aufregend, weil wir nach Gott fragen. Und nach Gott fragen wir, weil wir nach dem Sinn und der Zukunft unseres Daseins auf dieser Erde fragen, nach dem, was wir in der Sprache des Glaubens das Heil nennen.

Wir schleppen Fragen mit uns herum, die wir nicht beantworten können. Noterfahrungen, die wir nicht aufheben können. Wo hören alle Tränen auf? Wo sind wir glücklich, ohne fürchten zu müssen? Wo hat nicht gerade das Schönste immer ein schnelles Ende, so dass oft und oft nur die Erinnerung das Schönste am Schönen ist? Wo ist ein Leben, das kein Tod mehr abbrechen kann? Wo darf ich unaustauschbar ich sein, mit meinem unverwechselbaren Namen, und wo werde ich gerade so willkommen sein?

Jesus hat uns in seiner Predigt vom Reiche Gottes einen Gott vor Augen gestellt, der die Antwort auf diese Fragen hat und ist. Diesen Gott zu verkünden und dadurch Freude und Zuversicht unter den Menschen zu wecken, hat er als seine Sendung verstanden. Die Gegenwart dieses Gottes, das hat Jesus deutlich gemacht, ist unlösbar an sein Auftreten gebunden. Und nun stellen wir uns einmal vor, Jesus wäre schlechterdings im Tode geblieben, seine Verkündigung der Nähe Gottes wäre endgültig mit ihm am Kreuze untergegangen.

Autorin
Was könnte dann von seiner Botschaft noch aufregend sein? Was bliebe? Sicher: Die großen Worte von Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Aber was unterscheidet dann Jesus von anderen großen Lehrern menschlicher Weisheit? Braucht man ihn wirklich, um sagen zu können: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“?

Pesch
Nein, wir müssen es uns nüchtern eingestehen: Wenn Jesus nichts anderes in die Welt gebracht hätte als Forderungen, die Forderung des Glaubens an Gott eingeschlossen, dann bliebe seine Botschaft hinter den entscheidenden Menschheitsfragen ebenso zurück wie die Lehre jeder anderen Menschenweisheit. Nur wenn von Jesus gesagt werden kann: Er lebt bei dem Gott, der er verkündet hat, nur dann zwingt uns der Karfreitag nicht, über der Predigt Jesu von der unwiderruflichen Nähe Gottes bei den Menschen die Akten zu schließen. Nur dann ist seine Predigt von Gott nicht die seltsamste, sondern die aufregendste Nachricht der Weltgeschichte.

Und damit sind wir bei der entscheidenden Einsicht:

Es geht letztlich gar nicht um Jesus, es geht um Gott! Es geht darum, ob der Gott, den Jesus uns verkündet hat, ein Wunschtraum ist oder Wirklichkeit. Es geht darum, ob Gott wirklich uns vorbehaltlos nahe ist, im Voraus zu unseren Leistungen und trotz unserer Schuld.

Autorin
Nur wenn über Jesus gesagt werden kann:

Pesch
Er ist nicht im Tode geblieben, er lebt, und zwar in der Herrlichkeit Gottes, wie es die ansonsten unbeschreiblichen „Erscheinungen“ den Jüngern gewiss gemacht haben – dann hat sich Gott hinter den von Gott scheinbar Verlassenen gestellt! Und dann stimmt auch alles, was er über Gott gesagt hat. Dann dürfen wir trotz des Kreuzes an diesen Gott glauben. Dann gibt es Hoffnung für die Toten – gerade auch für diejenigen Toten, die gar nicht wirklich haben leben dürfen.

Autorin
Und darum wird nun auch klar:

Pesch
Wir glauben nicht an Gott und außerdem noch an Jesus Christus und schließlich auch noch an seine Auferweckung. Wir glauben an den Gott, den Jesus verkündet hat und der sich hinter seine Predigt gestellt hat. Wenn wir das auftrennen und drei voneinander getrennte Glaubenssätze daraus machen, dann werden wir nie von der Frage loskommen: Müssen wir uns diese „Legende“ von der Auferweckung auch noch zumuten? Ist es nicht schon Zumutung genug, in dieser Welt an Gott zu glauben? 

Autorin
Nur wenn wir begreifen: Es ist ein und dieselbe Zumutung und damit auch ein und dieselbe frohe Botschaft, an Gott glauben zu dürfen und an die Auferweckung Jesu zu glauben – dann ist der Anschein beseitigt, als glaubten die Christen an allerlei wunderliche Dinge, wie sie die alten Heiden so ähnlich auch glaubten.

Pesch
Ja, „wär’ er nicht erstanden“, dann wäre erwiesen, dass Gott nicht so ist, wie Jesus ihn uns vor Augen gestellt hat. Er wäre eben nicht der „Gott der Lebenden“.

Autorin
Die Welt würde sich weiter um sich selbst und um die Sonne drehen. Aber wer möchte auf dieser Welt dann noch leben? In einer Welt, in der es keine Hoffnung mehr gäbe auf einen Gott, der sich am Ende gegen alles Leid, gegen alle Bosheit, gegen alle Ungerechtigkeit als „Gott der Lebenden“ erweist.


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Dieser Beitrag wurde am 19.04.2015 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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